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Große Anghst vorm kleinen Helfer: In Amerika geht die Angst um, die Daten digitaler Menstruationskalender wie Saturn könnten von US-Behörden zur Feststellung und Verfolgung von Schwangerschaftsabbrüchen herangezogen werden. Foto: © Andre M. Chang/ZUMA Press Wire Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

„Menstruations-Apps löschen!“ – Amerikas Frauen fürchten staatliche Abtreibungskontrolle

Der US-Supreme Court hat das Urteil „Roe vs. Wade“ von 1973 kassiert, und das hat schon jetzt Folgen: In neun Bundesstaaten sind schon Abtreibungsverbote in Kraft getreten, in sechs weiteren wird die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs innerhalb des nächsten Monats erwartet. Es wird damit gerechnet, dass am Ende in etwas mehr als der Hälfte der 50 Bundesstaaten die unumschränkte Hoheit der amerikanischen Frauen über ihren eigenen Körper endet.

Die Entscheidung hat das Zeug, eine Hexenjagd auszulösen

Schon jetzt werden in US-Kliniken geplante Eingriffe abgesagt. Medizinern und Medizinerinnen sowie medizinischem Personal, die Frauen in Not helfen, drohen nicht unerhebliche Freiheitsstrafen. Die Entscheidung des Obersten Gerichts hat nach Ansicht von Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtlern das Zeug dazu, eine Hexenjagd auszulösen wie damals in der McCarthy-Ära – von 1947 bis 1956 gab es eine Verfolgung echter und vermeintlicher Kommunisten in den USA.

„Period Tracker“: Modern, elegant - und Hilfe für die Abtreibungsgegner

Zu dieser Jagd könnten auch sogenannte „period tracker apps“ beitragen. Bisher waren die größten Sorgen der Nutzerinnen solcher digitalen Menstruationskalender, die dort gespeicherten Daten könnten an Unternehmen weitergeleitet werden, die dann Werbung zuhauf auswerfen. Nun geht die Sorge um, dass die Angaben auch von Behörden zur Strafverfolgung angefragt und von den Unternehmen überlassen werden könnten. Woraufhin die Staatsanwälte gegebenenfalls wegen Verdachts auf Abtreibung Ermittlungen einleiten könnten.

Digitale Zykluskontrolle galt in den zurückliegenden Jahren als besser als die alte Papierkalender-meets-Bleistift-Methode. Die Daten und Symptome lassen sich so einfacher und übersichtlicher verfolgen und bewerten. Das Frauenmagazin „Women‘s Health“ etwa empfahl seinen Leserinnen im vorigen Sommer gleich mehrere der Apps. Der digitale Periodenkalender ließe sich bequem mit dem Smartphone verfolgen. Fruchtbare Tage können durch die individuell eingegebenen Daten errechnet werden – man habe es jetzt digital, wann man auf eine Schwangerschaft hinarbeiten oder ihr vorbeugen kann.

In der Liste der ansprechendsten Apps fand sich der britische „Flo Ovulation & Period Tracker“ (von Flo Health UK Limited) auf dem Spitzenplatz in Sachen Komfort und Nutzerhäufigkeit, auf Platz 2 stand die Berliner App „Clue“. Beide zusammen haben in den USA nach eigenen Angaben 55 Millionen Nutzerinnen. Marktführer im Apple-Store in den USA ist die Astrologie-gekoppelte Menstruations-App Saturn.

Angst, Sarkasmus und Widerstand in den Sozialen Medien

„Seid ihr Frauen in Amerika – dann löscht euren Periodentracker“, empfiehlt jetzt eine Nutzerin bei Twitter. Eine 20-jährige Cat bemerkt: „Ich sollte nicht in einer Welt leben müssen, in der ich sage: ,Ich bin froh, dass ich nie einen Menstruationstracker benutzt habe, denn jetzt muss ich mir keine Sorgen mehr machen, dass ich verhaftet werde, weil ich keinen mehr benutze.“ Die Musikerin Terra Kestrel gibt sich kämpferisch: „Ich denke darüber nach, mir einen Periodentracker zu holen, nur um ein Bündel Abtreibungen zu faken.“

Die Befürchtung dahinter: Wer die Daten aus der App hat, kann nachvollziehen, wann eine Frau schwanger gewesen sein könnte. Und wann nicht mehr.

