Anzeige
Das europäische Stromnetz ist auch für Störungen gut gewappnet. Quelle: Jan Woitas/dpa/ZB

Angst vor dem Blackout: So werden Stromausfälle verhindert

Viele Menschen haben Angst, dass in Europa bald öfter Stromausfälle drohen. Experten halten diese Sorge für unbegründet: Auch in der Energiekrise sei die Versorgungssicherheit nicht gefährdet. Und selbst bei Störfällen sei das europäische Stromnetz belastbar.

Christian Rehtanz ist Professor für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Dortmund. Blackouts habe es in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben, sagt er. Zum Beispiel 1977 in New York, die Millionenstadt war damals nach einem Blitzeinschlag rund 25 Stunden lang ohne Strom. Auch Europa war schon betroffen, 2003 gingen für mehrere Stunden in ganz Italien die Lichter aus. Doch aus jeder vergangenen Störung habe man gelernt, sagt Rehtanz.

In New York sei damals die Bevölkerung sehr schnell gewachsen, das Stromnetz aber nicht an den steigenden Bedarf angepasst worden. Und bei dem Stromausfall in Italien habe es Abstimmungsprobleme zwischen den europäischen Ländern gegeben. In der Schweiz war eine Leitung ausgefallen und in Frankreich, das den Strom liefern sollte, hatte es eine Planänderung gegeben. „Hätten Italien damals mehr Informationen zur Verfügung gestanden, hätte man dort schneller gegensteuern und einen längeren Stromausfall abwenden können“, sagt Rehtanz.

Zur Sicherheit der europäischen Stromversorgung trage heute die komplette Vernetzung der Länder untereinander bei. Es gebe keine einzelnen deutschen, französischen oder italienischen Stromnetze, sondern ein europäisches Stromnetz: „Wenn man in Deutschland in die Steckdose kriechen würde, könnte man in einem beliebigen anderen europäischen Land herauskommen“, erklärt der Experte. „Das europäische Verbundsystem ist das größte in der Welt.“

Länder helfen sich gegenseitig aus

Einer der Vorteile der starken Vernetzung: Die Länder können sich ständig gegenseitig aushelfen und sind gut über die Kapazitäten der anderen Staaten informiert. Es komme immer wieder vor, dass irgendwo ein Kraftwerk ausfalle. Dank des großen Netzwerks sei das aber kein Problem. „Auch wenn eine Leitung ausfällt oder für eine Wartung abgeschaltet werden muss, ist es immer so, dass diese durch eine andere ersetzt werden kann“, so der Professor.

Schwieriger sei es, wenn mehrere Leitungen gleichzeitig ausfallen, die örtlich nahe beieinander liegen. Aber auch in solchen Fällen ist das europäische Netz inzwischen so gut reguliert, dass es Schwankungen ausgleichen kann und Stromausfälle verhindert oder kurzfristig wieder behoben werden können. Wie das funktioniert, hat sich im vergangenen Jahr gezeigt.

Am 8. Januar 2021 kam es in Kroatien zu einem Fehler in einer Schaltanlage. In der Folge gelangte mehr Strom in die Netze benachbarter Länder. Dort erwärmten sich Leitungen daraufhin zu stark und wurden zum Schutz automatisch abgeschaltet. In der Folge zerfiel das europäische Netz kurzzeitig in zwei Teile: In den Ländern im Nordwesten von Kroatien fehlten 6,3 Gigawatt Strom, in Ländern im Südosten kam es zu einem entsprechenden Überschuss, sie waren mit zu viel Strom in den Netzen versorgt, der nicht weitergeleitet werden konnte.

Normalerweise wird die Spannung im europäischen Hochspannungsstromnetz auf 50 Hertz synchronisiert. Nun lag sie nordwestlich von Kroatien nach einem kurzen Abfall auf 49,74 Hertz bei 49,84 Hertz. Südöstlich des Landes stieg sie kurzzeitig auf 50,6 Hertz an, bevor sie sich bei einem Wert zwischen 50,2 und 50,3 Hertz einpendelte. Schwankungen von bis zu 3 Gigawatt könnten normalerweise problemlos aufgefangen werden – dadurch, dass Kraftwerke in anderen Teilen Europas automatisch ihre Leistung hochfahren, erklärt Rehtanz. In diesem Fall seien aber umfangreichere Maßnahmen nötig gewesen.

