Dienstag , 29. September 2020
Das Unternehmen Audi steht wegen einer Twitter-Werbung in der Kritik.

Kind vor Kühlergrill: Audi entschuldigt sich für Werbefoto

Der Audi RS 4 hat satte 450 PS und eine monströse Front – und ist damit auch eine potenzielle Gefahr für junge Verkehrsteilnehmer. Genau dieser Umstand bringt dem Unternehmen jetzt massive Kritik ein. Denn Audi wirbt mit einem Foto, das ein Kleinkind vor dem Kühlergrill zeigt.

Ingolstadt. Eine Werbung des Automobilherstellers Audi sorgt seit dem Wochenende für Empörung in den sozialen Netzwerken. Grund ist ein Twitter-Post des Ingolstädter Unternehmens mit einem Foto, das den Audi RS 4 zeigt. Vor dem Kühlergrill des Wagens steht ein Kleinkind, das eine Banane isst. Darüber die Überschrift: “Lets your heart beat faster – in every aspect.”

Was für viele Betrachter des Posts zunächst eine ganz normale Autowerbung ist, weckt bei anderen ungute Gefühle. So schreibt beispielsweise @Jotem27007: “Ihr spinnt wohl? Bei der Menge an Verkehrstoten stellt ihr ein kleines Kind vor ein riesig hohes Auto, dass der Fahrer vor lauter Auto das Kind gar nicht sehen kann? Ist das Werbung zum Totfahren für Kinder? Merkt ihr nicht selbst, wie Menschen- und kinderfeindlich Autos sind? Plus CO₂.”

@K4ii_ kommentiert: “Die Message von Audi ist: Mit dem Straßenpanzer sieht man kaum noch die Kinder und kann sie problemlos überfahren.” Auch @AlmutSchnerring findet: “Audi macht die Lebensgefahr ‘Kind vor Kühlergrill’ anschaulich.”

Werbung “nicht mehr zeitgemäß”

@Ennolenze twittert: “Genau da nietet man das Kind auf dem Gehweg um. Schön visualisiert, Audi.” Und @Poliauwei schreibt: “Wenn Autos so gebaut sind, dass man Kinder nicht mehr sieht – man deren Tod und Schwerverletzte in Kauf nimmt. Nein Audi, wir möchten NICHT, dass unsere Herzen schneller schlagen vor Angst um unsere Kinder.”

@Moehrenfeld postet eine Karrikatur des Cartoonisten Martin Perscheid, die dem Audi-Werbeplakat gewaltig ähnelt. Darunter steht: “Viele Leute kaufen sich ein SUV, weil sie sich in einem großen Auto sicherer fühlen.” Vor dem Kühlergrill des Autos läuft ein Mädchen – der Mann im Wagen sagt zu seiner Frau: “Kannst fahren, ist frei.”

Der TV-Moderator Micky Beisenherz hält die Audi-Werbung schlichtweg für nicht mehr zeitgemäß: “Kleines Kind vor Kühlergrill von riesigem Auto – da juchzt der Zeitgeist vor Euphorie”, schreibt er.

450-PS-Auto als Familienkutsche

Andere Twitter-Nutzer halten die Kritik hingegen für übertrieben. Tatsächlich handelt es sich bei dem gezeigten Auto nicht um ein SUV, sondern um einen klassischen Kombi. Dieser hat allerdings satte 450 PS und kann mit seinem mächtigen Kühlergrill durchaus eine Gefahr darstellen.

Was Audi selbst mit seiner Werbung bezweckt, zeigt sich auf der offiziellen Produktseite des Fahrzeugs. Hier ist ein größerer Ausschnitt des Fotos zu sehen, der RS 4 wird hier als cooles Familienauto präsentiert. Ein Bild zeigt Mama und Papa in Lederjacke. Auch die Tochter ist auf dem Foto zu sehen – samt Banane. Sie und ihr Vater tragen hippe Sonnenbrillen.

Auf anderen Fotos stellt Audi vor allem den Fahrspaß des Wagens in den Vordergrund. Auf einem ist etwa der Vater zu sehen, wie er sichtlich Spaß an einer rasanten Fahrt am Steuer hat.

Audi entschuldigt sich

Audi selbst äußerte sich in den sozialen Netzwerken zunächst nicht zur Kritik. Am Montag jedoch postete das Unternehmen eine Stellungnahme zum umstrittenen Werbefoto:

Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) entschuldigt sich das Unternehmen für das Werbeplakat: “Es war niemals unsere Absicht, hiermit die Gefühle so vieler Menschen zu verletzen. Wir entschuldigen uns für diesen unsensiblen Schritt aufrichtig und sorgen dafür, dass dieses Motiv künftig nicht mehr verwendet wird. Wir werden umgehend intern prüfen, wie die Kampagne entstanden ist und ob hier Kontrollmechanismen versagt haben”, so eine Unternehmenssprecherin.

Ursprünglich habe man das Auto mit dem Foto als “familiengeeignetes Modell” darstellen wollen, heißt es weiter. “Audi bietet für den RS 4 mehr als 30 Fahrerassistenzsysteme an, einschließlich eines serienmäßigen Notbremsassistenten (Audi pre sense city). Dies wollten wir mit einer Bildwelt kommunizieren, die verdeutlicht, dass es selbst für die verletzlichsten Verkehrsteilnehmer möglich ist, sich entspannt zurückzulehnen und auf die RS-Technologie zu verlassen. Dies war ein Fehler!”

Erst im Mai hatte Volkswagen mit einem Werbespot für Irritationen gesorgt. Ein Instagram-Video für den neuen Golf hatte rassistische Klischees bedient. Der Konzern entschuldigte sich wenig später für den Fauxpas und kündigte eine Aufarbeitung des Falls an.

Von Matthias Schwarzer/RND