Montag , 21. September 2020
Fundstück: Steinkiste mit einem aus Muscheln geschnitzten Lama und gerollter Goldfolie. Quelle: Teddy Sequin

Kleine Opfergaben: So wollten die Inka ihre Macht am Titicacasee sichern

Taucher bergen erneut wertvolle Artefakte früherer Kulturen am Titicacasee – dabei handelt es sich um Opfergaben der Inka. Dank der Funde können Forscher nun mehr über die Bräuche des indigenen Volkes in Südamerika lernen.

Neu entdeckte Opfergaben auf dem Grund des Titicacasees geben Aufschluss über religiöse Rituale der Inka-Kultur. Forscher fanden im größten Süßwassersee Südamerikas eine alte Steinkiste. Ihr Inhalt: ein Lama, das aus einer Muschelschale geschnitzt wurde, und eine gerollte Goldfolie.

“Wir wussten, dass sie (die Inka, Red.) eine Form von rituellen Opfergaben machten und dass sie diese im See darbrachten”, sagt Jose Capriles von der Pennsylvania State University, der mit seinem Team seit 2012 im Titicacasee forscht, in einer Mitteilung. Die Opfergaben an den See seien symbolische Akte der indigenen Kultur gewesen, um ihre Macht rituell zu legitimieren. Die Forscher stellen die Funde im Fachmagazin “Antiquity” vor.

Taucher finden Überreste aus der Inka-Zeit

Der Titicacasee liegt in den Anden zwischen Peru und Bolivien und war unter anderem für die Inka von hoher Bedeutung. Schon 1977 hatten Amateurtaucher nahe der Isla del Sol (Sonneninsel) auf der heutigen bolivianischen Seite des Sees ein Felsenriff mit Opfergaben entdeckt. Bei weiteren professionellen Untersuchungen zwischen 1988 und 1992 an diesem Khoa-Riff kamen weitere Opfergaben aus der Inka-Zeit und vorherigen Jahrhunderten ans Tageslicht, darunter auch Steinkisten mit Keramik oder Tier- und Miniaturfiguren aus Gold.

Die neue 36 Zentimeter lange und 27 Zentimeter breite Steinkiste wurde nun am sogenannten K’akaya-Riff lokalisiert – am nordöstlichen Ufer des Sees. Die Steinkiste sei jedoch Teil derselben Herstellung wie jene, die zuvor am Khoa-Riff gefunden wurden. Das K’akaya-Opfer unterstützt daher die Vermutung der Forscher, dass die Inka den gesamten See als heiligen Ort oder rituelle Gottheit verehrten. Capriles zufolge wurde er zum Pilgerzentrum des Volkes, als es sich im 15. und 16. Jahrhundert aus seinem Zentrum im peruanischen Cusco verbreitete.

Opfergaben sollten das Ansehen erhöhen

Laut Angaben der Forscher bargen die Taucher die Steinkiste in rund 5,5 Metern Tiefe. Unter dem eingedrungenen Schlick ruhten das 2,8 Zentimeter große Lama und die 2,5 Zentimeter lange Goldfolie. Vor allem das geschnitzte Lama aus der Schale einer Spondylusmuschel – auch Stachelauster genannt – soll eine besonders wertvolle Opfergabe gewesen sein. Die Muschelschalen stammten aus den warmen Meeresgewässern vor der Küste Ecuadors, rund 2000 Kilometer entfernt. Durch solch kostspielige Zeremonien hätten die Inka ihr Ansehen und ihre Legitimität als göttliche Wesen steigern wollen, meinen die Forscher.

Trotz des jüngsten Fundes ist die Unterwasserwelt des auf gut 3800 Metern Höhe gelegenen Titicacasees weitestgehend unerforscht. Sein Unterwassererbe habe daher noch viele Überraschungen zu bieten, sagen Experten.

RND/dpa