Samstag , 3. Dezember 2022
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Der Nobelpreis für Medizin geht 2022 an den in Leipzig forschenden Schweden Svante Pääbo für seine Erkenntnisse zur menschlichen Evolution. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Quelle: Frank Vinken For Max-Planck-Gese

Pääbo erhält Medizinnobelpreis: Was erforscht der Paläogenetiker?

Montagmittag ist es offiziell: Der Paläogenetiker Svante Pääbo erhält den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Das Karolinska-Institut im schwedischen Stockholm gab bekannt, dass der Schwede für seine Erkenntnisse zur menschlichen Evolution und dessen ausgestorbenen Verwandten den Medizin-Nobelpreis erhält. Pääbo lebt und arbeitet in Deutschland – so ist der Schwede Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Insitut für Evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig.

Laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gehören unter anderem die „Paläogenetik, molekulare Anthropologie, Entstehung und Ursprung des modernen Menschen und die Evolutionsforschung“ zu den Forschungsschwerpunkten von Pääbo. Einfach erklärt: Pääbo erforscht, was den modernen Menschen einzigartig macht. Innerhalb der Paläogenetik analysiert der 67-Jährige etwa „genetische Proben fossiler und historischer Überreste“.

Diese Forschung dient zur Sequenzierung von Genomen und DNA – Pääbo war laut Leopoldina etwa der erste Forscher, dem die „Klonierung der DNA einer Mumie“ gelang.

Forschung zur Entstehung von Krankheiten

Aber damit ist es längst nicht genug. Bereits im Jahr 1997 wies Pääbo mit seiner Forschung nach, dass sich die DNA von Neandertalern deutlich von der des heutigen Menschen unterscheidet. Mit der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms zeigte Pääbo, dass der Neandertaler kein direkter Vorfahr des Menschen ist. Mit seinem Team konnte er aber nachweisen, dass die Neandertaler ihre Gene an alle heute außerhalb Afrikas lebenden Menschen weitergegeben haben. Etwa ein bis 4 Prozent des heutigen menschlichen Erbguts stammen vom Neandertaler, so Pääbo.

Der Forscher untersucht ebenfalls die Rolle der von Neandertalern weitergegebenen Gene bei der Entstehung von Krankheiten. Die Erbgutspuren unserer ausgestorbenen Verwandten beeinflussen bis heute die Gesundheit des Menschen. So gebe es etwa Neandertaler-Gene, die auf die Immunantwort bei verschiedenen Infektionen wirkten, so das Nobelkomitee.

Homo sapiens und Homo neandertalensis

Pääbo entdeckte bei seiner Forschung auch die ausgestorbenen Denisova-Menschen, die mit dem Neandertaler verwandt waren. Im Jahr 2008 war in der Denisova-Höhle in Sibirien ein kleines, 40.000 Jahre altes Fingerknochenfragment gefunden worden. Auch Spuren vom Erbgut des Denisova-Menschen finden sich im Erbgut des modernen Menschen, wie Pääbos Forschung zeigt. Homo sapiens und Homo neandertalensis mussten also Kinder miteinander gezeugt haben – eine bahnbrechende Erkenntnis. „Neandertaler sind die engsten Verwandten des heutigen Menschen“, so Pääbo laut der „Leipziger Volkszeitung“. „Vergleiche ihrer Genome mit denen heutiger Menschen sowie mit denen von Menschenaffen ermöglichen uns zu bestimmen, wann genetische Veränderungen bei unseren Urahnen eintraten“, erklärt der Forscher.

„Die Frage, woher wir kommen und was uns einzigartig macht, beschäftigt die Menschheit von alters her“, schreibt das Komitee in seiner Begründung für die Vergabe des Nobelpreises. Die Arbeiten von Pääbo zur Aufdeckung genetischer Unterschiede, die alle lebenden Menschen von den ausgestorbenen Homininen unterscheiden, bilden nach Ansicht des Komitees die Grundlage für die Beantwortung dieser Fragen.

Revolution der Evolutionsgeschichte der modernen Menschen

Die Max-Planck-Gesellschaft machte ihrer Freude über die Preisvergabe auf Twitter mit einer langen Smiley-Reihe Luft. „Sprachlos! Glücklich! Wir kneifen uns selbst!“ (Speechless! HAPPY! Pinching ourselves!). „Seine Arbeiten haben unser Verständnis der Evolutionsgeschichte der modernen Menschen revolutioniert“, sagte Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. In Stockholm wurde die Bekanntgabe vor allem von schwedischen Reporterinnen und Reportern begeistert aufgenommen. „Das ist fantastisch“, flüsterte eine Reporterin im Hörsaal.

Pääbo selbst habe bei dem Anruf aus Schweden zunächst geglaubt, dass ihn vielleicht jemand reinlegen wolle, sagt der Forscher. „Ich dachte zuerst: Kann das jetzt ein Scherz sein?“ Er habe nicht gewusst, dass die Entscheidung am Montag verkündet werden sollte.

Körber-Preis im Jahr 2018

„Ich habe es noch nicht ganz verdaut“, sagte der 67-jährige Schwede, der seit Jahrzehnten in Deutschland forscht, am Nachmittag und damit einige Stunden nach dem Anruf. „Das Handy spielt seit einigen Stunden verrückt.“ Die Auszeichnung sei „natürlich supertoll“, auch für die Arbeitsgruppe und das Forschungsfeld. Sie gebe das Gefühl, dass das Forschungsfeld nicht mehr peripher erscheine, sondern „angekommen“ sei.

Bereits im Jahr 2018 wurde Pääbo mit dem Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft für seine Pionierleistungen auf dem Gebiet der Paläogenetik ausgezeichnet. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sagte: „Svante Pääbo ist ein außerordentlicher Wissenschaftler, dessen Arbeit die Evolutionsgeschichte und die Paläogenetik, die er selbst mit begründet hat, einen großen Schritt voranbringt.“

mit dpa

Von Heidi Becker/RND