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In Umfragen gibt mehr als die Hälfte der Menschen an, dass ihnen der Klimawandel sehr große oder extreme Sorgen macht. Quelle: IMAGO/ZUMA Wire

„Ich tue doch schon etwas“: Warum wir uns beim Klimaschutz so oft selbst täuschen

Herr Brudermann, welche Klimaausreden haben Sie besonders oft gehört?

Das kommt darauf an, mit wem ich spreche. Klimabewusste Menschen sagen etwa: „Ich mache doch schon viel. Ich recycle, ich spare Strom, ich dusche kürzer. Da ist es doch okay, wenn ich einmal im Jahr fliege.“ In diesem Fall haben sie verschiedene Verhaltensweisen gegeneinander aufgewogen. Nur: Die tatsächlichen Auswirkungen gleichen sich nicht aus. Selbst, wenn jemand sein ganzes Leben lang Strom spart, wiegt das keine Flugreise auf.

Von Menschen, die mit dem Thema Klima wenig anfangen können, höre ich eher so etwas wie: „Es ist eh schon zu spät.“ Oder: „Die eigentlichen Probleme sind anderswo.“ Sie sprechen dann von der Abholzung des Regenwaldes oder den Kohlekraftwerken in China. Natürlich, das ist beides problematisch. Aber wie viel Fläche wir in Deutschland und Österreich verbrauchen oder dass es pro Haushalt statistisch gesehen 1,2 Autos gibt, nehmen sie als nicht so schlimm wahr.

Angst und Bequemlichkeit nutzen manche Menschen nicht nur als Ausrede bezüglich des Klimawandels, sondern ebenso, um ihr Verbleiben in einem miesen Job oder einer lieblosen Partnerschaft zu begründen. Inwieweit unterscheidet sich die Sorge vor dem Klimawandel von anderen Sorgen?

In Umfragen geben mehr als die Hälfte der Menschen an, dass ihnen der Klimawandel sehr große oder extreme Sorgen macht. Doch lässt man Menschen Themen gewichten, dann steht nicht der Klimawandel auf Platz eins. Mehr Sorgen bereiten ihnen laut einem aktuellen Bericht Inflation, Armut und Kriminalität. Hierbei handelt es sich immer noch um kollektive Sorgen – also solche, die uns alle betreffen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Diese Sorgen wiegen noch einmal schwächer als die persönliche Sorge des Einzelnen, zum Beispiel um die Gesundheit oder vor Arbeitslosigkeit.

Also ist der Klimawandel dem und der Einzelnen – gefühlt – gar nicht so wichtig?

Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass es regnet. Ich sehe aber keinen Klimawandel. Dieses Phänomen ist schwer greifbar und für uns Menschen abstrakt. Wenn ich meinen Job verliere oder meine Eltern krank sind, handelt es sich dagegen um sehr unmittelbare und konkrete Sorgen. In der Wahrnehmung und Verarbeitung tun wir uns mit diesen konkreten Sorgen viel leichter als mit den abstrakten.

Machen wir uns im Alltag zu wenig Sorgen um den Klimawandel?

Negativemotionen wie Angst, Sorge oder Wut sind in diesem Kontext problematisch – auch wenn es sich um grundsätzlich wichtige Emotionen handelt. Menschen sind über Jahrtausende darauf programmiert worden, sich dank Angst oder Wut auf eine konkrete Bedrohung wie ein Raubtier fokussieren zu können.

Der Klimawandel aber ist abstrakt und komplex. Man kann nicht vor ihm flüchten oder ihn attackieren. Typische Angstreaktionen helfen uns beim Klimawandel gar nicht. Stattdessen müssen wir kollektiv ins Handeln kommen. Um über einen längeren Zeithorizont zu handeln, brauchen Menschen positive Emotionen. So etwas wie Zweckoptimismus vielleicht.

Wie sieht ein zweckoptimistischer Umgang mit dem Klimawandel aus?

