Donnerstag , 22. Oktober 2020
Annette Frier hat mit Dementen gesungen. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Komikerin Annette Frier: “Ängste lasse ich nicht zu”

Annette Frier hat einen Chor mit dementen Menschen gegründet. Im RND-Interview spricht die Komikerin und Schauspielerin über das TV-Experiment, eigene Erfahrungen mit Demenzkranken und einen Gehirnscan vor laufender Kamera.

Comedysendungen wie die “Wochenshow” oder die improvisierte “Schillerstraße” machten sie bekannt – doch Annette Frier wollte stets mehr sein als die Ulknudel vom Dienst. Die 1974 geborene Kölnerin hat Schauspiel studiert. Erste Sporen verdiente sie sich mit Auftritten in “Hinter Gittern” und der Satireshow “Switch”. Für das Sozialexperiment “Unvergesslich” (vier Folgen ab Dienstag, 21. Juli, 22.15 Uhr, ZDF) gründete sie noch vor Ausbruch der Corona-Krise einen Chor für Menschen mit Demenz. Das Ziel: Betroffenen Lebenslust vermitteln und mit einer wissenschaftlichen Begleitung zeigen, welche positiven Folgen das Singen aufs Gehirn hat.

Frau Frier, Sie haben für die Dokureihe “Unvergesslich” einen Chor für Menschen mit Demenz gegründet. Welche Rolle spielt Musik in Ihrem eigenen Leben?

Eine große. Ich singe unter jeder Dusche und habe, wie ein schlecht gelaunter Teenager, immer meine Lautsprecher in der Tasche. Die hab ich grundsätzlich dabei, auch bei Dreharbeiten, da können sich meine Kollegen auf mich verlassen: Ich erfülle jeden Liedwunsch.

Welche Lieder haben Sie mit dem Chor gesungen?

Bei den wöchentlichen Chorproben haben wir zum Einsingen alte Volkslieder angestimmt, “Hoch auf dem gelben Wagen” zum Beispiel, “Das Wandern ist des Müllers Lust” oder auch “Ein Freund, ein guter Freund”. Für unser Abschlusskonzert hatten wir zwei tolle Songs geplant: “Und immer wieder geht die Sonne auf” und “Über den Wolken” von Reinhard May.

Das Abschlusskonzert konnte aber wegen Corona nicht stattfinden.

Ja, das war traurig. Unser Abschlusskonzert sollte Mitte März in Köln vor 600 Leuten stattfinden, wir hatten ausverkauftes Haus. Es wurde am Abend vorher abgesagt – das war die Woche, in der wegen Corona alles dichtgemacht hat.

War das Projekt dennoch ein Erfolg?

Mehr als das, ich empfinde es als Geschenk, und ich glaube, dass viele Chorteilnehmer das genau so beschreiben würden. Aber das Konzert wäre als Höhepunkt schon wichtig gewesen. Und eigentlich sollte der Chor nach dem Abschlusskonzert weitergehen, die ganze Finanzierung des Projekts war für ein Jahr gesichert, denn das gemeinsame Singen soll ja etwas sein, das die Leute regelmäßig machen. Nur geht das halt im Moment nicht. Aber ich denke, sobald es wieder möglich ist, wird es diesen Chor wieder geben.

Hat das Singen den Teilnehmern Ihres Chorprojekts geholfen?

Sehr, das haben auch die Wissenschaftler bestätigt, die das Projekt begleitet haben. Eine Teilnehmerin hat zum Beispiel wieder angefangen, mehr zu reden, hat zu Hause wieder mehr an den Abläufen teilgenommen. Jede Samstagchorprobe hat die Stimmung gehoben. Und unter der Woche haben die Leute sich darauf vorbereitet und gefreut. Man kann Demenz zwar leider nicht heilen, aber es geht für jeden Menschen ums subjektive Wohlempfinden, egal ob er dement, ängstlich, alt, schwach oder krank ist. Und diesen Muskel, dass man sich das Leben schön gestaltet, den muss man trainieren.

Wieso lassen Sie in der Sendung vor laufender Kamera Ihr Hirn scannen?

Ich muss zugeben, dass ich da Schiss hatte. Ich dachte: O weh, jetzt gucken die mir ins Gehirn, jetzt wissen gleich alle, Annette, was bei dir falsch läuft. Ich führe täglich Kämpfe mit mir selbst, wirklich, wenn ich nachher aus dem Hotelzimmer gehe, vergesse ich garantiert meinen Zimmerschlüssel. Angeblich können Frauen immer zwei Dinge gleichzeitig, aber das kann ich gar nicht. Deshalb war ich schon erleichtert, dass mein Gehirnscan sehr unauffällig war.

Sie berichten von einem Demenzfall in Ihrer Familie. Ihre Großmutter mütterlicherseits erkrankte schon mit 50 Jahren. Angst, das geerbt zu haben?

Ich habe keinerlei vorauseilende Ängste, die lasse ich nicht zu, prinzipiell nicht. Meine Großmutter hatte tatsächlich eine andere Krankheit mit einem sehr komplizierten Namen, die aber viele Symptome von Demenz beinhaltet. Als Kind ist mir immer aufgefallen, dass sie zwei Dinge genossen hat: gemeinsames Essen und Musizieren. Das hat sich bei mir eingebrannt.

Lässt die Corona-Erfahrung die Gesellschaft näher zusammenrücken?

Ich glaube unabhängig von Corona, dass die Menschheit an einem entscheidenden Punkt steht: Wie wollen wir künftig miteinander und mit dem Planeten umgehen? Ich bin Optimist und denke: Es lohnt sich, daran zu glauben, dass wir die Welt verändern können. Wenn wir alle wegen Corona auch nur minimal unser Verhalten verbessern, wer weiß, vielleicht tragen diese Änderungen in 200 Jahren große Früchte.

Von Cornelia Wystrichowski/RND