Samstag , 19. September 2020
Jürgen Vogel bei der Premiere des Kinofilms “Der Mann aus dem Eis” im Zoo-Palast in Berlin.

Jürgen Vogel: “Erfolg führt nicht dazu, dass Menschen glücklich werden”

Er gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Im RND-Interview spricht Jürgen Vogel über Dreharbeiten vor Traumkulissen, Rachegefühle und das Schauspielern in der Corona-Zeit. Am 27. Juli läuft der frühere Kinofilm “Der Mann aus dem Eis” mit ihm im Fernsehen.

Jürgen Vogel, “Der Mann aus dem Eis” kommt am 27. Juli erstmals ins Fernsehen. Sie spielen darin den Ötzi. Was war die größte Schwierigkeit an dieser Rolle?

Es war eine große Herausforderung, dass die Figur nicht spricht, sondern nur für den Zuschauer unverständliche Laute von sich gibt. Normalerweise, wenn ich eine Rolle spiele, kann ich viel darüber machen, was die Figur sagt. Das fällt komplett weg. Ich hatte also nur meinen Ausdruck und die Reise, die Ötzi da geht, zur Identifikation für das Publikum. Es ist aber spannend zu sehen, ob das interessant für die Zuschauer ist, die Figur so zu verfolgen. Das ist eine andere Arbeit, als ich das sonst kenne.

Sind die Laute denn alle improvisiert oder standen die zum Teil im Drehbuch?

Wir hatten eine Art eigene Sprache. Ein Sprachwissenschaftler hat uns anhand des Rätoromanischen einen Sprachansatz entwickelt. Er hat überlegt: Wie hätte das klingen können, wenn man das zurückverfolgen würde in die Zeit, in der Ötzi gelebt hat? Da hatten wir einen richtigen Sprachkatalog.

Ötzi ist mit Pfeil und Bogen auf der Jagd. Mussten Sie für den Film lernen, wie man das macht?

Ja, das war richtig cool. Die Dinger sind der Wahnsinn. Da ist mir erst bewusst geworden, was das für krasse Waffen sind.

Beim Dreh mussten Sie viel durch Berge, Flüsse und so weiter laufen. Worauf haben Sie sich nach so einem Drehtag am meisten gefreut?

Da in Südtirol war es total schön, und es gab immer gutes Essen. Ich hatte echt Hunger nach so einem Dreh in den Bergen, da verbrennt man richtig Kalorien. Wir hatten auch ganz tolle Hotels und in einem Ort Hütten, da habe ich mir dann den Kamin angemacht und gutes Essen in die Stube gebracht bekommen.

Wie ist das dann, wenn Sie nach Drehende wieder in Ihr richtiges Zuhause zurückkehren?

Ich habe in Südtirol nichts vermisst, es war echt superschön da. Du hast da richtig viel Natur, und es ist dann nicht so, dass ich zurück in Berlin denke: “Endlich bin ich wieder zurück in der Stadt.”

Die Landschaftsbilder im Film sind sehr beeindruckend. Welches war der schönste Drehort, an dem Sie jemals waren?

Das ist schon Südtirol. Ich bin da auch jedes Wochenende wandern gegangen. Diese Bergseen sind echt der Wahnsinn. Das ist schon toll, wenn man da reinspringt, um sich zu erfrischen, und das Wasser hat maximal fünf Grad. Ich fand aber auch Äthiopien wunderschön, da habe ich lange gedreht, und das ist ein wahnsinniges Land mit einer besonderen Kultur. Da haben wir so auf 2000 Metern Höhe gedreht, und das waren unglaubliche Ausblicke.

Der Ötzi wird im Film angetrieben vom Rachegefühl, nachdem seine Frau und sein Kind ermordet wurden. Hatten Sie schon mal starke Rachegefühle?

Ich glaube, jeder Mensch kennt Rachegefühle, das ist Teil der Menschheit. Länder und Völker, die sich bekriegen – das hat nach wie vor viel mit Rache zu tun. Das ist natürlich schade und ich hoffe, dass Bildung, Gesellschaften und auch Glaube einen davon vielleicht abhalten.

Also sind Ihnen persönlich Rachegefühle nicht fremd?

Nein, natürlich nicht, aber eher in den kleinen Dingen, und dagegen muss man eben ankämpfen. Das führt ja am Ende zu nichts Gutem.

Das sieht man auch im Film: Nachdem Ötzi Rache geübt hat, weiß er nichts mehr mit sich anzufangen. Hatten Sie das schon mal, dass sie etwas unbedingt wollten und, als sie es dann hatten, gar nicht mehr wussten, warum?

Ich denke das manchmal über die Hollywoodstars, bei denen sich das Leben wirklich verändert, wenn sie so einen Film machen. Die bekommen dann 20 Millionen und wissen, dass sie rein theoretisch nie mehr arbeiten müssten. Das ist das größte Ziel von manchen. Aber viele merken dann, dass das nichts mit Glücklichsein zu tun hat. Erfolg führt auch nicht dazu, dass Menschen glücklich werden. Ganz oft ist es genau das Gegenteil, weil die Illusion ist: Wenn ich das geschafft habe, dann bin ich glücklich. Und dann merken sie, dass sie gar nicht glücklich sind. Insofern ist es interessant, darüber nachzudenken, ob es Sinn macht, an Äußerlichkeiten oder finanziellen Sachen festzuhalten und sein Leben auf so was aufzubauen, oder ob man sich nicht einfach andere Dinge sucht. Ich finde andere Sachen schöner. Man kann sich über Geld kurzzeitig freuen, aber das macht einen nicht glücklich.

Was macht Sie denn glücklich?

Es gibt ganz viele Sachen, die mich glücklich machen. Da unterscheide ich mich nicht von anderen Menschen. Ich finde Gesundheit superwichtig, Spaß haben auch und Leute treffen – gerade in solchen Zeiten wie jetzt möchte ich so gern Menschen treffen.

Wie hat sich denn Ihr Leben in der Corona-Krise als Schauspieler verändert?

Ich drehe nicht mehr und warte, bis ich wieder arbeiten darf. Ich bin jetzt mehr zu Hause und habe mehr frei, das ist auch mal schön.

Im Mai waren Sie aber auch in den Kurzgeschichten “Liebe. Jetzt!” zu sehen, wo es um Liebe in Zeiten von sozialer Distanz geht – die wurden während der Corona-Krise gedreht.

Ja, es wurde unter Corona-Bedingungen gedreht. Die Regie kam per Skype, alle haben Abstand gehalten und Masken getragen. Das war interessant.

Es ist ja auch gut, dass überhaupt noch Neues produziert wird in diesen Zeiten.

Ja, viele gucken in dieser Zeit Fernsehen, und ich bin froh, dass es noch Shows gibt, die gemacht werden können ohne Publikum, sodass man sich zu Hause auch noch mal ablenken kann. Unterhaltung ist ein wichtiges Gut.

“Der Mann aus dem Eis” läuft am 27. Juli ab 20.15 Uhr im ZDF.

Von Hannah Scheiwe/RND