Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Steinzeitmythen. Quelle: RND-Illustration/Patan

Männer waren Jäger – und parken deshalb besser ein? Warum solche Steinzeitmythen „Unfug“ sind

Herr Uthmeier, Männer haben beim Jagen weitere Strecken zurückgelegt als Frauen, brauchten eine bessere Orientierung. Angeblich können sie deshalb bis heute besser einparken. Solche zweifelhaften bis unsinnigen Zuschreibungen finden sich im Internet zuhauf. Wie entstehen solche Steinzeitklischees?

Es ist eine Mischung aus Unwissenheit und Romantisierung. Seit Generationen blicken wir zurück und sagen, früher war es besser, egal ob nun in der Antike, im Mittelalter oder den letzten 50 Jahren. Auch die Steinzeit muss als vermeintlich bessere Zeit herhalten. Damals, so die Annahme, waren die Menschen noch gesünder, lebten noch natürlicher, waren noch stärker von Instinkten getrieben.

Manches daran ist sicherlich nicht ganz falsch. Die Herleitung einer vermeintlichen besseren Fähigkeit zum Einparken über das steinzeitliche Jagen ist aber Unfug. Vermutlich gingen Männer und Frauen gleichermaßen auf die Jagd und brauchten bei ihren Wanderungen eine ähnlich gute Orientierung. Bei den Einparkklischees sind eher moderne gesellschaftliche Zuschreibungen im Spiel als Steinzeitinstinkte.

Wie steht es denn um die Übertragbarkeit von heutigen Verhaltensmustern auf unsere „Wurzeln“ in der Altsteinzeit? Stimmt es, dass wir wegen einer urtümlichen Angst vor Raubtieren sehr gern mit dem Blick zur Tür schlafen.

Auch hier halte ich die moderne Interpretation für problematisch. Woher wissen wir denn, dass ein Neandertaler in ständiger Angst lebte? Wir arbeiten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit Jägern und Sammlern aus Namibia zusammen. In Gesprächen stellte sich heraus, dass sie überhaupt keine Angst vor Löwen oder Nilpferden haben. Sie wissen einfach, damit umzugehen. Aus unserer Wahrnehmung sind beides gefährliche Tiere. Die Bewertung von Gefahr kann je nach Prägung aber sehr unterschiedlich ausfallen.

Sicherlich haben sich bestimmte Instinkte oder genetische Voraussetzungen seit der Steinzeit wenig verändert. Aber gerade bei Ängsten oder in diesem Fall Vorsichtsmaßnahmen wäre ich mit Zuschreibung deutlich vorsichtiger. Heute möchte niemand einen Fremden im Schlafzimmer haben. Vor 300.000 Jahren sorgte man sich angesichts der geringen Bevölkerungsdichte vermutlich eher darum, dass das Feuer nicht ausgeht.

Ein weiteres Vorurteil aus der Steinzeit ist die Rolle der Männer als Jäger und der Frauen als Sammlerinnen. Ist diese Rollenaufteilung archäologisch belegbar?

Geschlechterrollen lassen sich archäologisch kaum belegen, höchsten Grabbeigaben verraten etwas über den gesellschaftlichen Status einer Person. Und in der Altsteinzeit gibt es keine Unterschiede zwischen den Grabbeigaben von Männern und Frauen, später gibt es diese sehr wohl.

Eine zweite Möglichkeit wäre es, auf heutige Jäger-und-Sammler-Kulturen zu blicken. Hierbei gibt es eine große Vielfalt von Organisationsform bei der Jagd, von einer Beteiligung der Frauen beispielsweise als Treiberinnen bis hin zu Fallbeispielen, bei denen Frauen ausschließlich für das Zerlegen und Zubereiten der Tiere zuständig sind. Solche Rollen könnte es auch in der Steinzeit gegeben haben. Beweisen werden wir es aber nicht.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei den altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern Männer und Frauen weitestgehend gleichberechtigt waren. Die meisten Aufgaben wurden nach Kompetenz vergeben und weniger nach Geschlecht. Ein guter Jäger führt vielleicht die Jagd an, tritt aber in den Hintergrund, wenn es um die Zubereitung von Essen oder Höhlenmalereien geht. Eine Art universelle Hierarchie dürfte es nicht gegeben haben. Auch das könnte man durchaus von Jägern und Sammler übernehmen.

Wie vergleichbar sind heutige Menschen und altsteinzeitliche Homo sapiens?

