Sonntag , 4. Dezember 2022
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Esa-Astronautin Samantha Cristoforetti bei der Durchführung der Akustik-Diagnose-Studie. Quelle: ESA/NASA/dpa

Samantha Cristoforetti: die Astronautin, die im Weltraum neue Maßstäbe setzt

Wieder einmal schreibt Samantha Cristoforetti Raumfahrtgeschichte: Am Mittwoch, den 28. September, wird sie die erste europäische Kommandantin der Internationalen Raumstation ISS. „Ich fühle mich durch meine Ernennung zur Kommandantin geehrt“, zitiert die Europäische Raumfahrtagentur Esa die italienische Astronautin vor zwei Wochen in einer Mitteilung, „und freue mich darauf, die Erfahrungen, die ich im Weltraum und auf der Erde gesammelt habe, zu nutzen, um ein sehr kompetentes Team im Orbit zu leiten.“

Führungspositionen zu übernehmen, damit ist die 45-Jährige bereits vertraut. Bis zuletzt leitete sie das United States Orbital Segment der ISS, beaufsichtigte die Arbeiten in den amerikanischen, europäischen, japanischen und kanadischen Modulen und Komponenten der Raumstation.

An ihre neue Funktion als ISS-Kommandantin wird sie sich dennoch erst einmal gewöhnen müssen. Schließlich kommen ganz neue Aufgaben auf die Astronautin zu: Sie muss etwa dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit mit den Teams auf der Erde gut funktioniert, und gleichzeitig die Übergabe an die nächste Crew auf der ISS vorbereiten. Bislang hat das ihr russischer Kollege Oleg Artemyev übernommen, mit dem sie im Juli dieses Jahres einen Außenbordeinsatz absolviert hat. Es war der erste Weltraumspaziergang einer europäischen Astronautin.

2014 fliegt Cristoforetti erstmals zur ISS

Ihre unermüdliche Strebsamkeit und Lernwilligkeit dürften Cristoforetti in ihrer neuen Funktion zugutekommen. Schon immer hat sie eine Leidenschaft für Wissenschaft und Technik: 1996 schließt sie ihr Studium am Liceo Scientifico in Trient ab, geht danach an die Technische Universität München, um 2001 ihren Master in Maschinenbau mit den Schwerpunkten Luft- und Raumfahrtantriebe und Leichtbaustrukturen zu machen. In demselben Jahr tritt sie der italienischen Luftwaffe bei. Es dauert weitere acht Jahre, bis sie schließlich von der Esa als Astronautin ausgewählt wird.

Im November 2014 fliegt sie schließlich erstmals zur ISS, an Bord einer russischen Sojus-Raumkapsel. Sie war damit die erste italienische Frau im Weltall. Fast 200 Tage verbrachte die gebürtige Mailänderin in der Schwerelosigkeit, ehe sie im Juni 2015 zur Erde zurückkehrte. Sie hält damit einen weiteren Rekord: Sie ist die Frau, die sich bisher am längsten ununterbrochen im Weltraum aufgehalten hat. Ihre Eindrücke und Erfahrungen von ihrer ersten Mission hat die Astronautin in ihrem Buch „Diario di un‘apprendista astronauta“ – der deutsche Titel lautet „Die lange Reise: Tagebuch einer Astronautin“ – festgehalten.

Zweite Mission ist nach römischer Göttin Minerva benannt

Mittlerweile ist Cristoforetti eine erfahrene Astronautin. Seit Ende April dieses Jahres ist sie wieder auf der ISS. Ihre zweite Mission trägt den Namen „Minerva“ – in Anlehnung an die römische Göttin der Weisheit, des Handwerks und der Künste. „Eine Hommage an die Kompetenz und das handwerkliche Können der erstaunlichen Männer und Frauen auf der ganzen Welt, die die Raumfahrt möglich machen!“, hatte die Italienerin im Dezember vergangenen Jahres auf Twitter erklärt. Damit dürften wohl auch ihre Crew-Mitglieder, die NASA-Astronauten Kjell Lindgren, Robert „Farmer“ Hines und Jessica „Watty“ Watkins, gemeint sein.

Für die italienische Astronautin ist die Rückkehr zur ISS ein Wiedersehen mit einem alten fernen Freund. Sie kennt die Technik, das Gefühl, 24 Stunden am Tag der Schwerelosigkeit ausgesetzt zu sein, sie weiß, welche Schwierigkeiten der Astronautenalltag mit sich bringt und wie es ist, mit internationalen Kolleginnen und Kollegen auf engstem Raum zusammenzuleben. Das ist der Vorteil, den sie gegenüber Neulingen wie Watkins und Hines hat. „Für mich ist es wirklich toll, wieder hier in der Raumstation zu sein“, hatte Cristoforetti im Mai nach ihrer Ankunft gesagt. „Ich fühle mich hier sehr wohl, es ist wie ein zweites Zuhause.“

Das sie jedoch bald schon wieder verlassen muss. Voraussichtlich am 3. Oktober soll die nächste Crew zur ISS fliegen, nach einer schnellen „Schlüsselübergabe“ geht es dann für Cristoforetti wieder zurück zur Erde. Es war vielleicht ihr letzter Ausflug zum Außenposten der Menschheit. Was von ihrer Mission bleibt, sind spektakuläre Bilder der Erde von oben, die sie regelmäßig in den sozialen Netzwerken postet, wichtige Forschungsdaten und erinnerungswürdige Momente, die der Astronautin einen ewigen Platz in den Geschichtsbüchern der Raumfahrt verschafft haben.

In der ursprünglichen Version des Textes lautete der Titel von Samantha Cristoforettis Buch „Diary of an Apprentice Astronaut“. Das ist die englische Version des Buches, das Original ist auf italienisch erschienen. Wir haben dies am 5. Oktober 2022 konkretisiert und den deutschen Titel hinzugefügt.

Von Laura Beigel/RND