Sonntag , 20. September 2020
Die Stuttgarter Ermittler Thorsten Lannert und Sebastian Bootz in der Gerichtsmedizin, die sich im Baden-Badener “Tatort”-Haus befindet. Quelle: SWR

Besuch im “Tatort”-Haus in Baden-Baden: Wo Lena Odenthal und Co. Mordfälle aufklären

Drei Städte in einem Haus: Das gibt’s nur beim “Tatort”. Die Folgen der beliebtesten deutschen Krimireihe aus Ludwigshafen, Stuttgart und Freiburg werden alle im selben Gebäude gedreht, das in Baden-Baden steht. Ein Blick hinter die Kulissen des “Tatort-Hauses”.

Baden-Baden. Am Rande der baden-württembergischen Stadt Baden-Baden, an einen Wald angrenzend, steht ein unauffälliges, weißes Gebäude. Es sticht nicht besonders heraus in diesem Viertel, das bis Ende der Neunzigerjahre ein französisches Kasernen- und Militärsiedlungsgelände war und mittlerweile zu einer normalen Wohngegend geworden ist. Dabei ist dieses von außen schlicht, fast ein bisschen heruntergekommen wirkende Haus, regelmäßig Kulisse für Deutschlands beliebteste TV-Krimireihe. Es wird liebevoll auch das “Tatort”-Haus genannt – hier dreht der Südwestrundfunk (SWR) seit 2006 zahlreiche Filme der Reihe.

Gleich drei “Tatort”-Städte sind hinter der Fassade mit ihren Polizeikommissariaten angesiedelt: Ludwigshafen, Stuttgart und Freiburg. Nur jeweils eine Treppe trennt die drei fiktiven Welten voneinander. Jede Kulisse nimmt ein Stockwerk für sich in Anspruch und sieht unterschiedlich aus. Nur die Gerichtsmedizin und Verhörräume teilen sich die drei Produktionen.

Lena Odenthal und ihr Team sitzen in der ersten Etage

In der ersten Etage ist Ermittlerin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) mit ihrem Team angesiedelt. Die schwarzen Ledersofas in ihrem Büro passen zu den Lederjacken, die die Kommissarin so oft in den Filmen trägt, und irgendwie auch zu ihrem eher rauen Charakter. Kleine Details erinnern an ihren früheren Ermittlungspartner Mario Kopper, der 2018 ausgestiegen ist und durch Ermittlerin Johanna Stern (Lisa Bitter), die seit 2014 dabei ist und dann aufgestiegen ist, ersetzt wurde.

So steht auf einer Anrichte ein Modell eines weinroten Autos. “Die ‘Giulia’ ist Kopper früher immer gefahren”, erklärt Ralf Becker, Leiter der Requisite beim SWR, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Die ‘Tatort‘-Fanbase erkennt sowas sofort”, ist er sich sicher. Ein zweites solches Detail ist die neben dem Modellwagen stehende Mini-Italienflagge. “Kopper war Halbitaliener”, ergänzt Nils Reinhardt, “Tatort”-Produzent beim SWR, gegenüber dem RND. Auch herumliegende Akten wurden nicht einfach lieblos dort abgelegt – “wir wollen uns bei der echten Polizei anlehnen”, erklärt Becker, “solche unbeschrifteten Akten zum Beispiel beschaffen wir uns auch von den Beamten”. Hinter jedem Detail steckt viel Arbeit.

Und nicht nur Lena Odenthals Büro ist perfekt abgestimmt. Obwohl die drei Kommissariate sich in Wirklichkeit alle in einem Haus in Baden-Baden befinden, sind sie alle auf das jeweilige Lokalkolorit der zugehörigen Stadt hin eingerichtet, wie Becker erklärt. “Ludwigshafen ist eine industriell geprägte Stadt”, sagt der Requisiteur. So soll auch das Kommissariat des dort ansässigen Teams “typisch für die Architektur der 60er-Jahre in Ludwigshafen” sein – und bloß nicht zu neu wirken, schließlich sind Behördenbüros meist nicht die modernsten, meint Becker. Auf dem Ludwigshafener Stockwerk äußert sich das vor allem durch viele Holzrahmen, den grauen Teppichboden und die blau gestrichenen Wände. Ausgestattet sind alle Zimmer mit Rolläden. Denn: “Eine Dreiminutenszene kann einen ganzen Tag dauern. Mithilfe der Rollos kann man die Lichtverhältnisse regulieren und zum Beispiel am Tag auch eine Nachtszene drehen”, erklärt Becker.

Schwarzwald-Büro: Das jüngste Kommissariat im “Tatort”-Haus

Ein Stockwerk höher sieht es – abgesehen von den Rollos – gleich ganz anders aus: Hier ist der Schwarzwald-”Tatort” mit Dienststelle in Freiburg angesiedelt. Die Wände sind weiß, die Decken zum Teil aus weißen Platten, zum Teil holzvertäfelt. Auf den Schreibtischen von den Kommissaren Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) liegt mehr Kleinkram herum als noch ein Stockwerk tiefer bei Lena Odenthal. Und, ganz wichtig: In einer Schublade von Friedemann Bergs Schreibtisch liegt ein Schnapsglas, zu dem er in den Filmen gern mal greift. “Das ist das jüngste Kommissariat, aber auch das lebendigste”, findet Produzent Reinhardt. Das Duo aus Freiburg ermittelt erst seit 2016, vorher gab es stattdessen den Konstanz-”Tatort”.