Der moderne Mensch taucht vor knapp 300.000 Jahren in Afrika auf. Dank guter Funde können wir sein Aussehen, aber auch die Größe seines Gehirns ziemlich gut rekonstruieren. Von der Grundausstattung her hat er sich kaum von uns unterschieden. Natürlich sagen körperliche oder geistige Voraussetzungen wenig über das Verhalten aus. Das ist aus meiner Sicht viel stärker von der Umgebung geprägt als von den Genen. Man könnte den Einfluss der Gesellschaft auf das Verhalten jedes Einzelnen mit Bildhauern vergleichen, die ihre im Stil ähnlichen Skulpturen aus individuellen Ausgangsgesteinen schaffen. Und das gilt auch für vermeintliche Urzeitinstinkte wie Aggressivität oder Mut. Auch ihre Ausprägung wird in erster Linie durch unsere Umgebung und unsere Gesellschaft geprägt.

Wie viel wissen wir über das Leben der Urzeitmenschen?

Durch immer neue Funde und immer neue Methoden wächst auch unser Wissen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Ernährung unserer Vorfahren. Sie hinterlässt ihre Spuren an Zähnen und in Knochen. Dank der Analyse stabiler Isotope sehen wir, dass auch Neandertaler und Homo sapiens keineswegs nur Fleisch aßen, sondern auch wildes Getreide, Wurzeln oder Beeren. Die Ernährung war ziemlich ausgewogen. Wanderungen lassen sich gut nachvollziehen, zum Beispiel indem man betrachtet, welche Materialien für die Werkzeuge genutzt wurden und wo sie vorkommen. Und über gefundene Lagerstätten erfahren wir, wie die Jagdbeute verarbeitet und wie die Tiere genutzt wurden – von Fell über Fleisch bis zu den Knochen in Notzeiten und nur die Filets in Phasen des Überflusses.

Es gibt Menschen, die versuchen, den steinzeitlichen Alltag nachzuahmen. Ein Beispiel: Ein älterer, wirklich fitter US-Amerikaner zieht seinen schweren Geländewagen jeden Mittag über seine Garageneinfahrt, um den Transport eines Mammuts zurück zum Lager nachzuahmen. Taugt aus Ihrer Sicht das Leben der Jäger und Sammler als Vorbild für unseren Alltag?

Die Skelette aus der Altsteinzeit deuten auf eine gute Gesundheit hin. Trotz der aktiven Lebensweisen stellen wir kaum Verschleiß an den Knochen fest. Arthrose sehen wir nur selten. In der Körpergröße überragten die Jäger und Sammler die späteren jungsteinzeitlichen Bauern deutlich. Auch ihre Zähne waren besser. Es wurde viel weniger Zucker über die Ernährung freigesetzt. Viel Bewegung und wenig Zucker im Essen ist also durchaus von Vorteil. Auch für die Erkenntnis, dass unverarbeitete Produkte besser sind als Fertigprodukte, braucht es keine Steinzeitdiät. Es reicht ein Blick in Omas Kochbuch.

Gleichzeitig waren die Grundvoraussetzungen anders, man denke an die Ausbreitung von Krankheiten. Eine Pandemie heutiger Ausmaße konnte damals nicht entstehen, schlicht weil kaum Menschen in Europa lebten. Schätzungen gehen von 2000 bis maximal 10.000 Menschen aus – auf dem ganzen Kontinent.

Aber war das Leben in der Steinzeit nicht auch ein täglicher Überlebenskampf?

Die Vorstellung des täglichen Überlebenskampfes von Jägern und Sammlern entstammt eher unserer modernen Wahrnehmung. Ethnografische Vergleiche legen ein etwas differenzierteres Bild nah. Der schon verstorbene Ethnograf Marshall Sahlins hat sich intensiv mit dem Begriff der westlichen Überflussgesellschaft auseinandergesetzt. Seine Erkenntnis: Jäger und Sammler wenden weitaus weniger Zeit für die Versorgung ihrer Bedürfnisse auf als Menschen in den Industrie­gesellschaften. Auch fällt ihre Arbeitsbelastung nicht so konstant aus wie bei unseren Neun-Stunden-Arbeitstagen. So folgen die Jäger und Sammler an einem Tag über viele Stunden einem Tier. An den nächsten beiden ruhen sie sich dafür aus.

Das Überleben, das Sattwerden, die Befriedigung der Grundbedürfnisse steht stärker im Vordergrund als ein Streben nach Reichtum oder Einfluss. Insofern leben Jäger und Sammler viel eher in echten Überflussgesellschaften als wir. Auch friedlicher scheinen die Zeiten gewesen zu sein: Gerade aus der Altsteinzeit finden wir deutlich weniger Kampfspuren als aus den folgenden Epochen. Sicher war das Leben aus heutiger Perspektive körperlich fordernd, aber ich halte den Begriff „Überlebenskampf“ für übertrieben.

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Von Birk Grüling/RND