Montag , 21. September 2020
Das Gehäuse des iPhone SE stammt noch vom iPhone 8 (Jahrgang 2017).

Überraschungserfolg: iPhone SE ist Smartphone-Bestseller

Das hat es noch nie gegeben: Das Smartphone iPhone SE, dessen Gehäuse aus dem Jahr 2017 stammt, führt die Bestsellerlisten an. Und das, obwohl der Smartphone-Absatz im Vergleich zum Vorjahr stark eingebrochen ist. Dabei wollte die Branche eigentlich in der zweiten Hälfte 2020 wieder richtig durchstarten.

Das ist ein Überraschungserfolg: Ein optisch veraltetes Smartphone führt die Bestsellerlisten an. Es handelt sich um das iPhone SE. Ein Gerät, das im April mitten in der Corona-Krise ohne großes Getöse sein Debüt feierte. Innerhalb kurzer Zeit ist es in der Amazon-Liste der meistverkauften Handys von null an auf den ersten Platz hochgeschnellt und hält sich nun dort. Deutlich vor den Konkurrenzprodukten von Samsung und Huawei. Das Apple-Handy überzeugt vor allem durch einen günstigen Preis. Das passt in die Zeit. Denn die Mobilfunkbranche erlebt gerade den größten Rückschlag in ihrer Geschichte.

Stärkster Rückgang in der Geschichte der Handys

Nach den Berechnungen der Marktforscher der International Data Corporation (IDC) ist der Absatz der Geräte im ersten Quartal um knapp 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Es handele sich um den stärksten Rückgang seit es Handys gebe, so die IDC. Am heftigsten traf es China mit einem Minus von gut 20 Prozent – allein dies würde für eine schwere Erschütterung genügen, denn die Volksrepublik steht inzwischen für ein Viertel der weltweiten Verkäufe. Aber auch in den Vereinigten Staaten (minus von 16 Prozent) und in Westeuropa (minus 18,3 Prozent) ging es deutlich bergab – obwohl die Pandemie dort noch gar nicht voll durchgeschlagen hatte.

Zahlen für das zweite Quartal liegen noch nicht vor. Für die IDC-Experten ist aber klar, dass es noch deutlich weiter in die Tiefe ging. Sie prognostizieren nämlich, dass der Absatz im gesamten ersten Halbjahr weltweit sogar um 18,2 Prozent zurückgegangen ist. Die Krise habe mit Engpässen bei Zulieferern begonnen, erläutert die IDC-Analystin Sangeetika Srivastava. Inzwischen habe es die Branche aber mit einem globalen Problem auf der Nachfrageseite zu tun. Fürs Gesamtjahr wird ein Minus von knapp 12 Prozent auf 1,2 Milliarden verkaufte Geräte erwartet.

Altes Gehäuse, aktuelle Technik

Bei den potenziellen Handykäufern macht sich nach Ansicht der US-Marktforscher allenthalben Verunsicherung breit. Die Arbeitslosigkeit steigt in vielen Ländern. Niemand weiß, wie schnell die Pandemie überwunden werden kann. Da liegt es nahe, teure Anschaffungen wie ein Smartphone zur Disposition zu stellen – zumal das neue Gerät vielfach nicht unbedingt benötigt wird. Also weiter twittern, simsen, chatten und telefonieren mit dem alten Handy oder zumindest ein preiswertes neues anschaffen. Wie das iPhone SE. Der Preis wurde kürzlich noch einmal reduziert. Es ist aktuell bei Amazon für 466,90 Euro zu haben und ist damit das günstigste Handy von Apple. Das Gehäuse stammt noch vom iPhone 8 (Jahrgang 2017).

Die elektronischen Innereien sind weitgehend identisch mit dem iPhone 11, das es seit September 2019 zu kaufen gibt. Damit verfügt es auch über den aktuellen A13-Prozessor. Käufer können sich sicher sein, dass sie die nächsten vier, fünf Jahre noch mit Updates für ihr Betriebssystem versorgt werden: Die Nutzer gehen in Krisenzeiten zu günstigen Konditionen auf Nummer sicher. Das bestätigt auch eine Befragung des US-Markforschungsunternehmens CIRP. Knapp drei Viertel der Käufer hätten zuvor iPhones besessen, die schon drei Jahre oder mehr gefunkt hätten. Drei bis fünf Jahre – das ist mittlerweile die Zeitspanne für den Einsatz der Apple-Handys. Alle paar Jahre bringe der Konzern ein Billiggerät mit aktueller Technik auf den Markt, um Nutzer mit den ältesten iPhones einzusammeln, so CIRP-Partner Mike Levin. Die Pandemie ist für so eine Aktion offenbar bestens geeignet.

Branche wollte in der zweiten Jahreshälfte eigentlich durchstarten

Für IDC-Manager Ryan Reith steht indes fest, dass einige Herausforderungen vor allen Handyherstellern liegen. Corona werde Verschiebungen in den Verkaufs- und Preisstrategien bringen. Vor allem auf dem europäischen Markt, wo Spanien oder Italien schwer von der Pandemie getroffen worden seien. Für beide Länder prognostiziert IDC für das Gesamtjahr eine deutlich zweistellige Prozentzahl beim Rückgang der Verkäufe.

Dabei wollte die Branche nach einer weitgehenden Stagnation im Jahr 2019 eigentlich in der zweiten Hälfte 2020 wieder richtig durchstarten. Vor allem mit Geräten für die neue Mobilfunktechnik 5G. So will Samsung am 5. August seine neuen Flaggschiffe vorstellen – das Galaxy Note 20 und das Klappsmartphone Galaxy Fold 2. Die Südkoreaner hat es im ersten Quartal unter den großen Herstellern am heftigsten erwischt. Mit 58,3 Millionen verkaufen Geräten mussten sie Einbußen von fast 19 Prozent hinnehmen.

Neuheiten werden im September erwartet

Einige Wochen nach Samsung – vermutlich im September – wird wohl Apple Novitäten präsentieren. Branchenkenner sind sich mittlerweile einig, dass dann gleich vier neue Geräte vorgestellt werden; das größte soll auf eine Bildschirm-Diagonale von 6,7 Zoll (17 Zentimeter) kommen und unter anderem gleich drei Kameras auf der Rückseite haben. Eine soll mit 3-D-Technik ausgestattet sein, um Augmented-Reality-Anwendungen zu ermöglichen: Der Nutzer schaut durch die Kamera und bekommt alle möglichen Zusatzinfos über das Anvisierte geliefert. Aber Apple will offenbar auch auf Bescheidenheit setzen, mit einem “nur” 5,4 Zoll messenden iPhone, das ohne viel Schnickschnack daherkommen soll, das allerdings immer noch mehr als 700 Euro kosten könnte. So eine Art großer Bruder des iPhone SE. Ob die Preisvorstellungen aber auch durchsetzbar sind, darf indes bezweifelt werden. IDC-Experte Reith: „Wir glauben, dass sich die aktuelle Lage in aggressiven Preisen für 5G-Smartphones niederschlagen wird. Anbieter die dies geschickt ausnutzen, können ihre Marktanteile steigern.“

RND

 

 

Von Frank-Thomas Wenzel/RND