Wiederum eine Etage höher kommt man nach Stuttgart, wo die Kriminalhauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) Mordfälle aufklären – im Gegensatz zur echten Polizei übrigens im Rekordtempo, wie Becker und Reinhardt erklären. Ganz wie bei den echten Beamten kann es im Film eben doch nicht ablaufen. Hell und freundlich sieht es dafür in der fiktiven Stuttgarter Behörde aus: Eine Art Laminatboden und die hellen Fenster- und Türrahmen sollen städtisch wirken. Große Regale voller Akten stehen an den Wänden.

Gerichtsmedizin und Verhörraum werden geteilt

Doch bei einem Mord wird natürlich nicht nur im Büro und draußen ermittelt. Gibt es eine Leiche, muss die auch obduziert – und Verdächtige verhört werden. Für beide Fälle gibt es im “Tatort”-Haus in Baden-Baden ebenfalls Drehorte, die sich die drei “Tatort”-Städte teilen. “Das erkennen die Zuschauer eigentlich nicht wieder”, ist sich Becker sicher. Den meisten falle nicht auf, dass hierfür dieselben Räume genutzt werden. Schließlich sähen Gerichtsmedizin und Verhörräume eben nicht besonders individuell, sondern meist sehr ähnlich aus. Außerdem liefen die Krimis der drei SWR-Städte auch nicht direkt hintereinander.

Großen Wiedererkennungswert hat die Gerichtsmedizin mit den mintgrünen Fliesen an den Wänden, dem genoppten Gummiboden, den sterilen, silbernen Leichenbahren aus Stahl und dem herumliegenden Sezierbesteck trotzdem. Echte Tote liegen hier zum Glück nicht – stattdessen befindet sich gerade eine abgedeckte Dummypuppe unter einem blauen Leichentuch, um es so aussehen zu lassen, als sei es ein echter Körper. “Bei den Dreharbeiten liegt da dann meistens der Schauspieler, der das Opfer spielt”, erklärt Requisiteur Becker. Damit der auf dem kalten Stahl nicht friert und somit Anzeichen von Lebendigkeit zeigt, werden unter seinen Körper – nicht sichtbar für den Zuschauer – Teile einer Isomatte gelegt. Die Bahre werde kurz vorher mit einem Bügeleisen aufgewärmt.

Zum Kühlen kommen die Leichen in sogenannte Kühlzellen – die im “Tatort”-Haus in Wirklichkeit natürlich dieselbe Temperatur wie der Rest des Raumes haben. Außerdem führen auch nur zwei der neun sichtbaren Klappen tatsächlich zu einer Zelle, die anderen sind nur Dekoration. Sieht man im Film ja nicht. Und so merkt man als TV-Zuschauer auch nicht, dass es in diesem Raum weder nach Verwesung noch nach Desinfektionsmitteln, sondern wie in jedem anderen normalen Raum riecht. “Wir haben früher mal in Karlsruhe in der echten Pathologie gedreht”, erinnert Becker sich – das sei für alle weniger angenehm gewesen.

Verhörraum am echten Gefängnis Stuttgart-Stammheim angelehnt

Möglichst echt wirken soll auch der Verhörraum, der für die “Tatort”-Produktion genutzt wird. “Die Bauweise ist vom Gefängnis Stuttgart-Stammheim abgeschaut”, erklärt Becker. Boden, Wände und Decke in dem Raum sind in grau gehalten, genauso wie der kleine Tisch mit Stuhl daran. “70er-Jahre-Betonoptik”, nennt der Requisiteur das. So werde der Raum sowohl für Vernehmungsszenen in der Krimireihe genutzt wie auch für Besuchsszenen im Gefängnis. Gegenüber des Tisches ist ein verspiegeltes Fenster mit einem kleinen Raum dahinter gebracht, womit Gegenüberstellungen simuliert werden. “Um Spannung aufzubauen, ist die erste Vernehmung im Film meist noch im Büro des Kommissars. Wenn der Verhörte dann verdächtig wird, geht es in den Verhörraum”, erzählt Produzent Reinhardt. Mit echten Polizei-Verhörpraktiken hätten die Vernehmungen im “Tatort” eher weniger zu tun: “Im Film machen die Kommissare dem Verhörten oft Druck. In echt lassen sie sich viel mehr Zeit, es gibt weniger Unterstellungen.”

Doch auch wenn Ludwigshafen, Stuttgart und der Schwarzwald sich in diesem Gebäude in Baden-Baden so nah liegen – aufeinander treffen und gemeinsam Mittagessen tun die Schauspieler der verschiedenen Kommissare dann doch nicht. Denn parallel wird nicht gedreht – die Städte haben zwar ihre eigenen Kommissariate, die Technik für den Dreh wird aber oft geteilt. “Das wäre logistisch nicht möglich”, sagt Becker über einen gleichzeitigen Dreh. Etwa sechs Wochen im Jahr wird das Haus genutzt – ansonsten steht es größtenteils leer. Dann ist es wieder das schlichte, unauffällige Haus, wie es von außen wirkt.

Von Hannah Scheiwe/RND