Sonntag , 27. September 2020
Der frühe Mars war mit Eis bedeckt – Gletscher könnten also die Täler auf dem Roten Planeten geschaffen haben. Quelle: Anna Grau Galofre

Doch kein Leben auf dem Roten Planeten? Studie zeigt Gletscher als Ursprung für Marstäler

Ursprünglich nahmen Wissenschaftler an, die heute sichtbaren Felder des Mars seien durch Flüsse geformt worden. Nun haben Forscher eine neue Theorie, die dem widerspricht: Ihnen zufolge sind die Täler durch Gletscher geschaffen worden. Kann es also doch kein Leben auf dem Roten Planeten gegeben haben?

Das Klima auf dem jungen Mars war möglicherweise nicht so warm wie angenommen. Das schließen kanadische Forscher aus einer umfangreichen Analyse der Täler auf dem Roten Planeten. Die große Mehrheit der Täler sei nicht von Flüssen geformt worden, sondern eher unter Gletschern entstanden, berichtet das Team um Anna Grau Galofre von der Universität von British Columbia in Vancouver im britischen Fachblatt “Nature Geoscience”. Das bedeute allerdings nicht das Aus für mögliche frühe Lebensformen auf unserem Nachbarplaneten.

Viele Prozesse an der Entstehung der Täler beteiligt

“40 Jahre lang, seit die Täler des Mars erstmals entdeckt wurden, lautete die Annahme, dass einst Flüsse auf dem Mars geflossen sind”, erläuterte Grau Galofre. Das impliziert ein eher warmes und feuchtes Klima in der Urzeit des Roten Planeten, wie das uns bekannte Leben es benötigt. Den Forschern war jedoch die Ähnlichkeit vieler Marstäler zu Schmelzwasserkanälen unterhalb irdischer Gletscher aufgefallen. Mithilfe eines speziell entwickelten Computerprogramms analysierte das Team mehr als 10.000 Marstäler anhand ihrer Form auf ihren Entstehungsprozess.

“Wenn man die Erde per Satellit betrachtet, sieht man eine Menge Täler: Einige sind durch Flüsse entstanden, einige durch Gletscher und einige durch andere Prozesse, und jeder Typ hat eine charakteristische Form”, beschreibt Grau Galofre. “Auf dem Mars ist es ähnlich, viele Täler unterscheiden sich deutlich, was nahelegt, dass viele Prozesse daran beteiligt waren, sie zu schneiden.”

Nur ein kleiner Teil der Marstäler weist auf ehemalige Flüsse hin

Die Analyse ergab, dass nur ein kleiner Teil der Marstäler die typischen Merkmale der Erosion durch Oberflächenwasser wie Flüsse aufweist. Größer ist der Anteil von Tälern mit den charakteristischen Eigenschaften von Schmelzwasserkanälen unter Gletschern. Diese Entstehungsgeschichte passt zu aktuellen Klimamodellen vom Mars, die ein kaltes Klima in der Frühzeit des Roten Planeten nahelegen.

“Wir haben versucht, alles zusammenzufügen und eine Hypothese aufzustellen, die bislang nicht wirklich in Betracht gezogen wurde: dass sich Rinnen und Netzwerke von Tälern unter Eisschilden als Teil des Drainagesystems bilden können, das unter einem Eisschild natürlich entsteht, wenn sich an der Basis Wasser angesammelt hat”, so Grau Galofre.

Analyse bietet auch neue Einblicke in die Erdgeschichte

Trotz des kalten Klimas hätten diese Umweltbedingungen sogar bessere Überlebenschancen für mögliches früheres Leben auf dem Mars geboten, erläutern die Forscher. Der Eisschild hätte sowohl das darunter liegende Wasser vor Verdunstung geschützt als auch mögliche Lebensformen vor dem harschen Sonnenwind, einem beständigen Strom energiereicher subatomarer Teilchen, der die Marsoberfläche wegen des fehlenden Magnetfelds des Roten Planeten nahezu ungehindert erreicht.

Die Analysetechnik für die Marstäler könne darüber hinaus auch neue Einblicke in die Erdgeschichte bringen, betonen die Forscher. Gegenwärtig lasse sich die Vergletscherung der Erde bis fünf Millionen Jahre in die Vergangenheit rekonstruieren. Die Analyse irdischer Tälerformen mit derselben Technik könne nun ermöglichen, die Ausbreitung und den Schwund von Gletschern auf unserem Planeten während der vergangenen rund 35 Millionen Jahre zu untersuchen.

RND/dpa

ACHTUNG: Frei nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie bei Nennung des Credits. Foto: Anna Grau Galofre