Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Wenn wir nachts wach sind, befindet sich das Gehirn in einem besonderen Zustand. Quelle: imago images/photothek

„Mind after Midnight“: Warum wir nachts besser nicht wach sein sollten

Nachts wach zu sein ist schlecht für unsere Psyche und unser Wohlbefinden. Und das liegt nicht nur am fehlenden Schlaf, sondern an einer Veränderung des Hirnstoffwechsels. Zu diesem Schluss kommen amerikanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach der Auswertung mehrerer Studien zum Thema. Ihr Beitrag wurde im Fachmagazin „Frontiers in Network Physiology“ veröffentlicht.

Unser Gehirn, so die Forschenden, funktioniert in der Nacht anders als tagsüber. Wer nachts wach ist, neigt eher zu negativen Gedanken, zieht öfter die falschen Schlüsse und kann sein Handeln weniger gut kontrollieren. Der Grund dafür sei aber nicht bloß Müdigkeit, sondern die Programmierung unserer inneren biologischen Uhr, so die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. In ihrem Übersichtsartikel nennen sie mehrere Beispiele dafür, wie sich unser Verhalten verändert, wenn wir nachts wach sind.

Eine der Auswirkungen nächtlichen Wachseins ist ein verändertes Essverhalten. Dass wir bei längeren Wachzeiten und Schlafmangel einen gesteigerten Appetit haben, sei normal. Schließlich steige dadurch auch der Energiebedarf, so die Forschenden. Es gebe aber noch eine weitere Auffälligkeit, die sich dadurch nicht erklären lasse: Nachts werde weniger Obst und Gemüse gegessen, dafür nehmen wir mehr Kohlenhydrate, Fette und Fertigprodukte zu uns. Die Kalorienaufnahme übersteigt dabei oft den höheren Bedarf durch das längere Wachsein. Wie weitere Studien nahelegen, könnte das mit einer geringeren Impulskontrolle während der Nacht zusammenhängen.

Suizidrisiko ist nachts höher

Aus dem womöglich gleichen Grund sei das Risiko für Drogen- und Alkoholmissbrauch nachts höher. Je länger Jugendliche aufbleiben, desto höher sei ihr Risiko für ein riskantes Trinkverhalten und den Konsum von Cannabis: Vermutlich, weil ihre Urteilsfähigkeit nachts eingeschränkt sei, so die Autoren und Autorinnen der Übersichtsstudie.

Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand selbst das Leben nimmt, ist nachts höher. Zwar finden die meisten Suizide tagsüber zwischen zehn und 14 Uhr statt. Wird aber berücksichtigt, dass nachts weniger Menschen wach sind, ergibt sich ein anderes Bild. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens ist das Suizidrisiko unter denjenigen, die wach sind, dreimal höher als zu jeder anderen Tageszeit. Für US-Veteranen ist das Suizidrisiko zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens sogar um das Achtfache erhöht.

Die Forschenden fanden auch Hinweise darauf, dass in der Nacht eher Gedanken an einen Suizid auftreten. Personen, die nachweislich um vier Uhr morgens wach lagen oder nach eigenen Angaben zwischen elf Uhr abends und fünf Uhr morgens wach waren, neigten laut einer Untersuchung eher zu Suizidgedanken. Die Forschenden verweisen auch auf Daten der Internetplattform „Reddit“. Dort war die Aktivität in einem Forum zum Thema Suizid zwischen zwei Uhr und fünf Uhr morgens besonders hoch, während sie bei anderen Themen vormittags am höchsten war.

Doch nicht nur schädliches Verhalten gegen sich selbst tritt nachts häufiger auf, sondern auch solches, das sich gegen andere richtet. Dem Beitrag in „Frontiers in Network Physiology“ zufolge werden geschätzte 55 Prozent der Gewaltverbrechen in der Nacht begangen.

Gehirn funktioniert nachts anders

Aber was genau ist der Grund dafür, dass wir nachts eher zu einem für uns oder andere schädlichen Verhalten neigen? Die amerikanischen Forschenden glauben, dass sich dies durch den zirkadianen Rhythmus erklären lässt, die innere Uhr unseres Organismus. So folgt die Gehirnaktivität während der 24 Stunden eines Tages immer dem gleichen Muster: Tagsüber ist das Organ aktiv, nachts folgt eine Ruhephase, die nicht nur mit dem Schlaf zusammenhängt.

In der Nacht funktioniert die Signalübertragung in der Hirnrinde daher weniger gut, erklären die Autoren und Autorinnen der Studie. „Kognitive Funktionen wie das Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit Probleme zu lösen verschlechtern sich“, heißt es in der Veröffentlichung. Dadurch komme es öfter zu Fehlleistungen, Unfällen wegen Unachtsamkeit und Verletzungen. Zudem sei der präfrontale Kortex beeinträchtigt: Dieser ist zuständig für die situationsangemessene Steuerung unserer Handlungen. Wenn wir nachts schlafen, sind keine Auswirkungen zu befürchten. Sind wir wach, kann der veränderte Hirnstoffwechsel jedoch unser Handeln und Empfinden beeinflussen.

Weniger Glückshormone

Auch bei den Botenstoffen im Gehirn zeige sich ein typisches Muster. Die Spiegel der Glückshormone Serotonin und Noradrenalin sind nachts niedrig: ein Grund dafür, dass wir nachts eher zum Grübeln und gedrückter Stimmung neigen, sagen auch deutsche Schlafforscher. In der zweiten Nachthälfte werde dafür ein Anstieg des „Belohnungshormons“ Dopamin beobachtet, heißt es in der Veröffentlichung. Eine Dysregulation des Hormons Dopamin steht in Zusammenhang mit Symptomen, die bei psychiatrischen Erkrankungen eine Rolle spielen, wie wahnhaftes Denken, Impulsivität und Erlebnissucht.

Diese und typische weitere Veränderungen im Gehirn führten – besonders bei zusätzlichem Schlafmangel – dazu, dass wir uns nachts in einem besonderen Zustand befinden, so die Autoren und Autorinnen der Studie. Nachts verstärke sich die Neigung, impulsiv zu handeln und riskantere Entscheidungen zu treffen. Nächtliches Wachsein, auch das hatten Untersuchungen gezeigt, fördere zudem depressive, ängstliche und paranoide Gedanken.

Den besonderen Gemütszustand bezeichnen die Forschenden auch als „Mind after Midnight“, wobei sich „Mind“ mit Bewusstsein oder Geisteszustand übersetzen lässt. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen warnen davor, dass nächtliche Wachzeiten zu psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen beitragen könnten. Gleichzeitig sehen sie einen neuen Behandlungsansatz: Am einfachsten wäre es, gefährdeten Personen dabei zu helfen, durchzuschlafen, und dadurch nächtlich Wachzeiten zu reduzieren.

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Von Irene Habich/RND