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Diese Animation veranschaulicht, wie viele Menschen seit Beginn der UN-Zählung im Jahr 1950 schätzungsweise auf der Erde leben. Quelle: Gina Patan

Wie lebt es sich als achtmilliardster Mensch auf der Erde?

Acht Milliarden, eine Acht mit neun Nullen. So viele Menschen leben am 15. November auf der Erde. Ein neuer Rekord, den die Vereinten Nationen (UN) in ihrem jüngsten Bericht zur Weltbevölkerung festhalten. Acht Milliarden Menschen, die atmen, essen, schlafen, denken, Ressourcen verbrauchen – und alles zur gleichen Zeit.

„Eigentlich ist das eine gute Nachricht“, meint Catherina Hinz. Sie ist Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, das sich mit regionalen und globalen demografischen Veränderungen befasst. Der neue Bevölkerungsrekord verdeutliche, dass die Lebenserwartung weltweit gestiegen ist. Gleichzeitig seien die Geburtenraten in den allermeisten Ländern zurückgegangen. Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen der UN liegt das jährliche Bevölkerungswachstum weltweit unter einem Prozent. „Dennoch haben wir ein diverses Bild“, sagt Hinz. „Es gibt weiterhin Regionen, die stark wachsen wie Afrika südlich der Sahara.“

Weltbevölkerung: die Entwicklung der Menschheit im Rückblick

Die Geschichte der Menschheit reicht weit zurück: Nach heutigen Kenntnissen hinterließ der Homo sapiens erstmals vor etwa 300.000 Jahren seine Spuren auf der Erde. Seitdem ist die Bevölkerung stetig gestiegen. Kurz nach 1800, als sich etwa Napoleon Bonaparte zum Kaiser Frankreichs krönte, war die erste Milliardenmarke erreicht. 1928, zur Zeit der Weimarer Republik, waren es schon zwei Milliarden Menschen. Keine hundert Jahre später sind es nun acht Milliarden.

Wie wird es für den achtmilliardsten Menschen sein, auf der Erde zu leben? Wird er ein Einzelkind oder Teil einer Großfamilie sein? Wird er zur Schule gehen, eine Ausbildung oder ein Studium anfangen? Welche Herausforderungen kommen auf ihn zu? Wie lange wird er leben?

Natürlich gibt es keine klaren Antworten auf alle diese Fragen. Es ist sogar möglich, dass der achtmilliardste Mensch schon längst geboren ist. Schließlich haben die Vereinten Nationen nicht alle Geburten im Blick, die Prognosen sind fehleranfällig. Dennoch wollen wir den Versuch wagen, vier Szenarien aufzuzeigen, in was für einer Welt der achtmilliardste Mensch groß werden könnte.

Was wäre, wenn das Kind in Deutschland zur Welt kommen würde?

Ein schriller, quengelnder Schrei erfüllt am 15. November den Kreißsaal der Berliner Charité. Es ist das erste Lebenszeichen des achtmilliardsten Menschen, geboren in Deutschland. Seine Überlebenschancen sind gut: Nur etwa drei von 1000 Lebendgeborenen versterben in der größten Industrienation Europas.

Der Mutter laufen Freudentränen über die Wangen. Für sie ist es das zweite Kind. Keine ungewöhnliche Familienkonstellation in Deutschland: Im vergangenen Jahr hat jede Frau laut Statistischem Bundesamt 1,58 Kinder zur Welt gebracht – eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr.

Vor dem Neugeborenen liegt ein langer Lebensweg: Knapp 81 Jahre alt werden Männer und Frauen in Deutschland im Schnitt. Es warten also jede Menge Höhen und Tiefen. Die ersten Herausforderungen bekommt der achtmilliardste Mensch zunächst gar nicht bewusst mit: Da wären die Corona-Krise, der Krieg Russlands gegen die Ukraine oder die daraus resultierende Energiekrise, die die Strom- und Gaspreise in die Höhe treibt. Die Nachwehen dieser Krisen werden aber auch ihn in Zukunft noch beschäftigen.

