Montag , 5. Dezember 2022
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Ein Handy als Grabbeigabe für die Reise ins Jenseits: Craig (Jaeden Martell) verabschiedet sich auf besondere Weise von seinem Freund Mr. Harrigan (Donald Sutherland). Foto: Nicole Rivelli/Netflix © 2022 Quelle: Nicole Rivelli/Netflix

Klingeln aus dem Grab – Stephen-King-Film „Mr. Harrigan’s Phone“ bei Netflix

Nur ein paar Stunden ohne Smartphone, und man fühlt sich unvollständig, ja nackt und beraubt. Montag beim Bob-Dylan-Konzert in Magdeburg musste man sein rangerstes Kommunikationsmittel im Auto lassen oder es in der Konzerthalle in einer speziellen Tasche verschließen lassen, weil der Literaturnobelpreisträger von 2016 sich nicht filmen oder fotografieren lassen wollte. Es war ein schönes Konzert und dennoch war man froh, als es vorbei war und man sein geliebtes Handy wieder einschalten konnte. Whatsapps lesen, Nachrichten abrufen. Ohne Handy kein Leben.

Das ist auch in der Highschool von Craig so. Jeder Schüler, jede Schülerin sitzt stumm in der Mensa und blickt auf das leuchtende Rechteck in seiner/ihrer Hand. Wobei eine spezielle Ecke im Saal für die Inhaber und Inhaberinnen des neuesten iPhones reserviert ist. Kommunikation ist halt immer auch Prestige.

Ein Rubbellosgewinn erlaubt es Craig, sich zu dieser elitären Gruppe zu gesellen. Der alte Mr. Harrigan, dem er jede Woche dreimal Literatur vorliest, hat ihm das Los mit dem 3000-Dollar-Gewinn geschenkt. Aus Dankbarkeit kauft Craig dem greisen Milliardär auch so ein Telefon. Als der hartnäckige Leser der Wirtschaftsteile großer Tageszeitungen erkennt, dass er damit den heutigen statt den gestrigen Börsenstand verfolgen kann, wird aus der anfänglichen Reserviertheit im Nu Enthusiasmus.

Die Figurenkonstellation ist King-Lesern durchaus vertraut

Jaeden Martell („Knives Out“, „Verschwiegen“) und der 87-jährige Donald Sutherland spielen die Hauptrollen in John Lee Hancocks Stephen-King-Verfilmung „Mr. Harrigan‘s Phone“. Der versierte Texaner Hancock, dessen bekannteste Arbeit bisher wohl die Spielleitung beim süßlichen Walt-Disney-Biopic „Saving Mr. Banks“ (2013) mit Emma Thompson und Tom Hanks war und der das Drehbuch zu Clint Eastwoods „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ (1997) schrieb, erzählt von der Macht des Allroundgeräts über den Tod hinaus.

Die Figurenkonstellation des netten Halbwaisen Craig, der einem alten Mann hilfreich zur Seite steht, ist klassischer King. Auch in seinem neuesten Roman „Fairy Tale“ sorgt ein mutterloser Junge für das Wohl eines eher abweisenden alten Herrn, in dessen Schuppen sich dann die Endlostreppe zum – ruinierten und wiederzuerrichtenden – Märchenland befindet.

Der iPhone-Schock: Harrigan meldet sich bei Craig aus seinem Sarg

Der alte Mr. Harrigan stirbt eines Tages – nicht ohne seinem kindlichen Freund ein Vermögen zu hinterlassen. Craig, der Harrigan dessen Handy bei der Aufbahrung in den Totenanzug gesteckt hat, vermisst aber vor allem die tiefschürfenden Gespräche auf Augenhöhe, die ihn erwachsener werden ließen. Und plötzlich meldet sich der Tote aus dem Grab mit einer SMS, so will es scheinen. Und nachdem sich Craig bei ihm über einen Angriff eines Schulhofrowdys (Cyrus Arnold) beschwert hat, geschieht das erste von mehreren finsteren Wundern. Es wird ein wenig gruselig in dem kleinen Städtchen in Maine, dem US-Horror-Bundesstaat Nummer eins.

Es wird dezent gruselig, insgesamt passiert nicht viel

An der Leistung des Ensembles ist dabei nichts auszusetzen. Martell spielt das Coming-of-Age des jungen Craig souverän und Sutherland hat – auch wenn er nur sitzt, spricht und mimisches Mono ableistet – ausreichend Gravitas und Charisma. Was ins Gewicht fällt, ist, dass die Vorlage nur eine Novelle ist, der Drehbuchautor Hancock der Geschichte nicht allzu viel hinzufügt. Man hat den Eindruck, im Netflix-Film „Mr. Harrigan‘s Phone“ entfalte sich nicht genug Drama, um Eineindreiviertelstunden gefüllt wirken zu lassen. Es passiert nicht viel.

Und dass dieses Wenige über Gebühr von seinem kleinen Protagonisten aus dem Off kommentiert wird, trägt auch nicht zur Spannungssteigerung bei.

Richtigen Horror gibt es für Horrorfans einstweilen im Kino

Wer sich im Monat des wohligen Unheils, der seit gefühlt zwei Jahrzehnten mit Kürbisfratzen, kleinen Straßenmonstern und „Süßes oder Saures“-Rufen enden wird, richtig fürchten möchte, muss noch warten. Auch die am Freitag startende Mike-Flanagan-Serie „Gänsehaut um Mitternacht“ ist – anders als dessen „Spuk in Hill House“ (2018) – nicht wirklich creepy geraten. Gespannt ist man auf den Marvel-Werwolf bei Disney+. Und muss sich seine Schrecken einstweilen im Kino holen – im lächelnden Schrecken von Parker Finns „Smile“ oder in der virtuellen Restauration eines Fünfzigerjahre-Horrorpatriarchats in Olivia Wildes „Don‘t Worry Darling“.

King kam auf die Geschichte von Mr. Harrigan, als er die Stimme eines verstorbenen Freundes auf dessen Anrufbeantworter hören wollte und diese ihm dann anständig Angst einjagte. Autors Paranoia springt hier nicht wirklich aufs Publikum über. Statt Furcht befällt einen allenfalls ein leichtes Unwohlsein – hauptsächlich auch darüber, wie sehr man doch über die Jahre süchtig nach dem Smartphone geworden ist.

„Mr. Harrigan’s Phone“, Film, 104 Minuten, Regie: John Lee Hancock, mit Jaeden Martell, Donald Sutherland, Kirby Howell-Baptiste, Joe Tippett, Cyrus Arnold (streambar bei Netflix)

Von Matthias Halbig/RND