Montag , 5. Dezember 2022
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In der eurozentrischen Perspektive gibt es sehr desinformierte Bilder über Sexualität in Nordafrika, sagt Autor Mohamed Amjahid. Quelle: RND-Montage; Fotos: IMAGO/Peter Schickert, Mia Harvey/unsplash

Zwischen „Sexmaschine“ und „Krüppelschwanz“: Autor will mit Stereotypen über Nordafrikaner aufräumen

Mohamed Amjahid, Sie möchten in Ihrem neuen Buch „Let’s Talk About Sex, Habibi“ mit Vorurteilen über die Sexualität nordafrikanischer Menschen aufräumen. Auf welche stoßen Sie in Deutschland des Öfteren?

In den Köpfen der Menschen herrschen ganz verschiedene Bilder über Menschen aus Nordafrika, auch was deren Sexualität angeht. In der eurozentrischen Perspektive gibt es sehr desinformierte Bilder, die von teils absurden Gegensätzen geprägt sind: Entweder hätten Menschen aus Nordafrika ständig Sex, oder sie hätten gar keinen Sex. Männer aus Nordafrika seien entweder außer Kontrolle geratene Sexmaschinen oder hätten einen Krüppelschwanz – eines davon kann ja nicht stimmen. Diese rassistischen Vorstellungen über die Körperlichkeiten und die Sexualität der Menschen finden wir oft in rechtsextremen Räumen, aber tatsächlich auch in der Mitte der Gesellschaft.

Woran liegt es, dass das Bild von der Sexualität nordafrikanischer Menschen hierzulande von solchen Vorstellungen geprägt ist?

Aus europäischer Sicht fing das spätestens mit dem Kolonialismus an. Sehr viele Anthropologen waren damals Männer, die in sogenannte exotische Gesellschaften gingen. Sie haben sehr viel vermeintliches Wissen produziert, das sich um die Sexualität und Körperlichkeit der Menschen vor Ort in Nordafrika drehte. In manchen Orten Nordafrikas hielten sie fest, dass die Menschen den ganzen Tag nur an Sex denken. An anderen, dass sie keinen Sex haben. Aber die Anthropologen vermittelten vor allem sehr viel Stuss und prägten damit die Stereotype und Denkweise in Europa. Zudem wird spätestens seit der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015 in Deutschland über eine bestimmte Art und Weise über die Sexualität von Nordafrikanern gesprochen – und von einer kleinen Gruppe auf die Gesamtheit geschlossen. Das ist immer der falsche Weg. Deswegen möchte ich mit meinem Buch ein anderes Narrativ anbieten, das als Alternative zu traditionellen rassistischen Bildern und als Unterhaltungsformat dienen kann.

Unterhaltsam ist Ihr erstes Kapital auf jeden Fall: Sie gehen in Apotheken in verschiedenen Orten Nordafrikas und berichten über Ihre Erfahrungen beim Kondomkauf. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?

Mit meiner Reise an die verschiedenen Orte möchte ich zeigen, wie unterschiedlich die Menschen in der Apotheke darauf reagieren, wenn ich nach Kondomen frage. In Tunis fragte mich der Apotheker, ob ich verheiratet bin und wies mich darauf hin, dass er sogar eine Heiratsurkunde verlangen könnte. Im westalgerischen Oran wollte mich der Mann dagegen unbedingt beraten und zeigte mir ein Regal mit einer großen Auswahl an Kondomen. Mit diesem Einstiegskapitel möchte ich die Leserinnen und Leser auf die Themen im Buch vorbereiten und beispielsweise darüber aufklären, dass es solche radikalisierten religiösen Gruppen wie die Salafisten gibt – aber auch die mal so und mal so sind. Als Autor ist es mir wichtig, die Realitäten mit viel Witz darzustellen und gleichzeitig aber nichts zu romantisieren.

Sie sind teilweise in Marokko aufgewachsen und schreiben über Ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen: vom ungewollten Besuch in der Stripteasebar bis zu Straßenkämpfen zwischen Ihrer Mutter und Sexarbeiterinnen. Und auch eine Orgie haben Sie miterlebt.

