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Barbara Salesch kommt zurück auf die TV-Bildschirme. Der Sender RTL hat eine neue Show mit der Richterin angekündigt. Quelle: picture alliance / dpa

Schluss mit dem Laientheater? Sat.1 verabschiedet sich von der Scripted Reality

Hannover. Deutsches Privatfernsehen, Ende der 2000er Jahre: In der RTL-Nachmittagssendung „Mitten im Leben“ bahnt sich der Höhepunkt der aktuellen Folge an. Protagonistin Michaela freut sich auf einen romantischen Abend mit ihrem Freund Sebastian. Sie öffnet die Tür und wird freudig begrüßt. „Hallo mein Schatz“, sagt ihr Partner. Dann schwenkt die Kamera auf den Mann in Unterhose. Er liegt auf einem Tisch, umringt von Teelichtern - und sein gesamter nackter Oberkörper ist bedeckt mit Spaghetti Bolognese. „Hast du Hunger mitgebracht?“

Es ist nur eine von vielen absurden Szenen aus dem Genre der Scripted Reality, das über Jahrzehnte hinweg das deutsche Privatfernsehen geprägt hat. „Mitten im Leben“ war eine dieser merkwürdigen Sendungen. „Family Stories“ auf RTL 2 eine andere. Hier wird Protagonistin Dominique über die Jahre zur Kultfigur. Dominique ist arbeitslos, tollpatschig und übergewichtig. In einer Folge zaubert sie ihrer Tante Marianne ein „Drei-Gänge-Menü“: Es besteht aus Fleischwurst, Fett und jeder Menge Zucker.

Genau solche Szenen werden im Privatfernsehen künftig seltener zu sehen sein. Der Sender Sat.1 hat angekündigt, sich von sämtlichen Formaten aus dem Genre Scripted Reality zu verabschieden. Konkurrent RTL allerdings plant derweil genau das Gegenteil: Der Privatsender bringt mit Barbara Salesch und ihrem Richter-Kollegen Ulrich Wetzel gleich zwei Gerichtshow-Klassiker zurück auf die Bildschirme, die das Genre der Scripted Reality überhaupt erst groß gemacht haben.

Was erhoffen sich die Sender davon? Und wie steht es um die Zukunft des Billig-Fernsehens?

Ermittler-Shows und Krawall-Familien

Scripted Reality, ein Wort, das erstmals in den 2000er Jahren die Runde macht, beschreibt günstig produzierte TV-Sendungen, in denen reale Ereignisse vorgegaukelt werden. Dargestellt werden sie häufig von Menschen ohne allzu große Schauspiel-Expertise.

Unzählige solcher Shows prägen mehr als 20 Jahre lang das Programm der Privatsender. Bei Sat.1 sind es vor allem Ermittler-Shows wie „Niedrig und Kuhnt“, „Lenßen und Partner“ oder „K11 - Kommissare im Einsatz“. Der Sender RTL widmet sich stattdessen eher geskripteten Familien-Soaps mit ganz viel Trash-Faktor. „Familien im Brennpunkt“, „Mitten im Leben“ oder „Verdachtsfälle“ lösen wegen ihrer abstrusen Handlungsstränge Diskussionen um den Niedergang des Fernsehens aus - einige Szenen, wie etwa die Bolognese-Episode, entwickeln sich zu Internet-Memes, die bis heute im Netz geteilt werden.

Gerichtsshows machen Scripted Reality populär

Ihren Ursprung aber haben die deutschen Scripted Realitys woanders. Die ersten erfolgreichen Shows des Genres sind Gerichtssendungen, die ab Ende der Neunzigerjahre sowohl im öffentlich-rechtlichen, vor aber allem aber im Privatfernsehen ausgestrahlt werden.

Die Sendung von Barbara Salesch (Sat.1) beginnt im Jahre 1999 zunächst mit echten Schiedsgerichtsverhandlungen. Diese stellen die Produzentinnen und Produzenten mit der Zeit jedoch vor Herausforderungen. Die Fälle sind zu komplex und das Einverständnis der Protagonisten notwendig. Auch fehlen in Schiedsgerichtsverhandlungen die klassischen TV-Quotenbringer wie Mord und Totschlag.

Ab Oktober 2000 verhandelt Barbara Salesch daher ihre erste gescriptete Strafverhandlungen - was sich unmittelbar positiv auf die Quoten der Sendung auswirkt. Kurz nach der Umstellung erreicht die Gerichtsshow Marktanteile von sensationellen 30 Prozent. Kein Wunder, dass schnell Ableger folgen: Ab 2001 ermittelt bei Sat.1 auch „Richter Alexander Holt“, bei RTL folgen zur selben Zeit „Das Jugendgericht“ und „Das Familiengericht“.

Produktionsfirma entdeckt Marktlücke

Schon damals auffällig: Alle Gerichtsshow werden, egal bei welchem Sender sie laufen, von ein und derselben Produktionsfirma produziert: dem Kölner Unternehmen Filmpool. Zählt die Firma anfangs 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wächst die Zahl mit der Zeit auf 600 an - das Geschäft mit der Scripted Reality wird zum Mega-Erfolg. Filmpool exportiert zahlreiche seiner Formate später auch ins Ausland.

Bei Sat.1 folgen Streit-Shows wie „Zwei bei Kalwass“ und Pseudo-Ermittler-Dokus wie „Niedrig und Kuhnt“, bei RTL gehen Mitte der 2000er Jahre gescriptete Familiendokus wie „Familien im Brennpunkt“ auf Sendung. Mit der Zeit wird das Format Scripted Reality immer lauter, immer absurder, immer fragwürdiger. Und irgendwann wird nachmittags im Privatfernsehen nur noch gebrüllt und geschrien.

