Mittwoch , 28. September 2022
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Der Weg zum Einandermögen ist lang und gewunden: Woody Norman (links) und Joaquin Phoenix in einer Szene aus „Come on, Come on“. Quelle: Courtesy of Julieta Cervantes/A2

Joaquin Phoenix und Gaby Hoffmann: „Wir wollten, dass es sich echt anfühlt“

Warum auf diesen Film kein Oscarregen prasselte, bleibt ein Rätsel. Wer das Filmjuwel „Come on, Come on“ (Originaltitel: „C’mon C’mon“) von Regisseur Mike Mills im Frühjahr im Kino verpasst hat, hat nun die Chance, sich von einem der schönsten Filme des Jahres zu Hause per Home-Entertainment bezaubern zu lassen: Ein Radiojournalist begibt sich mit seinem jungen Neffen auf eine Reise quer durch die USA. Klingt unspektakulär, ist aber ein beglückendes, wirklich magisches Filmerlebnis. Dieser Film berührt die Seelen.

Das liegt vor allem an Ausnahmeschauspieler Joaquin Phoenix , der für „Joker“ einen Oscar bekam. Er spielt einen Reporter, der junge Menschen im ganzen Land nach ihren Einstellungen zu Glück, Gott und der Welt befragt, Gaby Hoffmann („Wild“) seine Schwester, die ihm in einer Notlage ihren achtjährigen Sohn anvertraut. Auch der nun elfjährige Woody Norman macht mit seiner Natürlichkeit und Sensibilität „Come on, Come on“ zur Sensation.

Das Interview, darauf besteht Phoenix, soll per Telefon stattfinden, nicht per Videocall. Der 47-Jährige gilt mal als schräg, mal als schüchtern – und ist extrem zurückhaltend. Interviews gibt er kaum, dieses ist das einzige zu diesem Film. Private Fragen sind tabu, heißt es vorab – was schwer ist, wenn es im Film genau um die großen Fragen des Lebens geht.

Hofmann und Phoenix im Interview

Ms. Hoffmann, Mr. Phoenix, herzlichen Glückwunsch zu diesem zarten, berührenden Film. Warum haben Sie beide zu diesem Projekt Ja gesagt?

Phoenix: Es lag am Geld, wie immer. (lacht) Nein, mir geht es in erster Linie um die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Ich wollte Regisseur Mike Mills unbedingt kennenlernen und mit ihm über das Projekt reden. Dann hat sich alles so ergeben.

Hoffmann: Für mich war ausschlaggebend, mit Mike, aber auch mit Joaquin zusammenzuarbeiten. Ich war erst mit Mike zum Abendessen verabredet …

Phoenix: Wie, er hat dich zum Abendessen eingeladen und mich nicht?

Hoffmann: Ehrlich gesagt habe ich ihn eingeladen, weil er seine Kreditkarte vergessen hatte! (lacht) Wir waren bei mir in der Nachbarschaft essen und es hat sich gleich so vertraut angefühlt, als wären wir schon seit 20 Jahren befreundet.

Wann erfuhren Sie, dass der Oscarpreisträger Phoenix mit von der Partie ist?

Hoffmann: Ein paar Tage nach diesem Essen. Da rief Mike mich an und erzählte, dass Joaquin für die Hauptrolle zugesagt häbe. Mir hat es erst mal die Sprache verschlagen. Ich wusste, dass da etwas ganz Großes auf mich zukommt.

Joaquin, Sie sorgen für zauberhafte, lebensnahe Szenen mit dem Jungen: Mal diskutieren Sie über den Sinn des Lebens, mal albern sie wild herum, mal schweigen sie. Waren Sie in diesen Momenten der perfekte Schauspieler? Oder haben Sie diese Situationen ge- und erlebt?

Phoenix: Ich hasse es grundsätzlich, zu „spielen“. Wenn man sich vor der Kamera wie ein Schauspieler fühlt, hat man schon was falsch gemacht. Ich habe das Ziel, vor der Kamera einfach nur zu leben. Das geht natürlich manchmal besser und manchmal schlechter. Oft gibt es viele technische Dinge zu beachten, die es einem schwer machen, ganz im Moment zu sein. Umso wichtiger ist es, mit den richtigen Regisseuren zusammenzuarbeiten, denn sie müssen am Set eine Atmosphäre schaffen, in der man baden kann, in der man Wonne empfindet.

Wie hat Mike Mills dafür gesorgt, dass ein Joaquin Phoenix sich am Set wonnig wohl fühlt?

Phoenix: Vieles hat er sehr unkonventionell gehändelt. Wir hatten zum Beispiel niemanden für Haare und Make-up vor Ort. Alles sollte ganz natürlich aussehen. Auch bei den Kostümen hatte ich freie Hand, ich konnte anziehen, was ich in meinem Schrank fand. Natürlich haben wir darüber geredet, was für die Figur funktionieren würde, aber wir haben uns damit nicht verrückt gemacht.