Ja, das war auf dem Moussem-Fest in Meknès. Ich war 14 und bin als Assistent eines deutschen Anthropologen quasi da reingerutscht. Meine Mutter wollte eigentlich nicht, dass ich dort hingehe, weil sie meinte, dass es da Orgien gibt. Ich konnte sie verstehen, ich war ja noch minderjährig. Aber ich war dann trotzdem da und habe für diesen Anthropologen übersetzt. Ich fand es super faszinierend, dass es so eine Halböffentlichkeit gibt, die als geschützter Raum für viele Menschen dient. Sexclubs wie der Kitkatclub oder das Berghain in Berlin können im Vergleich dazu einpacken, weil diese Feste mit ihren Orgien einfach Tausende Jahre alt sind. Da sind schon immer auch queere Menschen zusammengekommen – und das wird von den Behörden und von der Gesellschaft toleriert, obwohl alle wissen, was da passiert: Es wird Alkohol getrunken, es werden Sexualpraktiken und Fetische ausgelebt. Schwule Männer, lesbische Frauen, Transmenschen – alle können einfach zusammenkommen und sie selbst sein.

Das dürfte viele Menschen aufgrund der Vorurteile, dass queere Menschen in Nordafrika nicht willkommen sind, hierzulande überraschen.

Ja, dahinter steckt aber auch etwas Überheblichkeit. In Deutschland denken wir ganz oft, dass wir die queeren Menschen vor Ort retten müssen und dass sie sich verstecken müssen – und dann beschreibe ich im Buch die größte queere Party, die ich zumindest in meinem Leben je besucht habe. Das dürfte nicht in das Bild vieler Menschen passen. Transfrauen wird in Nordafrika zum Beispiel auch nachgesagt, dass sie magische Kräfte haben – schließlich ist Aberglaube in Nordafrika weit verbreitet. Wenn eine heteronormativ lebende Frau also Liebeskummer hat, dann geht sie zu einer Transfrau und nimmt ihre Dienste in Anspruch. Queere Menschen werden in Nordafrika also einerseits auf ganz verschiedene Art und Weise akzeptiert, andererseits sind sie dort gleichzeitig bedroht. Für mich ist es deswegen auch wichtig, die Kämpfe und die Stärke der queeren Menschen in Nordafrika darzustellen, um zu zeigen, wie sie aus der Situation heraus Strategien zum Überleben und für die Emanzipation entwickeln.

Vor welchen Gefahren und Herausforderungen stehen queere Menschen in Nordafrika?

Es kommen drei Faktoren zusammen, die das Leben für queere Menschen gefährlich machen. Einerseits hat der Kolonialismus in Nordafrika dazu geführt, dass viele Gesetze queerfeindlich sind. Sie stammen aus den französischen und britischen Gesetzesbüchern während der Kolonialzeit in Nordafrika und wurden dann einfach kopiert. Hinzu kommt die Radikalisierung erzkonservativer Kreise nach dem Ende des Kolonialismus. Das versuche ich im Buch über diese „Tele-Imame“ in den 90er- und 2000er-Jahren zu illustrieren, die plötzlich überall per Satellitenfernsehen in die Wohnzimmer gekommen sind und in denen diese bärtigen Männer den Menschen gesagt haben, was sie zu tun und nicht zu tun haben. Der dritte Faktor ist der Staat – das Militärregime in Ägypten zum Beispiel, das darauf setzt, Identitätspolitik auf dem Rücken von queeren Menschen auszutragen. Immer wenn es irgendwelche Probleme gibt, etwa Hungersnot, eine Riesenkatastrophe oder eine Sicherheitskrise, dann machen sie schnell Propaganda gegen queere Menschen.

Ihr Buch zeigt viele Facetten von Sex, Liebe und Begehren in Nordafrika – darunter ernste Themen, aber auch schöne, die Sie mit viel Humor erzählen. Was sollen Ihre Leserinnen und Leser am Ende davon mitnehmen?

Wenn das Buch mit einer Mischung aus Unterhaltung und Darstellungen der Realitäten in Nordafrika zu einem Aha-Effekt führt, dann steht es für mich schon auf der Habenseite. Nordafrika und Deutschland unterscheiden sich hinsichtlich Sexualität nicht so deutlich, wie manche vielleicht denken. Schließlich haben wir Probleme wie toxische Männlichkeit und sexualisierte Gewalt gegen Frauen auch in Europa, das hat spätestens die „Me Too“-Bewegung gezeigt. Gleichzeitig ist es auch wichtig zu verstehen, dass Nordafrika sehr divers ist – und damit ist auch die Art und Weise, wie die Menschen Sex haben und zu Sexualität stehen, von Ort zu Ort ganz unterschiedlich.

Von Ben Kendal/RND