Häufig machen sich die TV-Formate über dicke oder arbeitslose Menschen lustig, die aus Sicht der Produzentinnen und Produzenten vor allem eines sind: faul. Protagonistinnen werden gezeigt, wie sie kiloweise Mett mit Maggi in sich hereinschaufeln oder sich zu jeder Tages und Nachtzeit Sprühsahne in den Mund laufen lassen.

Echt oder gespielt?

Dass es sich dabei um gespielte Szenen handelt, ist vielen Zuschauerinnen und Zuschauern offenbar nicht klar: Eine Studie der Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens aus dem Jahr 2011 zeigt, dass mehr als die Hälfte der jungen Zuseher die Handlungen der Sendung „Familien im Brennpunkt“ für bare Münze nimmt. Die Forscherinnen und Forscher befürchten ein „verzerrtes Bild von Menschen und Milieus“.

Genau solche Elemente halten später auch Einzug in Formate, die eigentlich nicht zur Gattung der Scripted Reality zählen. Für Sendungen wie „Frauentausch“, „Schwer verliebt“ oder „Schwiegertochter gesucht“ werden unbeholfene Protagonisten gecastet, um dann für den Zuschauer und die Zuschauerin vor der Kamera mit allen verfügbaren Mitteln erniedrigt zu werden.

So sollen Protagonistinnen und Protagonisten immer wieder auch zu Handlungen gezwungen worden sein, die sie normalerweise niemals begehen würden. Im Jahr 2009 etwa berichtet das Medienmagazin „Zapp“ (NDR) über die RTL-2-Sendung „Frauentausch“, die von Constantin Entertainment produziert wird. Teilnehmer sollen getäuscht, manipuliert und absichtlich herabgewürdigt worden sein, so die Vorwürfe. Ein Teilnehmerin der Sat.1-Sendung „Schwer verliebt“ erzählt dem ZDF, sie habe gegen ihren Willen einen Kandidaten küssen müssen.

„Keine Zukunft mehr“

Mit dem Niveau der Sendungen sinken jedoch im Laufe der Jahre auch die Einschaltquoten der Billig-Formate. 2019 kündigt der Sender RTL schließlich an, das Genre komplett aus dem Programm zu streichen. „Scripted Reality“ habe schlichtweg „keine Zukunft mehr“, heißt es. Eines der letzten Formate ist zu diesem Zeitpunkt die Pseudo-Doku „Meine Geschichte, mein Leben“.

Nun zieht auch Sat.1 nach. Wie das Medienmagazin „DWDL.de“ berichtet, kündigte Senderchef Daniel Rosemann auf der Branchenveranstaltung Screenforce Days eine „radikale Erneuerung für radikal bessere Reichweite“ an. Sat.1 werde aktuell keine neuen Folgen von Scripted-Reality-Serien für die „Daytime“ beauftragen, bestätigt ein Sendersprecher dem Magazin.

Aktuell sind noch Formate wie die „Klinik am Südring“, „Lenßen ermittelt“ und „K11 - Die neuen Fälle“ im Nachmittagsprogramm des Senders zu sehen, sowie das Polizei-Format „Auf Streife“, das bereits seit neun Jahren läuft. „Scripted Realitys haben ja wirklich lange Sat.1 begleitet“, so Rosemann bei den Screenforce Days. „Wir glauben aber nicht daran, dass es die Zukunft ist. Und deswegen gibt einen radikalen Einschnitt, noch in diesem Jahr.“

Nähere Details zu den Gründen nannte der Sender zunächst nicht. Diese liegen aber auf der Hand: In den vergangenen Jahren hatte Sat.1 immer wieder, vor allem mit seinen Promi-Reality-Shows, Negativschlagzeilen gemacht. Zahlreiche Formate - auch aus dem Scripted-Reality-Bereich - floppten. Seit einem Jahr ist nun Daniel Rosemann neuer Sat.1-Chef - und will den Sender offenbar gehörig umkrempeln. Statt billiger Scripted Reality soll im Nachmittagsprogramm künftig eine dreistündige Liveshow mit dem Namen „Volles Haus!“ laufen.

RTL holt Salesch zurück

Etwas ungewöhnlich mag es da schon anmuten, dass nun ausgerechnet der Sender RTL eine Rolle rückwärts macht. Richterin Barbara Salesch und Richter Ulrich Wetzel, bekannt aus dem RTL-„Strafgericht“, sollen bald bei dem Privatsender ein Comeback feiern. Details zu den Sendungen gibt es noch nicht. Nahe liegt aber, dass sie den früheren Formaten ähneln werden.

Dies wiederum könnte mit der Retro-Welle zu tun haben, auf der der Sender aktuell schwimmt: Neben der Comedy-Show „Sieben Tage, sieben Köpfe“ hat RTL auch „Die „Der Preis ist heiß“ neu aufgelegt - „Die 100.000-Mark-Show“ soll folgen.

Salesch und Wetzel passen da nur zu gut ins Bild. Zwar stehen sie als Wegbereiter für ein fragwürdiges TV-Genre, dass dem Fernsehen über 20 Jahre hinweg unendlich viele Tiefpunkte beschwert hat. Eines sind sie aber für manche auch: Kult.

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Von Matthias Schwarzer/RND