Montag , 5. Dezember 2022
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Will Ferrell ist als Geist der Weihnacht zu sehen, der Ryan Reynolds als modernen Twitter-Scrooge heimsucht. Quelle: -/Apple TV+/dpa

„Spirited“: Modernisierter Weihnachtsklassiker mit Will Farrell und Ryan Reynolds

Charles Dickens‘ „A Christmas Carol“ gehört im englischen Sprachraum zu den beliebtesten Weihnachtsgeschichten. Die Story des grantigen Geldverleihers Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsvorabend von verschiedenen Geistern heimgesucht und zu einem barmherzigen Gutmenschen geläutert wird, wurde schon zahllose Male für Kino und Fernsehen verfilmt. Das Spektrum reicht vom ersten Stummkurzfilm aus dem Jahre 1901 über „Die Muppets-Weihnachtsgeschichte“ (1992) bis zu Robert Zemeckis Disney-Adaption (2006) mit Jim Carrey in der Hauptrolle.

Nun versuchen gleich zwei Streamingdienste, mit neuen Adaptionen des Klassikers ihren Weihnachtscontent aufzufüllen. Bevor Netflix am 2. Dezember mit „Scrooge: Ein Weihnachtsmusical“ seine Trickfilmversion hochlädt, versucht Apple TV+ mit dem Livemusical „Spirited“ und einem satten Produktionsbudget von 75 Millionen Dollar, der Konkurrenz die Festtagskundschaft abzujagen.

Story aus der Sicht eines Weihnachtsgeistes

Dabei präsentiert Regisseur und Co-Drehbuchautor Sean Anders, der mit Werken wie „Daddy‘s Home – ein Vater zu viel“ (2015) und „Plötzlich Familie“ (2018) Berufserfahrung im Bereich wenig tiefgründiger Familienunterhaltung sammeln konnte, in seiner Weihnachtsgeschichte einen grundlegenden Perspektivwechsel. Die Story wird hier nicht aus der Sicht des irdischen Übeltäters, sondern aus der eines Weihnachtsgeistes erzählt.

Seit seinem Tod arbeitet Present (Will Farrell) als „Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht“ nun schon im Läuterungsgeschäft. In den weitläufigen Büroräumen des Jenseits sind Hunderte von übermotivierten Angestellten damit beschäftigt, in der Vorweihnachtszeit böswillige Kandidatinnen und Kandidaten auszusuchen, die noch vor dem Fest zu besseren Menschen gemacht werden sollen.

Weihnachtsgeister aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

In umfangreichen Personalakten werden jenseits aller Datenschutzverordnungen die vergangenen Taten und Untaten zusammengetragen. Die Weihnachtsgeister aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfrontieren die Zielperson mit den Ursachen und Wirkungen ihres unmoralischen Handelns, ein wortloser Skelettmann kündigt mit knochigem Zeigefinger den baldigen Tod an – und schon knicken die Fieslinge ein. „Wir verfolgen jemanden, verwandeln ihn in einen besseren Menschen und singen dann darüber“, fasst Present seine Arbeitsplatzbeschreibung zusammen. Und schon stimmt die gesamte Belegschaft in den Song ein und fängt an, durch die Büroräume zu tanzen.

Present verrichtet seinen Dienst an der Menschheit schon seit etlichen Jahrzehnten. Um der anstehenden Zwangspensionierung zu entgehen und seine systemrelevante Kompetenz unter Beweis zu stellen, sucht er sich einen besonders schweren Fall aus: Der gerissene Geschäftsführer einer PR-Firma, Clint Briggs (Ryan Reynolds), kennt keine Gnade, wenn es darum geht, die Gegner seiner Kunden in den sozialen Medien mit Schmier- und Hetzkampagnen zu überziehen. An dem scheinbar herzlosen Medienberater beißt sich Present mit seinen konventionellen Läuterungsstrategien die Zähne aus. Und schon bald konfrontiert Clint den Geist mit dessen traumatischer Vergangenheit und Zukunftsängsten. Aber natürlich – es ist ja Weihnachten – schlägt auch irgendwo unter dem Designersakko des PR-Fieslings ein verletztes gutes Herz, das am Ende nach Verbrüderung mit dem Weihnachtsgeist strebt.

Freie Modernisierung des Dickens-Klassikers

Die sehr freie Modernisierung des Dickens-Klassikers geriert sich nur kurz als Satire auf die zynische Welt der sozialen Medien, bevor schon bald wieder die Harmoniesüchte das Ruder übernehmen. Das Beste an der Musicaladaption sind die zahlreichen Tanzchoreografien, bei denen nicht an talentiertem Tanzpersonal und illustrer Ausstattung gespart wurde. Aber kein Budget der Welt kann das nicht nachweisbare Gesangstalent von Will Farrell und Ryan Reynolds kaschieren, die sich nach ihrem Musicalauftritt nur wenig Hoffnungen auf einen Plattenvertrag machen können.

Von Martin Schwickert/RND