Sonntag , 27. September 2020
An Bord einer Rakete vom neuen Typ "Langer Marsch 5" machte sich am Donnerstag mit "Tianwen-1" ein Raumschiff auf die siebenmonatige Reise zum Roten Planeten. Quelle: imago images/Xinhua

Mission Roter Planet: Gelingt China die Landung auf dem Mars?

Mit seiner ersten Landung auf dem Roten Planeten will China mit den USA gleichziehen und auch im All eine Großmacht werden. Doch viele Mars-Missionen sind schon gescheitert. Die Landung gilt unter Experten als “mies” oder auch als “sieben Minuten des Terrors”.

Wenchang. Mit seiner ersten Landung auf dem Mars will China zu den großen Raumfahrtnationen aufrücken. Der Start vom Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der südchinesischen Insel Hainan klappte problemlos. Als erste Nation will China schon bei seiner ersten unabhängigen Mars-Mission eine Landung versuchen. Das Raumschiff besteht aus einem Orbiter, einem Landegerät und einem Gefährt von der Größe eines Golfplatzfahrzeugs.

Der schwierigste Flug des Landes

Der Flug gilt als einer der schwierigsten, den China jemals unternommen hat. Mit dem riskanten Vorhaben will das Land nach den USA die zweite Nation werden, die auf dem Mars landet und auch noch einen Rover betreibt. Eine Stunde nach dem Start teilte Chinas Raumfahrtprogramm mit, dass das Raumschiff seine vorbestimmte Bahn erreicht habe und erfolgreich auf dem Weg sei.

„Keine planetarische Mission ist jemals so umgesetzt worden“, schrieben die chinesischen Planer im Magazin „Nature“ über ihr Vorhaben. „Ein Erfolg wäre ein großer technologischer Durchbruch.“ Der Name „Tianwen-1“ lässt sich mit „Fragen an den Himmel“ übersetzen und stammt von einem Gedicht eines der größten chinesischen Poeten, Qu Yuan, der etwa 340 bis 278 vor Christus gelebt hat.

Von Konkurrenz will China nichts wissen

„Dieser Flug hat gut angefangen“, sagte Wang Jue, Chefingenieur des Raketenprogramms vor der Presse in Wenchang. Mit fünf Tonnen sei die bisher schwerste Last mit einer Rakete vom Typ „Langer Marsch“ transportiert worden. Der Start wurde mit Spannung verfolgt, weil der bisher leistungsstärkste Typ der Raketenfamilie erstmals regulär zum Einsatz kam. Bei der Entwicklung hatte es einige Fehlschläge gegeben.

Von einem Wettrennen mit dem Rivalen USA im All wollte Liu Tongjie, Vizedirektor im Raumfahrtprogramm, aber nicht sprechen: „Wir stehen nicht in Konkurrenz mit irgendeiner Nation.“ Er sei zuversichtlich und hoffe auf einen Erfolg des Fluges, der noch viele Anstrengungen erfordere. „Es gibt viele Unwägbarkeiten und schwierige Teile.“

50 prozentige Chance: Landung wird besonders heikel

„Ich denke, dass China das wie jeder andere schaffen kann, aber der Mars ist schon eine Herausforderung“, sagte der australische Experte Morris Jones der Deutschen Presse-Agentur. Die Landung sei besonders riskant. „Der Mars hat eine sehr dünne Atmosphäre, was bedeutet, dass die Fallschirme nicht so viel bremsen, wie es nötig wäre“, sagte Jones. „Einige Raumschiffe haben auf der Reise zum Mars gut funktioniert, aber sind dann an der Landung gescheitert.“

Von 18 Landeversuchen waren bisher nur 10 erfolgreich – allein neun durch die USA. Der Sowjetunion gelang zwar 1971 eine Landung, aber der Kontakt brach 20 Sekunden nach dem Aufsetzen ab. „China ist bereits eine der führenden Raumfahrtnationen“, sagte Morris zum ehrgeizigen Programm der Chinesen, die auch den Bau einer Raumstation und weitere Landungen auf dem Mond planen. „Ein erfolgreicher Flug auf den Mars wird diese Position noch stärken.“

Die Chancen dafür liegen Experten zufolge bei 50 Prozent. „Das ist so, als wenn man ins Kasino geht und auf Rot oder Schwarz setzt“, sagt Norbert Frischauf, Raumfahrtexperte der Beratungsfirma SpaceTec Capital Partners in München, der dpa. „Da hat bisher noch jeder Lehrgeld bezahlt.“ Schwerkraft und Atmosphäre seien verzwickt.

Die Landung gilt als “mies” und “sieben Minuten des Terrors”

„Der Mars ist echt mies“, sagt Frischauf. Es sei sehr schwer, mit Fallschirmen und Raketentriebwerken zu arbeiten. „Es ist gerade so, dass es dich richtig für einen Absturz prädestiniert.“ Die Chinesen hätten dafür noch nicht ausreichend entwickelte Technologien. Selbst die Amerikaner seien dabei „schon oft auf die Nase gefallen“.

Die Landung auf dem Mars gilt in Nasa-Kreisen als “sieben Minuten des Terrors”. Das Landegerät muss seine Geschwindigkeit von 20.000 Kilometer pro Stunde praktisch komplett abbremsen. Da der Mars eine Atmosphäre besitzt, ist ein Hitzeschild notwendig. Das chinesische Landegerät soll mit Hilfe des Fallschirms und der Raketendüsen etwa 100 Meter über der Oberfläche schweben, zunächst den besten Landeort auskundschaften und dafür seine Position anpassen.

Zwei weitere Nationen fliegen zum Mars

Chinas Mission ist eine von drei Flügen zum Mars in diesem Sommer. Im Juli und August ist der Mars der Erde am nächsten – eine Konstellation, die es nur alle zwei Jahre gibt. Am Montag hatten die Vereinigten Arabischen Emirate mit Hilfe einer japanischen Rakete die erste arabische Mars-Sonde ins All geschickt, die aber nicht landen soll. In einer Woche wollen die USA den Rover „Perseverance“ (Durchhaltevermögen) auf den Mars bringen.

Alle drei Raumschiffe sollen im Februar am Ziel sein. China will im Mai in der flachen Mars-Gegend Utopia Planitia landen, wo 1976 bereits die US-Sonde „Viking 2“ aufgesetzt hatte. Der 240 Kilogramm schwere Rover soll die Oberfläche etwas mehr als drei Monate erforschen. Er ist doppelt so schwer wie Chinas Mond-Rover „Yutu“, wiegt aber nur ein Viertel des US-Gefährts „Perseverance“, das die Größe eines Kleinwagens hat und als das fortschrittlichste gilt.

Chinas Rover hat ein Radargerät, das tief unter der Oberfläche nach Spuren von Wasser und Mikroorganismen suchen kann. Auch soll er Magnetfeld und Atmosphäre erforschen. Von den acht Planeten im Sonnensystem ist der Mars der Erde am ähnlichsten. „Der Mars ist der wahrscheinlichste Ort in unserem Sonnensystem, um Lebensformen außerhalb der Erde zu finden – oder den Beweis, dass sie einmal existiert haben“, sagte Jones.

RND/dpa