Die Theologin Natalya A. Cherry verweist auf Margaret Atwoods dystopischen Roman „Der Report der Magd“, in dem ein amerikanischer Gottesstaat geschildert wird, in dem Frauen als Dienerinnern und Gebärerinnen unterdrückt werden: „Freunde, Margaret Atwood sagte im September vor drei Jahren, dass wir noch nicht in Gilead leben. Aber ich denke, wir sind jetzt nahe dran.“ Das amerikaweite National Public Radio (NPR) gab eine Warnung vor „period tracker“-Apps heraus. Empfehlung: Löschen!

Die Anbieter der Apps versprechen Anonymisierung

Die Anbieter versichern nun, alles zu tun, was Ängste nimmt, Bedenken zerstreut. „Sie verdienen das Recht, ihre Daten zu schützen“, lautet etwa ein Slogan, mit dem sich Flo am vergangenen Samstag bei seiner Kundschaft meldete. Man werde „bald“ einen Anonymisierungsmodus bereitstellen, „so dass niemand Sie identifizieren kann“. Dazu das Versprechen: „Wir werden Ihre persönlichen Daten nicht verkaufen.“ Man stehe vielmehr ein für die Gesundheit der Frauen, und – damit auch klar wird, was man bei Flo darunter versteht: „Die Möglichkeit einer sicheren Abtreibung ist ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung.“

Stardust-Gründerin Rachel Moranis verkündete am selben Tag auf der TikTok-Seite ihrer App eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für alle Nutzerinnen an. Und führte aus, dies bedeute, „dass wir im Falle einer Vorladung durch die Regierung gar nicht in der Lage sein werden, Ihre Periodenverfolgungsdaten herauszugeben“. Von Clue kam am Sonntag darauf ein ähnlich lautender Tweet: „Die von Ihnen erfassten Daten sollten Sie in Ihren privaten Gesundheitsentscheidungen bestärken“, so das Unternehmen. „Wir werden es niemals jemandem ermöglichen, sie gegen Sie zu verwenden. #RoevWade“.

Alle können sich eine staatliche Überwachung vorstellen

Bislang ist ein solcher Fall auch nicht bekannt. Beängstigend ist aber, dass sich nicht nur die vom Staat empörten Bürgerinnen sondern auch die App-Anbieter, eine solche Kontrolle in Amerika vorstellen können. Eva Blum-Dumontet, eine Forscherin auf dem Gebiet der Überwachungstechnik, hält es gegenüber dem Nachrichtenportal „Business Insider“ zwar für „unwahrscheinlich“, dass Zyklusdaten von Frauen an Regierungsstellen weitergegeben werden, aber unvorstellbar sei es nicht. Falsch sei es, diesbezüglich in einem Gefühl der Sicherheit zu leben.

Nur der Anfang: Richter Thomas will auch andere Urteile überprüfen

Das Urteil des Supreme-Courts könnte eines von mehreren sein, dass das Leben in Amerika schwerer macht. Richter Clarence Thomas fordert in seinem Kommentar zu dem Urteil, dass bald weitere Grundrechte „überprüft“ werden müssten, die er für unstatthaft hält. Als da wären das Recht auf Zugang zu Verhütungsmitteln, das Recht auf homosexuelle Beziehungen und das Recht der Ehe für alle.

Das Urteil, wonach Personen unterschiedlicher Hautfarben heiraten dürfen (Loving vs Virginia, 1967), das manche Republikaner ebenfalls gern auf dem Prüfstand wüssten, ließ Thomas unerwähnt. Der Afroamerikaner ist selbst mit einer Weißen verheiratet.

Die Demokraten wollen das Recht auf Abtreibung wieder einführen

„Der Kongress muss handeln“, sagte US-Präsident Joe Biden, der das Ende von „Roe vs Wade“ als „tragischen Fehler des Obersten Gerichtshofes“ und als „Verwirklichung einer extremen Ideologie“ bezeichnet hatte. Die Demokraten wollen das Recht auf Abtreibung nun wieder einführen. Irgendwie und unbedingt. Aber mit Präsidentenverfügungen allein dürfte ihnen das nicht gelingen. Und im Senat sitzen den 48 Demokraten (und zwei Unabhängigen) 50 Republikaner gegenüber.

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Von Matthias Halbig/RND