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Hinter der Modediagnose Burn-out verbirgt sich oft eine Depression. Quelle: Shutterstock

Hochsensibel, toxische Beziehung, Burn-out: Was verbirgt sich hinter diesen Modediagnosen wirklich?

Heute kennt fast jeder jemanden, der in einer toxischen Beziehung lebt, an einem Burn-out leidet oder sich selbst als hochsensibel bezeichnet. Dabei sind diese Begriffe gar nicht so klar definiert. Was sich hinter „Modediagnosen“ verbirgt und warum wir manche Begriffe in der Alltagssprache falsch verwenden.

Was bedeutet toxische Beziehung?

Wenn Paare viel streiten oder das Liebesaus besonders schmerzhaft ausfällt, neigen wir heute schnell zu dem Urteil: Es war eine toxische Beziehung. Das muss aber gar nicht stimmen. Denn damit sind nicht etwa alle Beziehungen gemeint, in denen es an Harmonie mangelt oder die uns unzufrieden machen.

„Der Beziehungsalltag ist nicht immer leicht“, sagt Psychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier. „Bei toxischen Partnerschaften kommt es aber zu emotionalen Verletzungen, die über die Streitigkeiten einer ‚normalen‘ Beziehung deutlich hinausgehen. Diese Beziehungen führen zu einer Abwärtsspirale, aus der man erstaunlich schwer wieder hinausfindet – und sie können sogar regelrecht krank machen.“

Ein wichtiges Warnsignal sei es, wenn das Selbstwertgefühl leide, die Beziehung einem keine Kraft gebe, sondern man stattdessen immer schwächer werde – es dadurch aber noch weniger schaffe, sich zu trennen. Die Beschäftigung mit den Beziehungsproblemen könne hierbei obsessiv werden und einen Tag und Nacht beschäftigen. „Im Extremfall kann man kaum noch schlafen, essen, arbeiten“, so Hemschemeier. Das Umfeld rate oft vehement ab, gleichzeitig entferne man sich durch die Beziehung immer weiter von Freunden und Familie.

Ein weiteres toxisches Merkmal laut Hemschemeier: „Die Beziehung ist geprägt von extremen Hochs und Tiefs, starker emotionaler Kälte und dann heftigen, innigen und emotionalen Wiederversöhnungen. Die guten Zeiten werden aber immer weniger, die schlechten immer mehr.“ In toxischen Beziehungen übt ein Partner oft extreme Kontrolle aus, es komme immer wieder zu verbalen oder sogar körperliche Grenzübertritten, ständigem einseitigem Kritisieren und dem Scheitern sämtlicher Versuche, Konflikte zu lösen. Hemschemeier warnt: Beziehungen mit toxischen Merkmalen sind „alles andere als gesund“. Daher bleibe am Ende oft nichts anderes übrig, als sie zu beenden.

Was ist ein Trauma?

Ein schreckliches Date, ein furchtbarer Urlaub, ein misslungenes Jobinterview: Manche Menschen sprechen nach solchen Erlebnissen von traumatischen Erfahrungen oder sagen gar: „Ich habe ein Trauma.“ Mit dem, wofür das Wort wirklich steht, hat das aber meist eher wenig zu tun.

„Umgangssprachlich wird der Begriff Trauma häufig in Bezug auf verschiedendste als leidvoll erlebte Vorkommnisse verwendet“, heißt es in einer Erklärung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT). Nach medizinischen Diagnosekriterien sei der Begriff aber wesentlich enger definiert.

Traumata werden demnach nach außergewöhnlichen Bedrohungssituationen beobachtet, nach dem tatsächlichen oder drohenden Tod, körperlicher Verletzung oder Bedrohung, die selbst erlitten oder miterlebt wurde. Die DeGPT fasst es so zusammen: „Als traumatisierend werden im Allgemeinen Ereignisse wie schwere Unfälle, Erkrankungen und Naturkatastrophen, aber auch Erfahrungen erheblicher psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt sowie schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen bezeichnet.“ In der Folge eines echten Traumas treten oft typische Belastungsreaktionen auf, zu denen etwa das innere Wiedererleben der Situation in Albträumen oder sogenannten Flashbacks gehört.

Was bedeutet Depression?

Wenn jemand aus unserem Umfeld unglücklich ist, neigen wir schnell dazu, zu sagen, er sei depressiv. Ein bloßes, vorübergehendes Stimmungstief ist aber von der medizinischen Diagnose Depression zu unterscheiden.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe erklärt es so: „Jeder kennt das Gefühl, ‚schlecht drauf‘ zu sein. Plötzlich ist alles deprimierend: die Beziehung, das Wetter, der Job. Doch eine Depression ist etwas anderes: Gefühle, Gedanken, Körpererleben und Verhalten sind so stark verändert, dass ein normales Leben kaum möglich ist – denn Depression ist eine Krankheit.“ Eine Depression im medizinischen Sinne sei nicht nur eine Phase der Niedergeschlagenheit, die bei fast jedem Menschen im Laufe des Lebens ein- oder mehrmals auftreten könne. Sondern sie geht mit Störungen von Hirn- und anderen Körperfunktionen einher und verursacht erhebliches Leiden, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören demnach eine anhaltende gedrückte Stimmung oder in anderen Fällen die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle überhaupt noch wahrzunehmen. Kennzeichnend ist außerdem der Verlust von Interesse an all dem, was einem vorher Freude bereitet hat. Zusätzliche Symptome können Antriebsarmut, innere Unruhe und Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken sein. Wenn mindestens ein Hauptsymptom und fünf zusätzliche Symptome länger als zwei Wochen anhalten, liegt womöglich eine Depression vor. Die Diagnose sollte von einem Arzt gestellt werden.

„Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien“, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Es gebe aber mit der Psychotherapie und Medikamenten „gute und effektive“ Behandlungsmöglichkeiten.

Was bedeutet hochsensibel?

Der Begriff wurde in den 90er-Jahren von der US-amerikanischen Buchautorin und Psycho­login Elaine Aron geprägt. Ihr Buch „Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen“ wurde in über 70 Sprachen übersetzt. Aron entwarf die Theorie, dass hochsensible Menschen besonders stark auf äußere Reize wie Geräusche, Gerüche oder optische Eindrücke reagieren. Sie sollen dadurch leichter an Reizüberflutung leiden, ein höheres Rückzugsbedürfnis haben und negative wie positive Emotionen stärker empfinden. Viele Menschen, die sich von dem Konzept oder der Literatur zum Thema angesprochen fühlen, erachten sich selbst als hochsensibel und finden sich in Blogs und Foren oder sogar Vereinen zusammen. Allerdings handelt es sich bei der Hochsensibilität um ein Konzept, das wissenschaftlich umstritten ist.

In Arons Buch findet sich ein Test zur Selbstdiagnose, der aber auf wenig präzisen Fragen beruht: Wer Aussagen wie „Ich besitze ein reiches, vielschichtiges Innenleben“, oder „Laute Geräusche bereiten mir Unbehagen“ zustimmt, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit als „hochsensibel“ eingestuft. Es gibt aber kein wissenschaftliches Verfahren, mit dem sich Hochsensibilität sicher feststellen lässt. „Eindeutige Forschungsergebnisse, die eine klare Abgrenzung dieser Personengruppe ermöglichen würden, existieren bislang nicht“, hat der Psychiater Andreas Meißer in einem Beitrag für das Wissenschaftsjournal Neurotransmitter kritisiert. Es stelle sich die Frage, ob der Begriff nicht deshalb in den letzten Jahren aufgetaucht sei, „weil heute tatsächlich durch brüchiger werdende Sozialbeziehungen, die sich rasch wandelnde Arbeitswelt, die Digitalisierung sowie Lärm- und Umweltbelastungen ein erhebliches Maß an Reizüberflutung und Überforderung besteht“.

Meißer bestreitet nicht, dass es Menschen gibt, die Merkmale der Hochsensibilität zeigen. Das „Propagieren einer besonderen Gesellschaftssubgruppe“ sei jedoch unnötig. Angeborene Temperamentunterschiede seien schon lange bekannt, so Meißer. Es gebe in der Psychologie auch bereits die Definition selbstunsicherer oder ängstlich-vermeidender Persönlichkeiten. Meißer weist außerdem darauf hin, dass Hochsensibilität im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten auftritt. In einer Untersuchung hätte sich bei einem sehr hohen Anteil von Probanden, die mit Fragebogen als Hochsensible eingeordnet wurden, „hohe Depressivität und Ängstlichkeit“ gezeigt. Eine eigene medizinische Diagnose brauche aus dem Begriff der Hochsensibilität also nicht zu entstehen, es bestehe auch „kein Bedarf für die Einführung neuer Therapien“.

Was bedeutet Burn-out?

Der Begriff Burn-out wird umgangssprachlich meist dann verwendet, wenn jemand wegen psychischer Probleme arbeitsunfähig wird. Dabei soll eine Arbeitsüberlastung, Selbstüberforderung und fehlende Work-Life-Balance die Ursache sein. „Burn-out hat sich im deutschsprachigen Raum als Modebegriff verbreitet“, heißt es hierzu von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Dabei sei der Begriff Burn-out nicht klar definiert und in den maßgeblichen internationalen Klassifikationssystemen gebe es keine Diagnosekriterien für Burn-out. Es werde nicht als eigenständige Erkrankung eingestuft, sondern sei ein Begriff, unter dem verschiedene psychische und körperliche Symptome zusammengefasst würden.

In vielen Fällen verberge sich hinter einem scheinbaren Burn-out etwas anderes: „Ein Großteil der Menschen, die wegen Burn-out eine längere Auszeit nehmen, leidet de facto an einer depressiven Erkrankung. Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu regelhaft auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört“, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Dabei kritisiert die Stiftung die Vermischung der Begriffe. Denn diese könne zum falschen Verhalten führen: „Mit dem Begriff Burn-out ist die Vorstellung verbunden, dass langsamer treten, länger schlafen und Urlaub machen gute Bewältigungsstrategien seien. Verbirgt sich hinter den Symptomen jedoch eine depressive Erkrankung, so sind dies oft keine empfehlenswerten und oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung. Auch wird einem depressiv Erkrankten von einem Urlaubsantritt abgeraten, da die Depression mitreist und der eigene Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird.“

Von Irene Habich/RND