Um den Optimismus nicht zu verlieren, hilft es, sich an historischen Beispielen zu bedienen. Vor 2000 Jahren ist eine kleine jüdische Gruppe aufgetaucht und später zu einer riesigen Weltreligion geworden. Diese Menschen prägen unser Leben bis heute. Solch einen Einfluss auf das Weltgeschehen hätten sie sich damals wahrscheinlich nicht träumen lassen. Manchmal passieren selbst unwahrscheinliche Dinge. Man weiß nie, was der Morgen bringt.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Menschen mit reinem Gewissen machen mir Angst. Sie sind zu den schlimmsten Dingen fähig.“ Wie meinen Sie das?

Menschen mit reinem Gewissen hinterfragen und reflektieren nicht mehr. Sie tun das, was sie für richtig halten. Aus einem vermeintlich reinen Gewissen kann aufgrund eines Mangels an Reflexion sehr schnell Gewissenlosigkeit werden. Ein reines Gewissen, das ist eine moralische Lizenz für so ziemlich alles.

Haben Sie ein Beispiel?

Im Klimakontext: freiwillige CO₂‑Kompensationen. Damit gewinnen Flugunternehmen eine neue Zielgruppe, nämlich klimabewusst eingestellte Menschen, die eigentlich nicht oder weniger fliegen würden. Diese Menschen haben durch das Zahlen von Geld an Projekte, die zum Beispiel Bäume pflanzen, ein gutes Gewissen, wenn sie eine Flugreise buchen.

Ich sage nicht, dass alle Kompensationsprojekte etwas Schlechtes sind. Sie funktionieren nur in der Praxis nicht immer so gut wie versprochen. Bei Aufforstungsprojekten werden oft Wälder in Monokulturen gepflanzt. Manchmal sind die Bäume nicht mal an die lokalen Gegebenheiten angepasst und die Projekte scheitern.

Geht es hier darum, eine einfache Lösung für ein komplexes Problem finden zu wollen?

Ich glaube, es geht um etwas anderes. In unserer Gesellschaft gibt es die Vorstellung, dass man alles über den Markt regeln muss. Daher kommt auch die Idee, dass man für Umwelt- oder Klimaschäden zahlt – und dann passt es wieder. Die Annahme ist hier, dass wir das Klima, den Wald oder ein intaktes Ökosystem bepreisen können.

Wie gesagt, solche Kompensations­zahlungen sind nicht nur schlecht. Aber wir wissen aus der Verhaltensökonomie und aus der Psychologie: Wann immer wir Marktmechanismen einführen, überschreiben diese andere Mechanismen wie soziale Normen, die Moral oder die intrinsische Motivation.

Die meisten Menschen wissen, was der Klimawandel ist und wie er sich auswirkt. Wieso helfen diese Fakten offenbar nicht dabei, das eigene Verhalten zu ändern?

Zum einen: Wie jemand Fakten wahrnimmt, liegt stark daran, in welchen Lebensumständen sich die Person befindet. Wenn ich mich in einem eher klimaskeptischen Umfeld bewege, dann wirkt dieses Umfeld auf mich stärker als neue Warnungen des Weltklimarats. Zum anderen: Die meisten Menschen haben verstanden, dass der Klimawandel ein Problem ist. Wissen führt aber leider nur selten zum Handeln. Es gibt genug Raucherinnen und Raucher, die wissen, dass Zigaretten schädlich sind, aber nicht aufhören.

Dass wir unser Verhalten nicht so leicht ändern können, liegt an verschiedenen psychologischen Mechanismen. Einer davon ist die Gewohnheit. Unsere Gehirne sind extrem effizient. Wir hinterfragen unsere Aktionen nicht besonders oft. Unsere Gewohnheiten zu überdenken wäre kognitiver Aufwand. Und diese Energie brauchen wir vielleicht später für etwas anderes. Es gibt auch kollektive Gewohnheiten, etwa das Autofahren. Da hängt viel mehr dran: Die gesamte Infrastruktur ist auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet und vielerorts kommt man ohne Auto nicht weit.