Südlich von Kroatien, in der Türkei, ging wegen des Spannungsanstiegs automatisch eine Stromerzeugungsanlage vom Netz, weitere Kraftwerke wurden gezielt abgeschaltet. In den Ländern westlich und nördlich von Kroatien hingegen musste der Stromverbrauch gedrosselt und die Einspeisung erhöht werden.

Störung wurde schnell behoben

Laut einem Bericht vom Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E gingen Industrieanlagen mit einer Leistung von 1,7 Gigawatt in Frankreich und Italien kurzeitig und kontrolliert vom Netz, damit für andere Bereiche genug Elektrizität zur Verfügung stand. In Verträgen der Industrie mit Netzwerkbetreibern ist eine solche Möglichkeit meist vorgesehen: Droht eine Mangelsituation, wird an Industriestandorten stundenweise auf Strom verzichtet, um das Netz nicht zu überlasten. Die Netzwerkbetreiber zahlen dafür eine Entschädigung. Zusätzlich wurden 420 Megawatt aus dem skandinavischen und 60 Megawatt aus den britischen Netzen automatisiert eingespeist.

Innerhalb von rund einer Stunde wurde die Störung schließlich behoben und das europäische Netz wieder verbunden und synchronisiert. Zu größeren Ausfällen war es nicht gekommen. Lediglich an einigen Orten in Rumänien soll kurzzeitig die Stromzufuhr unterbrochen worden sein, in einigen Gebieten Südosteuropas sollen Lampen und elektrische Geräte kurz an- und ausgegangen sein. Verbraucher und Verbraucherinnen in Deutschland bekamen von dem Störfall nicht einmal etwas mit.

Strommangel kann meist unbemerkt ausgeglichen werden

Anders war das im Jahr 2006, als es in mehreren Ländern Europas zu einem kurzen Stromausfall kam. Um ein Kreuzfahrtschiff darunter passieren zu lassen, hatte damals der Energiekonzern Eon eine Hoch­spannungs­leitung abgeschaltet. Laut einem Untersuchungs­bericht war die Abschaltung mangelhaft geplant, unvorhergesehen wurden bis zu 10 Millionen europäischer Haushalte von der Stromversorgung abgeschnitten.

Bei einer solchen größeren Störungen müssten Netzwerke zunächst abgeschaltet und dann nach und nach wieder hochgefahren und miteinander verbunden werden. Das könne in einigen Fällen Stunden dauern, so Rehtanz. Aber: Auch hier waren die Stromausfälle in den meisten Haushalten nach einer Stunde wieder behoben, nirgendwo hielten sie länger als zwei Stunden an.

Die Sorge, dass in den nächsten Monaten vermehrt größere oder langanhaltende Stromausfälle drohen, hält Rehtanz für unbegründet. Selbst wenn es kurzzeitig zu einem Strommangel kommt, könne dieser ausgeglichen werden – ohne dass die Verbraucher und Verbraucherinnen etwas davon bemerken. „Dass es zu einem Blackout kommt, ist auch in den kommenden Monaten höchst unwahrscheinlich“, sagt Rehtanz. Auf Internetseiten wie www.netzfrequenz.info kann die Spannung im europäischen Verbundnetz live mitverfolgt werden. Grundsätzlich sei das keine schlechte Idee, sagt Rehtanz, auch sein Institut habe eigene Messgeräte.

Damit ließen sich mögliche Störungen zwar nicht vorhersagen, sie lassen sich aber erkennen sobald sie auftreten und im Nachhinein analysieren. Eigene Messungen seien deshalb sinnvoll, um den Betreibern „auf die Finger zu schauen“. Denn diese würden Informationen zum Teil nur zögerlich herausgeben.

Von Irene Habich/RND