Normalerweise gibt es an Filmsets für all diese Themen Experten, die sich enorm viele Gedanken um jedes Detail machen.

Phoenix: Ja – dass wir das alles selbst entschieden haben, war mehr als außergewöhnlich. Wir haben auch nicht in Kulissen gedreht, sondern in ganz normalen Wohnungen und an Originalschauplätzen. Wir wollten, dass sich alles so echt wie möglich anfühlt. Das war für mich etwas ganz Neues. Irgendwann wurde es für mich auch völlig normal, in diesen Zimmern zu „leben“.

Hoffmann: Bei mir ist es ebenfalls so, dass ich die Szene wirklich fühlen muss. Insofern müsste ich sagen, dass ich eine ziemlich schlechte Schauspielerin bin. Aber anscheinend „lebe“ ich ganz gut vor der Kamera. (lacht)

Die goldene Schauspielerregel besagt bekanntlich, nie mit Kindern und Tieren zu drehen. Welche Verbindung haben Sie beide zu Kindern? Liegt es an Ihnen, dass der junge Woody so umwerfend ist?

Hoffmann: Ich habe selbst zwei Kids und komme ganz gut mit ihnen klar! (lacht) Schon beim ersten Lesen des Drehbuchs merkte ich, wie authentisch die Figur des Kindes geschrieben war. Es entsprach meinen eigenen Erfahrungen. Mike hat definitiv ein paar universelle Wahrheiten über das Elternsein in dieses Skript gepackt. Noch ein Grund, warum ich unbedingt dabei sein wollte.

Phoenix: Für mich hat es sich ganz natürlich angefühlt, mit Woody umzugehen. Ich konnte mich auch persönlich gut mit dieser Rolle identifizieren, weder das Drehbuch noch die Szenen fühlten sich je gestellt oder unnatürlich an. Ich habe außerdem auch Neffen – also kenne ich solche Situationen als Onkel gut! Trotzdem war klar, dass wir einen Film drehen. Ich habe Beruf und Privates daher nicht vermischt.

Wie beurteilen Sie es nun nach dieser extremen Erfahrung: Ist es wirklich schwieriger, mit einem Kind vor der Kamera zu stehen?

Phoenix: Meine jahrelange Erfahrung als Schauspieler hat mir hier nicht unbedingt geholfen. Oft hatte ich eine Vorstellung im Sinn, wie eine Szene ablaufen sollte. Das hindert einen aber daran, im Moment zu leben und zu entdecken, was sonst möglich ist. Ich kam natürlich mit einem Haufen Erwartungen ans Set. Aber das alles musste ich ablegen. Es ging hier nicht um mich, sondern nur um den Moment. Woody hat sich immer sofort in die Situation reingefühlt.

Wollen Sie eventuell höflich andeuten, dass Sie der Willkür eines Kindes folgen mussten?

Phoenix: Nein – Woody hat mich mit seiner Bandbreite überrascht. Er hat nicht nur großes Talent, sondern die Gabe, einen kreativen Raum zu eröffnen, in dem alles passieren kann!

Die Dialoge zwischen Onkel und Neffe sind bewegend, entwaffnend, überraschend. Was Kinder im Alltag manchmal sagen, fragen, erklärt haben wollen, bringt Eltern oft zum Staunen. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung daran, Kinder zu haben?

Hoffmann: Mutter zu sein ist eine einzige, ständige, riesengroße Herausforderung! Jeden Tag muss ich mich total anstrengen, keine katastrophale Mutter zu sein, sondern von ganzem Herzen das Beste zu geben. Liebe und Geduld sind die beiden Schlüssel bei der Erziehung. Aber rund um die Uhr liebevoll und geduldig zu sein ist ganz schön hart! (lacht) Meine Kids kennen leider auch genau meine Schwächen und nutzen sie gewissenhaft aus. Ich versuche, nicht zu emotional zu reagieren, wenn sie mich wieder irremachen. Mutter zu sein ist sicher die Herausforderung meines Lebens, aber ich liebe es!

Joaquin, Sie sollen letztes Jahr selbst Vater eines Sohnes geworden sein, der wie Ihr verstorbener Bruder heißt, River. Können Kinder – und können Filme – Wunden heilen?

Phoenix: Dazu kann ich nichts sagen. Ich finde es immer sehr seltsam, in Interviews zu stecken und all diese Fragen zu beantworten, ohne irgendetwas über meinen Gesprächspartner zu wissen. Wie geht es Ihnen denn? Was beschäftigt Sie in Ihrem Leben gerade?