Welche Anreize brauchen Menschen dann, um sich klimafreundlicher zu verhalten?

Sehr oft mangelt es nicht am Wissen oder an der Einstellung bezüglich des Klimaschutzes. Stattdessen machen es uns die Umstände, die wir vorfinden, schwer, klimafreundlich zu handeln. Wenn ich in der Stadt lebe und einen tollen Fahrradweg zur Arbeit habe, brauche ich kein Auto. Aber lebe ich auf dem Land und es fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel, was soll ich dann machen?

Es gibt aber auch Rahmenbedingungen, die wir uns selbst schaffen können, um klimafreundlicher zu handeln. Ein Beispiel: Man kann ein E‑Bike immer so platzieren, dass es vor dem Auto steht. So muss man es erst wegräumen, wenn man das Auto benutzen möchte. Das ist jedes Mal eine Erinnerung daran, auch eine andere Option zu haben. Man kann ein regionales Gemüseabo abschließen. Man kann sich jeden Samstag mit Freundinnen und Freunden treffen und neue vegane Rezepte ausprobieren.

Ist es sinnvoll, mit den Dingen anzufangen, die einem leicht fallen?

Zum Start vielleicht. Aber man muss aufpassen. Wenn man ein paar kleinere Gewohnheiten ändert, ist man doch sehr schnell mit sich zufrieden – und hört auf, mit der Ausrede: „Ich tue doch schon etwas.“ In diese Falle soll man nicht tappen.

Was hat es mit Ihrem Menschenbild gemacht, sich ausführlich mit Ausreden rund um den Klimawandel zu beschäftigen?

Ausrede ist natürlich ein überspitzter Begriff. Sehr oft haben Menschen legitime Gründe, warum sie handeln, wie sie handeln. Ich habe damit aufgehört, gewisse Dinge persönlich zu nehmen und mich über Menschen zu ärgern. Zumindest dann, wenn ich ihre Handlungen verstehe.

Ein Beispiel: Denken wir an die Arbeitskräfte in energieintensiven Industrien wie der Betonindustrie oder an Lkw‑Fahrer. Ernsthafter Klimaschutz bedroht ihren Job – und damit die Lebensrealität. Er bedroht den eigenen Stolz und das Gefühl, etwas beitragen zu können zur Gesellschaft. Das ist eine ziemlich bittere Pille. Da ist es erst einmal einfacher, zu sagen, der Klimawandel sei Blödsinn, um den eigenen Selbstwert nicht zu gefährden. Jedenfalls ist das besser, als zu denken: „Ja, stimmt, ich habe mein Leben lang in einer Branche gearbeitet, die die Klimakrise befeuert.“ Die Fakten umzudeuten, sodass sie ins eigene Weltbild und zum Selbstwertgefühl passen, ist menschlich.

Wenn man sich mit dem Verhalten von Menschen im Kontext von Umwelt, Nachhaltigkeit und Klima beschäftigt, dann findet man sich in einer Mischung aus Frustration auf der einen Seite, aber auch Verständnis für Menschen und ihre Eigenheiten auf der anderen Seite. Ich möchte auf niemanden mit dem Zeigefinger zeigen. Ich bin schließlich auch einer dieser Leute, die ich im Buch beschreibe.

Was können Sie denn noch besser machen?

Ich bin Vegetarier, liebe aber Käse trotz seiner schlechten Klimawirkung. Außerdem besitze ich einen 25 Jahre alten Kleinwagen. Der ist zwar sparsam, aber in meiner persönlichen Klimabilanz der größte Posten. Jetzt stellt sich mir die Frage: Soll ich autofrei werden oder ein Elektroauto kaufen? Als Teilzeit-Landmensch ist es ganz ohne Auto tatsächlich nicht so leicht.

Von Sarah Franke/RND