Die Chancen stehen gut, dass der achtmilliardste Mensch in Deutschland einen guten Zugang zur Bildung haben wird. Mit sechs Jahren wird er in die Schule gehen, selbst bei niedrigem oder mittlerem Einkommen der Eltern. Schließlich könnte er – wie etwa jeder Dritte in Deutschland – seine Schulzeit mit einer Fachhochschul- oder Hochschulreife beenden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der achtmilliardste Mensch danach schnell eine Arbeit findet, ist hoch. Die Arbeitslosenquote lag in Deutschland zuletzt bei gerade einmal 5 Prozent. Mit einem monatlichen Bruttogehalt von 4100 Euro – was dem Durchschnittsgehalt eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmenden im Jahr 2021 entspricht – ist er in der Lage, ein gut situiertes Leben zu führen.

Was wäre, wenn das Kind in China zur Welt kommen würde?

Es ist ihr drittes Kind, das am 15. November im Peking Union College Hospital das Licht der Welt erblickt. Das allein ist für die Mutter schon etwas Besonderes; schließlich galt in China im vergangenen Jahr noch eine Zwei-Kind-Politik. Ein drittes Kind war verboten. Doch dann stellt sich ferner heraus, dass sie über Monate den achtmilliardsten Menschen in ihrem Bauch trug.

Ein kleines Wunder, das die junge Mutter aber auch vor Herausforderungen stellt. Denn die Lebenshaltungskosten in China steigen, ebenso wie die Wohnkosten und die Kosten für die Kindererziehung. Das sind wohl auch Gründe dafür, warum die Geburtenrate im bevölkerungsreichsten Land der Erde in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgegangen ist.

Gleichzeitig wird die chinesische Bevölkerung immer älter. Wenn der achtmilliardste Mensch Glück hat, wird er etwa 80 Jahre alt – was der durchschnittlichen Lebenserwartung entspricht. Allerdings dürfte die hohe Feinstaubbelastung, gerade in den Metropolen, ein gesundheitliches Risiko für ihn darstellen. Die alternde Bevölkerung in Verbindung mit einer niedrigen Geburtenrate könnte zudem zu einem demografischen Ungleichgewicht führen, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes einschränken.

Das würde auch spürbare Folgen für das Arbeitsleben des achtmilliardsten Menschen haben. Als Stadtkind hat er grundsätzlich einen besseren Zugang zur Bildung als Kinder, die in ländlichen Regionen aufwachsen. Mit neun wird er zur Schule gehen, später seinen Abschluss machen und wie die Hälfte aller Chinesinnen und Chinesen zwischen 18 und 22 Jahren ein Hochschulstudium beginnen.

Der Arbeitsmarkt bietet für den achtmilliardsten Menschen zahlreiche Stellen. Die Arbeitslosenquote in China betrug zuletzt 5,5 Prozent. Gerade gut ausgebildete Fachkräfte werden gesucht. Doch das Arbeitsleben wird nicht einfach: Es warten auf ihn lange Arbeitszeiten, wenige Urlaubstage und ein – verglichen mit westlichen Standards – geringes Gehalt. Das mittlere monatliche Einkommen in China beläuft sich auf umgerechnet knapp 1400 Euro.

Was wäre, wenn das Kind in Brasilien zur Welt kommen würde?

Wenn der achtmilliardste Mensch am 15. November von Deutschland aus gesehen einmal quer über den Atlantischen Ozean in Brasilien geboren wird, darf er seinen Geburtstag am Nationalfeiertag Proclamação da República feiern – am Tag der Ausrufung der Republik. Es ist ein Frühlingstag, an den berühmten Stränden der Viertel Copacabana und Ipanema flanieren die Menschen am Strand mit warmen Temperaturen von über 25 Grad Celsius.

Die ersten Bilder der Stadt, die das Neugeborene irgendwann zu sehen bekommt, dürften die kleinen Augen funkeln lassen: riesige, hochmoderne Wolkenkratzer, eindrucksvolle architektonische Highlights wie das Museo do Amanhã, schöne Strände – und auch das Wahrzeichen der Stadt, die Christusstatue Cristo Redentor, die auf dem Berg Corcovado ihre Arme über ganz Rio ausbreitet. Der achtmilliardste Mensch würde im fünftgrößten Landes der Welt wohnen und zu dessen über 214 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern gehören.

