Donnerstag , 22. Oktober 2020
Single und alleinerziehend: “Single Parents” bietet jede Menge Einblicke in das Leben Alleinerziehender. Mit Kimrie Lewis-Davis (von links), Brad Garrett, Taran Killam, Leighton Meester und Jake Choi. Quelle: Broadcasting Companies

Gemeinsam einsam: US-Sitcom “Single Parents” startet in Deutschland

Die amerikanische Sitcom “Single Parents” feiert Deutschlandpremiere auf Sky. Die Serie über Alleinerziehende behandelt dabei die Probleme einer gespaltenen Gesellschaft. Die Showrunner sind keine Unbekannten: Liz Meriwether hat bereits “New Girl” ins Leben gerufen, J. J. Philbin wiederum “The O.C.”.

Amerika ist die Hölle. Und zwar gar nicht mal nur, weil der denkbar schrecklichste Präsident alle Gräben seiner gespaltenen Nation weiter vergrößert; der tiefste Abgrund tut sich dort auf, wo Menschen einfach bloß miteinander reden. An einer Grundschule zum Beispiel, irgendwo im Überall. Hier treffen fünf “Single Parents” aufeinander, wie Alleinerziehende in den USA heißen. Gewöhnliche Menschen, die das Elend ihrer Epoche auch noch ohne Partner erleben und dabei ein ehernes Gesetz befolgen müssen: niemals haspeln.

Weil sie alle kreuzbrave Bürger sind, befolgen die “Single Parents” der gleichnamigen ABC-Sitcom das Gebot einwandfreier Eloquenz und quasseln zwar jede der 45 Folgen ohne Punkt und Komma durch; ebenso wie ihre vorwitzigen Grundschulkinder geraten sie dabei aber von der ersten bis zur 22. Minute jeder Episode nie ins Stocken oder verlieren, Artikel 2 der amerikanischen Fernsehverfassung, je die maximale Schlagfertigkeit. Wenn Sky nun die erste Staffel importiert, blickt also auch das hiesige Publikum ins sonnendurchflutete Schattenreich einer kommunikativen Makellosigkeit, dank der selbst Siebenjährige sprechen wie vom Teleprompter abgelesen.

Vereinsamte geben sich gegenseitig Aufbauhilfe in Sachen Geborgenheit

Siebenjährige, wie die Tochter von Will, der sich den Eltern ihrer Klasse zum Start des ersten Schuljahrs in Socken zu Sandalen als Langzeitsingle vorstellt und damit Augenrollen erntet. Bald aber geht alle Fremdscham in Empathie über und sorgt dafür, dass sich die Vereinsamten gegenseitig Aufbauhilfe in Sachen Geborgenheit geben, ohne dabei die Erziehung ihrer Kids zu vernachlässigen. Natürlich ist es auf neunmalkluge Art lustig, wenn Zwillinge ihren Vater ermahnen, kleine Mädchen nicht “Sweetheart” zu nennen, da es “nicht motivierend” sei. Es ist schließlich auch auf unbeholfene Art lustig, wenn Will zum ersten Date seit fünf Jahren Shorts trägt. Aber ist es auch auf realistische Art lustig?

Darauf ein entschiedenes Jein. Oberflächlich betrachtet folgt schließlich alles an dieser Sitcom dem Gebot der Pointe. Weil die Showrunner Liz Meriwether (“New Girl”) und J. J. Philbin (“The O.C.”) angeblich eigene Erfahrungen als Single Parents in ihre Drehbücher einbringen, scheint aber auch nicht jeder Witz nur selbstreferenziell zu sein. Nach einer halben Ewigkeit zölibatärer Selbstverkapselung etwa geht die ulkige Spießigkeit der Hauptfigur Will (Taran Killam) leicht als logischer Abwehrreflex gegen die vorauseilende Welt vorm Zimmer seiner Tochter durch.

Nicht alles Mythos

Gleiches gilt für die Macken seiner Schicksalsgemeinschaft. Wie der verwitwete Hautarzt Douglas (Brad Garrett) seine Zwillinge für Alltagsarbeiten einspannt und mit Geld nur so um sich wirft, wirkt nur übertrieben, wenn man die Profilneurosen ergrauter Alphatiere für einen Mythos hält. Auch die grimassierende Bindungsstörung von Angie (Leighton Meester) wird angesichts der Ansprüche an starke, junge, schöne, kluge Frauen plausibler. Und welche Dämonen der unreife Miggie (Jake Choi) oder die souveräne Poppy (Kimrie Lewis) verdrängen, dürfte ebenfalls spannend werden.

Trotz vieler Klischees verhandeln sie schließlich gemeinsam ein Phänomen, mit dem es auch der Witwer mit zwei Töchtern im Sky-Format “Unicorn” zu tun bekam: eine Gesellschaft, die nach Jahrzehnten des ideologisch überhöhten Individualismus so gespalten ist, dass als Rettungsanker die alten Wertesysteme propagiert werden. Familie, Nachbarschaft, Kinder sollen es nun also ausbaden, das Elend der Ellenbogengesellschaft. Dass die Gewitterwolken überm Platz an der Sonne hier mit eloquenter Schlagfertigkeit verweht werden, steht nun mal ebenso im Gesetzbuch amerikanischer Sitcoms wie die seltsam gleichberechtigte Position diverser Randgruppen im weißen Mainstream. Dass unterm heiteren Anstrich der heilen Welt trotzdem ein paar Risse hervorschimmern, macht “Single Parents” umso sehenswerter.

Von Jan Freitag/RND