Samstag , 31. Oktober 2020
Spielt die Hautfarbe im deutschen Fernsehen eine Rolle? Maria Furtwängler (r.) und Florence Kasumba im “Tatort”.

TV-Branche: Werden Schauspieler mit Migrationshintergrund benachteiligt?

Rassismus wird durch den Tod von George Floyd und Black-Lives-Matter-Proteste aktuell viel diskutiert. Auch TV-Sender und Streamingdienste nehmen die eigenen Programme unter die Lupe. Den deutschen Nachrichten, Filmen und Serien stellt ein Politikwissenschaftler in der Hinsicht kein gutes Zeugnis aus.

Das Fernsehen galt lange als Fenster zur Welt, und für die meisten Zuschauer stimmt das immer noch: Ihr Wissen über andere Kontinente verdanken sie in erster Linie den TV-Nachrichten.

Kai Hafez von der Universität Erfurt stellt “Tagesschau”, “heute” oder “RTL aktuell” jedoch ein miserables Zeugnis aus. Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler erforscht die politischen Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt und beschäftigt sich intensiv mit der Auslandsberichterstattung. Afrika zum Beispiel, kritisiert er, tauche stets nur in negativen Kontexten auf.

Folgen für unser Menschenbild

Das habe naturgemäß Folgen für unser Bild jener Menschen, die als Migranten zu uns kommen: “Im Grunde sind wir keinen Schritt weiter als vor 50 Jahren. Unser Blick auf die Welt ist nach wie vor sehr eurozentrisch. Die Nachrichtenwelt ist immer noch aufgeteilt in eine demokratische westliche Sphäre und eine eher feindliche, unmoderne und repressive asiatisch-afrikanische Sphäre.”

Solche “angstbehafteten Kontexte” führten zu einem latenten oder manifesten Rassismus: “Wir sind überhaupt nicht vorbereitet auf den Weltenwandel, der sich gerade vollzieht. Aus europäischer Sicht bleiben ‚die Fremden‘ minderwertig.”

Der Politikwissenschaftler Hafez sieht “einen starken Trend zur Polarisierung: wir gegen die anderen”. Über die Hälfte der Deutschen halte den Islam für gewalttätiger als alle anderen Religionen – die meisten dieser Menschen seien islamophob. Unser Bild von Afrika sei nach wie vor kolonial behaftet. “Viele afrikanische Staaten sind bei der Digitalisierung viel weiter als wir, doch in unserem Afrikabild ist der gesamte Kontinent pauschal rückständig. Europa wird ein immer kleinerer Teil der Welt, aber wir klammern uns an die Hegemonialität der letzten 500 Jahre.”

Dasselbe gilt für Fernsehfilme und Serien

Das gilt offenbar auch für Fernsehfilme und Serien – auch wenn viele Sender beteuern, sie seien in dieser Hinsicht ausgesprochen sensibel. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd hat weltweit zu Protesten gegen Rassismus geführt. TV-Sender und Streamingdienste haben vorsorglich die eigenen Programme unter die Lupe genommen. HBO Max etwa versah den Hollywoodklassiker “Vom Winde verweht” mit einer Art Gebrauchsanweisung.

Im deutschen Fernsehen sieht man offenbar wenig Notwendigkeit, sich selbst zu überprüfen. Christine Strobl, als Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto für mehrere Hundert Filme pro Jahr verantwortlich, beteuert: “Wir empfinden es als unseren Auftrag, uns immer wieder mit dem Thema Integration zu beschäftigen und die Angst vor Fremden zu hinterfragen.”

Schauspieler mit ausländischen Wurzeln beklagen jedoch das Phänomen des “migrantischen Castings”: Wer eine dunkle Hautfarbe hat, wird nur dann eingeladen, wenn eine entsprechende Rolle besetzt werden soll.

“Struktureller Rassismus”

Für Nataly Kudiabor zeigt das beispielhaft, “wie eurozentrisch unsere Branche nach wie vor geprägt ist”. Als Tochter eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter weiß die Ufa-Produzentin, wovon sie redet, wenn sie von “strukturellem Rassismus” spricht: Man sei immer “der oder die andere”.

Diese Haltung sei im Fernsehen nach wie vor präsent: “Wenn eine Figur auftaucht, die im landläufigen Sinn nicht ‚deutsch’ wirkt, wird stets erklärt, wo sie herkommt. Anscheinend glaubt man bei den Sendern, die Zuschauer seien überzeugt: Wer irgendwie anders aussieht, kann auch kein Deutscher sein.”

Viele klischeehafte Rollen

Entsprechend klischeehaft seien viele der zu vergebenden Rollen: “Afrikaner sind Flüchtlinge. Sie können zwar gut tanzen, sind aber kriminell. Türken sind Gemüsehändler, Asiaten haben einen Chinaimbiss.”

Die Produzentin Kudiabor hält es mit der Devise von Ufa-Chef Nico Hofmann, die besagt: “Vielfalt im Fernsehen geht uns alle an.” Sie will Serien produzieren, in denen es normal ist, dass ein Afrodeutscher die Hauptrolle spielt – ohne dass erst erklärt werden muss, warum er so gut Deutsch spricht.

Von Tilmann P. Gangloff/RND