Sie oder er darf nach jetzigem Stand mit einem relativ langen Leben rechnen: Die Lebenserwartung liegt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge im Schnitt bei 76 Jahren. Die Geburtenrate sinkt in Brasilien zwar seit Jahren und lag laut der Weltbank 2020 bei 1,71 Geburten pro Frau, doch sie ist damit noch größer als etwa in Deutschland oder China.

Doch wenn der achtmilliardste Mensch in Brasiliens Hauptstadt Rio geboren und aufwachsen wird: Welche Chancen wird er auf Bildung und eine gut bezahlte Arbeit haben? In kaum einer Stadt des Landes treten soziale Unterschiede so deutlich hervor. Nicht weit von angesagten, gehobenen Vierteln wie Ipanema liegen in den Randlagen der Stadt die Favelas. Hier wohnen viele Menschen in Armut: Einige Kinder müssen barfuß laufen und manche Bewohnerinnen und Bewohner sammeln Müll, um zusätzliches Einkommen zu erzielen.

Die Schere zwischen Arm und Reich wirkt sich auch auf die Bildungschancen aus. Hat der achtmilliardste Mensch Glück, gehört er später zu dem Teil der Bevölkerung, der einen Abschluss der Sekundarstufe II hat. Laut dem Better Life Index der OECD trifft das aktuell auf 57 Prozent der 25 bis 64 Jahre alten Brasilianerinnen und Brasilianer zu. Damit liegt Brasilien deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 79 Prozent.

Ein gutes Bildungsniveau ist wichtig für das spätere Arbeitsleben. Zumal die Arbeitslosenquote im Vorjahr auf knapp über 13 Prozent geschätzt wird. Einer Statista-Prognose zufolge wird sie im aktuellen Jahr jedoch wieder knapp unter 10 Prozent liegen. Eine gute Nachricht für den achtmilliardsten Mensch wäre zudem, dass Brasilien mit einer boomenden Landwirtschaft und reichlich Bodenschätzen gute Voraussetzungen für eine führende Rolle in der Weltwirtschaft hat.

Was wäre, wenn das Kind in Nigeria zur Welt kommen würde?

Womöglich wird der achtmilliardste Mensch am 15. November in Nigeria geboren, etwa in der Megacity Lagos mit ihren mehr als 14 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Ob der Vater es rechtzeitig mit dem Taxi von der Arbeit zur Geburt in der Klinik schafft, wird maßgeblich von der Verkehrssituation abhängen. Die Millionenstadt ist schließlich für ihre endlosen Staus bekannt. Mit dem lauten Hupen, den heulenden Motoren und quietschenden Bremsen der zahlreichen Fahrzeuge wird auch das Neugeborene aufwachsen.

Das dürfte jedoch die geringste Sorge des achtmilliardsten Zeitgenossen im westafrikanischen Land sein, in dem unzählige Menschen in extremer Armut leben. Die Wirtschaft wächst zwar rasant, doch nach Unicef-Schätzungen haben 18,5 Millionen Kinder – vorwiegend Mädchen – keinen Zugang zur Bildung. Und nicht zuletzt wegen des unterversorgten Gesundheitssystems müssen vor der Geburt eines Kindes in Nigeria furchtbare Szenarien in Betracht gezogen werden: Wird es ohne Mutter aufwachsen? Die Müttersterblichkeit ist in Nigeria so hoch wie in kaum einem anderen Land. Tausende Frauen sterben jährlich bei der Geburt, unter anderem, weil kein Spenderblut zur Verfügung steht.

Wird das Kind hungern oder gar verhungern müssen? Nigeria hat eine der höchsten Kindersterblichkeiten weltweit. Pro eintausend Geburten sterben der UN zufolge im Schnitt über 111 Kinder vor ihrem fünften Lebensjahr. Gleichzeitig erlebt das Land seit Jahrzehnten einen enormen Bevölkerungszuwachs. Mit fast 219 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas, das damit seine Einwohnerzahl seit 1960 mehr als vervierfacht hat.