Ich bin überrascht, dass Sie fragen. Nun denn: Gestern ist mein Onkel gestorben, deshalb bin ich gerade zu meiner Mutter gereist, anstatt im Büro zu sitzen. Es ist alles etwas chaotisch, aber ich versuche, mich so gut wie möglich auf den Job zu konzentrieren.

Phoenix: Danke Ihnen für Ihre Offenheit. Mein herzliches Beileid für Ihren Verlust. Das muss eine wahnsinnig schwierige Zeit sein. Wenn Sie darüber sprechen wollen, höre ich Ihnen gern zu, aber natürlich nur, wenn Sie sich damit wohl fühlen. Ich habe vollstes Verständnis, wenn Sie sich um andere Dinge kümmern möchten, als mit mir über meinen Film zu sprechen.

Gerade in einer Krise berührt Ihr Film einen intensiv, denn es ist ein weiser Film über die ganz großen Themen der Existenz. Außerdem bin ich die Einzige, der Sie ein Interview hierzu geben, das schätze ich. Nicht zuletzt liebe ich meinen Beruf, auch in schwierigen Zeiten.

Phoenix: Wow, das berührt mich jetzt sehr. Vielen Dank für diese Haltung!

An welchen moralischen Kompass halten Sie sich in schwierigen Zeiten? Glauben Sie an Gott?

Phoenix: Mit Mitte zwanzig durchlebte ich eine atheistische Phase. Heute passt gar kein übliches Label mehr zu mir. Meine Werte und Überzeugungen sind Versatzstücke aus verschiedenen Glaubenssystemen und Anschauungen. Ich glaube zum Beispiel, dass man in jedem Moment Erleuchtung finden kann, wenn man sich entschließt, liebevoll mit Menschen und der Welt umzugehen. Normalerweise reagieren wir sehr emotional auf die Außenwelt, unsere Gefühle werden verletzt, wir sind unsicher und ängstlich. Daher reagieren wir oft nur. Jeder träumt davon, sich vollständig zu fühlen, geheilt, einen Zen-Zustand zu erreichen und endlich glücklich zu sein. Dieser Zustand wird nie kommen, wenn man nicht täglich übt, ein besserer Mensch zu sein.

Und wie haben Sie Ihren eigenen Zen-Zustand erreicht?

Phoenix: Ich bin überhaupt nicht Zen! Ich übe mich im Zen. Es ist kein Ziel, das man erreicht, sondern ein Leben, das man lebt.

Empfinden Sie es auch so, dass Ihr Film sich an die größten Themen des Lebens wagt und sie mit viel Wärme und Ehrlichkeit behandelt?

Phoenix: Ich versuche immer vorsichtig zu sein und meine persönliche Perspektive auf einen Film nicht zu klar zu formulieren. Ich denke, dass ich dem Publikum damit dann die Chance nehme, die bestmögliche Erfahrung mit einem Film zu haben. Ich liebe es, wie subjektiv Filme sein können. Zwei Menschen können völlig unterschiedliche Lektionen aus einem Film mitnehmen, wenn sie offen dafür sind. Alles, was wir sehen und hören, interpretieren und filtern wir immer in unserem eigenen Geist. Deshalb sind Filme immer nur ein Angebot, nie eine fertige Aussage. Sie sollen etwas in uns wecken, etwas, das sich dann in uns entfalten kann.

Vielleicht beantwortet das ja doch meine Frage, ob Kinder und Filme heilsam sein können.

Phoenix: Es freut mich, dass Sie so viel aus dem Film für sich herausziehen konnten. Ich glaube, dass es dabei einen großen Unterschied macht, ob man selbst Kinder hat und welche Beziehung man zu seiner Familie hat. Der Film betrachtet alles wie durch ein Prisma, die Beziehung zwischen Bruder und Schwester, Mutter und Kind, Onkel und Neffe. Einige Themen machen uns immer wieder zu schaffen auf verschiedenen Ebenen, egal ob wir Kinder sind oder lange erwachsen.

Wie betrachten Sie Ihre eigene Kindheit aus heutiger Perspektive: als verlorenes Paradies oder nur als kleineres Erwachsensein?

(lange Pause)

Phoenix: Jetzt haben Sie wohl die eine Frage gefunden, die Gaby und mich verstummen lässt.

Hoffmann: Ich mach’s kurz: Ich würde sagen, dass Erwachsene immer auch Kinder sind und umgekehrt. Diese Phasen voneinander zu trennen macht überhaupt keinen Sinn.

Phoenix: Da stimme ich zu: Erwachsene sind immer noch irgendwie Kinder.

„Come on, Come on“ im Home-Entertainment: digital ab 12. August erhältlich als DVD und Blu-Ray, ab 19. August als Video-on-Demand.

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Von Mariam Schaghaghi/RND