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Russlands Präsident Wladimir Putin droht der Cäsarenwahn, glaubt ein Psychologe. Quelle: Gavriil Grigorov/Pool Sputnik Kr

Psychologe Ian Robertson warnt vor Wirklichkeitsverlust bei Putin

Der Psychologe Ian Robertson hat den Westen davor gewarnt, gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nachzugeben. „Wer jetzt nachgibt, macht alles noch schlimmer. Seine Macht­ansprüche würden noch weiter wachsen“, sagte Robertson im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Samstag). Man müsse einige unangenehme Wahrheiten realisieren. „Dazu gehört: Dieser Mann ist gewalttätig, er ist und bleibt unberechenbar, und mit ihm wird es jetzt leider noch einmal richtig gefährlich.“

Robertson hatte erstmals im Jahr 2014 durch Warnungen mit Blick auf den Zustand Putins weltweit Aufsehen erregt. Damals veröffentlichte er im amerikanischen Fachmagazin „Psychology Today“ einen Aufsatz unter dem Titel „Die Gefahr, die in Wladimir Putins Gehirn lauert“.

Derzeit wirke Putin „wie ein Pokerspieler, der auf seine Karten plötzlich sämtliche Chips setzt und sagt: all in“, sagte Robertson. Der Westen müsse sich klarmachen: „Putin spielt mit uns, schon die ganze Zeit. Und es ist ein wahrhaft zynisches Spiel.“ Es gehe dem Kremlchef dabei nicht um militärische Details auf dem Schlachtfeld. „Es geht ihm um die generelle Frage, ob wir als westliche Gesellschaften endlich Angst bekommen vor ihm, ob wir die Nerven verlieren angesichts seiner nuklearen Drohungen und seines Energiekriegs gegen den Westen.“

Robertson verwies auf die ungewöhnliche Isolation Putins. „Seit mehr als zwei Jahrzehnten trifft er niemanden mehr, der ihm jemals widerspricht“, sagte Robertson. „Putin zeigt lehrbuchreif das Bild eines Menschen, der eine viel zu lange Phase in der Position großer Macht nicht verkraftet hat.“ In solchen Konstellationen drohe Menschen in hohen Positionen der Cäsarenwahn, „das komplette Abgleiten eines Herrschers in den Wirklichkeitsverlust“.

Robertson hatte Lehraufträge in den USA und Irland und ist Gründungsdirektor des Trinity College Institute of Neuroscience in Dublin.

Von Matthias Koch/RND