Aktuell gebärt eine Frau in Nigeria in ihrem Leben im Schnitt 5,1 Kinder. Im Jahr 2000 waren es sogar 6,5, wie Angela Bähr, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) sagt. Das reproduktive Alter liege bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. „Ein großes Problem in Subsahara-Afrika ist die hohe Zahl der Teenagerschwangerschaften“, erklärt sie. „Je früher die ersten Kinder geboren werden, desto mehr Kinder wird eine Frau auch bekommen.“

Die enorme Fertilitätsrate in Nigeria und auch in anderen afrikanischen Ländern südlich der Sahara hänge auch damit zusammen, dass es an Bildung, sexueller Aufklärung und Zugang zur Familienplanung mangele. „Es ist wichtig, dass Jugendlichen – und vor allem auch Mädchen – ein Zugang zu diesen Bereichen ermöglicht wird“, betont Bähr.

Bevölkerungswissenschaftlerinnen und Bevölkerungswissenschaftler rechnen aktuell damit, dass sich die Bevölkerung Nigerias bis 2100 noch mal verdoppeln oder sogar verdreifachen wird. Ob der achtmilliardste Mensch diesen prognostizierten Zuwachs noch miterlebt, ist jedoch fraglich. Je nach Schätzungen schwankt die Lebenserwartung zwischen knapp 52 und 63 Jahren. In jedem Fall liegt der westafrikanische Staat jedoch im weltweiten Vergleich weit unten.

Wohin steuert die Weltbevölkerung?

Ob Europa, Asien, Nord- oder Südamerika, Afrika, oder vielleicht doch Australien – wo genau der achtmilliardste Mensch zur Welt kommen wird, werden wir wohl nie erfahren. Doch klar ist: Sein Geburtsort wird maßgeblich darüber entscheiden, wie er leben wird.

Und sie oder er wird definitiv nicht der letzte Mensch sein, den die Welt willkommen heißt. Die Weltbevölkerung wächst weiter. Jeden Tag kommen knapp 220.000 Menschen hinzu. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass im Jahr 2059 die Zehn-Milliarden-Marke überschritten werden könnte. Allerdings ist das Wachstum nicht unendlich: 2086 könnten wir unseren Höchststand erreichen – mit 10,4 Milliarden Menschen. Danach, so lautet die Prognose der UN, wird die Weltbevölkerung voraussichtlich nach und nach wieder auf ein geringeres Niveau sinken.

„Es kommt auf die Investitionen in die junge Generation, gerade in die Bildung, den Arbeitsmarkt, die Gleichberechtigung und die Gesundheit, an, die wir heute tätigen, ob diese Projektionen eintreten“, sagt Berlin-Institutsleiterin Hinz. Aktuell schätzt die UN, dass Deutschland 2100 beispielsweise nur noch 69 Millionen Menschen zählen wird, in anderen Ländern Europas beträgt die erwartete Bevölkerungsabnahme sogar teils über 50 Prozent. Bis 2050 wird sich demnach über die Hälfte des globalen Bevölkerungszuwachses in lediglich acht Ländern ereignen: in Ägypten, Äthiopien, Indien, der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, Pakistan, den Philippinen und Tansania.

Gerade das enorme Wachstum in Afrika geht mit großen Herausforderungen einher. Dabei sind viele der aktuellen und künftigen Probleme nicht primär und ausschließlich auf den großen Bevölkerungszuwachs der Länder zurückzuführen. Das gilt vor allem für das wohl größte Problem unserer Zeit: den Klimawandel.

Für die massiven Emissionen, die maßgeblich zum Klimawandel beitragen, ist vor allem der globale Norden verantwortlich. „Doch der globale Süden leidet aktuell noch extremer unter den Auswirkungen“, sagt DSW-Vizechefin Bähr. „Durch Trockenheit, Veränderung der Regenzeiten und andere Faktoren steigt in afrikanischen Ländern südlich der Sahara auch die Notlage der Ernährungssituation an – das liegt nur peripher daran, dass die Bevölkerung so stark wächst.“

Der Klimawandel ist global – und auch wenn der achtmilliardste Mensch die Auswirkungen in den ersten Jahren seines Lebens womöglich nicht bewusst wahrnehmen wird, bekommt er sie früher oder später zu spüren. Er wird Teil einer wachsenden Bevölkerung sein, die erneut umdenken und mit vereinten Kräften kämpfen muss, um den Planeten zu retten.

Von Ben Kendal, Laura Beigel/RND