Samstag , 3. Dezember 2022
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Wie wird im Herbst an Schulen mit Corona verfahren? Ob es eine Maskenpflicht geben soll, ist Ländersache.

Steigende Corona-Zahlen: Sind die Schulen im Herbst und Winter sicher?

Ab Oktober tritt das neue Infektionsschutzgesetz in Kraft – bundeseinheitliche Regeln für den Schulbetrieb sind darin nicht vorgesehen. Die Länder können allerdings eine Maskenpflicht ab dem fünften Schuljahr festlegen, sofern dies zur Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts notwendig ist. Auch eine Testpflicht in Schulen und Kitas können die Länder vorschreiben. Schulen sollen aber offenbleiben. Wie sicher ist das?

Was ist schlimmer: keine Schule oder eine Corona-Infektion?

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sieht Schulschließungen kritisch. Diese führten zu Bildungsdefiziten und verhinderten zudem die soziale Teilhabe junger Menschen an der Gesellschaft – mit weitreichenderen Belastungen einer ganzen Generation als durch eine Covid-19-Infektion. Man könne ohnehin nicht alle Infektionen verhindern, sagt Burkhard Rodeck, Kinderarzt und Generalsekretär der DGKJ dem RND. „Wir können das Infektionsgeschehen lediglich mit den bekannten Maßnahmen eindämmen, indem wir neben dem Beachten von Hygieneregeln zum Beispiel anlassbezogen testen und je nach regionaler Situation Masken verwenden.“

Dabei solle man nicht Inzidenzen zählen, sondern das lokale Gesundheitssystem im Blick behalten. Ist das überlastet, müsse gehandelt werden. „Die Maske nutzt, ist aber auch kein Komfortartikel“, sagt Rodeck. Deshalb wünscht er sich einen sorgfältigen Umgang mit einer Maskenpflicht. Um optimal geschützt zu sein, empfiehlt die DGKJ Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrkräften, sich impfen zu lassen. Und auch das Hinnehmen einer Infektion mit einer wenig krankmachenden Variante könne nichtvulnerable Gruppen für kommende Infektionswellen wappnen. Die aktuelle Variante sei für diese Hybridimmunisierung geeignet. „Omikron ist zwar hoch ansteckend, hat aber eine vergleichsweise geringe Krankheitslast, insbesondere bei vorgeimpften Personen“, so Rodeck.

Wie risikoreich ist Corona für Kinder und Jugendliche?

Schulen sieht Rodeck nicht als Hotspots der Pandemie. Auch die Hygienemaßnahmen und Testkonzepte an Schulen hätten in der Vergangenheit nicht konsequent verhindern können, dass sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet. Die Einschätzung teilt der Mediziner und ehemalige Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), Hans-Iko Huppertz: „Das Virus hat bei Kindern und Jugendlichen nie so schwere Verläufe gezeigt wie bei den Erwachsenen.“ Häufig verlaufe eine Infektion sehr mild oder sogar asymptomatisch – das Risiko für Long Covid sei erheblich geringer als bei Erwachsenen. Man könne unter diesen Umständen den Schulbetrieb aufrechterhalten. „Ich sehe aktuell keinen Sinn darin, dass Kinder und Jugendliche in der Schule Masken tragen“, sagt Huppertz. „Die Kinder und Jugendlichen stecken sich genauso gut zu Hause oder in der Freizeit mit dem Virus an oder geben es weiter.“

Die Lehrerverbände sorgen sich derweil, wie Schulen im dritten Corona-Herbst sicher bleiben und ob der Unterricht ohne Maßnahmen regulär stattfinden kann. Bei mehr Krankheitsfällen unter den Lehrkräften könne es wegen des ohnehin herrschenden Lehrkräftemangels zu noch mehr Unterrichtsausfall kommen, sagte Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dem RND. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnte, dass das ab Oktober geltende Infektionsschutzgesetz nicht weit genug reiche und der Unterricht gefährdet sei.

Die Virologin Isabella Eckerle nimmt das aktuelle Infektionsgeschehen ernst. „Wer immer wieder hört, es sei ja nur ein Schnupfen, die Pandemie wäre vorbei, Kinder könnten es schon kriegen, der schützt sich auch nicht mehr“, bemängelt sie auf Twitter. Sie leitet das Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen an den Universitätskliniken in Genf. Immer wieder weist Eckerle darauf hin, dass das Coronavirus und dessen Folgen unberechenbar seien. Damit ist sie nicht allein. „Es wäre natürlich schön, wenn wir schon so weit wären, dass wir Sars-CoV-2 als Infektion unter die normalen Infektionserreger abtun können“, sagte auch der Virologe und Biochemiker Martin Stürmer im Gespräch mit dem SWR. Man sei „noch nicht am Ende der Fahnenstange, was die Evolution von Sars-CoV-2 angeht.“

Für Eckerle ist klar: „Klug ist, so viele Infektionen wie möglich mit Sars-CoV-2 zu verhindern.“ Nicht Lockdowns oder massive Einschränkungen seien das geeignete Mittel dafür, sondern FFP2-Masken in Innenräumen, der niedrigschwellige Zugang zu Tests sowie die Möglichkeit und Empfehlung, zu Hause zu bleiben, wenn man krank ist. Dem schließt sich der Physiker Eberhard Bodenschatz am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation an, der bereits zur Wirksamkeit von FFP2- und OP-Masken geforscht hat. „Studien zeigen, dass das Tragen von Masken und regelmäßiges Testen die Infektionsrisiken am stärksten senken können“, so Bodenschatz. Außerdem sehe er keinen Vorteil für Schülerinnen und Schüler, wenn sich ihre Lehrkräfte häufig mit Corona anstecken würden und der Unterricht deshalb ausfiele, sagte er im Gespräch mit dem MDR.

Politikum: Maskenpflicht oder nicht?

Der Deutsche Lehrerverband hofft, dass das Tragen einer Maske an Schulen nicht notwendig sein wird, räumt aber auch ein, dass die Maskenpflicht „das kleinere Übel ist, als die Kinder in den Distanzunterricht zu schicken“. So formuliert es dessen Präsident Heinz-Peter Meidinger. Er wundert sich jedoch, dass bisher fast kein Bundesland diesen Eventualfall klar definiert hat. „Ich hoffe, dass sich dieses Versäumnis demnächst nicht rächen wird.“

Während sich die Expertinnen und Experten in Detailfragen uneins sind, herrscht zumindest Einigkeit darüber, dass der Schulbetrieb aufrechterhalten werden sollte. Gelingen könnte das, indem sich Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte bestmöglich schützen: durch Hygieneregeln, vollständige Impfungen, anlassbezogene Tests und Masken. Ob Masken verpflichtend werden oder nicht, ist eine politische Entscheidung. Dass sie das Infektionsrisiko verringern können, ist unbestritten.

Von Vivien Valentiner/RND