Sonntag , 27. September 2020
Siegesgewiss: Tim Cook, CEO von Apple, auf der Apple-Entwicklerkonferenz WWDC, bei der unter anderem iOS 14 vorgestellt wurde. Quelle: Jeff Chiu/AP/dpa

iOS 14 – das neue iPhone-System im Praxistest

Das neue Betriebssystem von Apple fürs iPhone ist laut dem Hersteller aus Kalifornien eins der umfangreichsten und innovativsten Upgrades, die iOS in seiner 13-jährigen Geschichte erfahren habe. Wie immer werden Neuerungen aus Cupertino von Superlativen umwölkt. Ob die gerechtfertigt und welche Neuerungen besonders praktisch sind, zeigt unser Praxistest – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Es war die erste rein virtuelle Entwicklerkonferenz, die Apple je veranstaltet hat – und das war nicht die einzige Neuigkeit. Denn obwohl keine Journalisten und Entwickler als jubelnde Kulisse vor Ort waren, brannte Apple ein Feuerwerk an Innovationen ab: iOS, iPadOS, tvOS – die Ergänzung 14 steht für jede Menge neuer Features. Wir werfen zunächst einen Blick auf das neue iOS 14. Das Testgerät, ein iPhone 11 Pro Max, ist mit dem Developer Beta ausgestattet – also der Version, die vor der offiziellen Public-Beta-Testversion für zahlende Entwickler erhältlich ist. Schon hier zeigt sich, Apple hat wohl einiges in Sachen System-Architektur getan. Das Resümee nach drei Wochen im Testbetrieb: Die übliche Anfälligkeit erster Developer-Betas ist in der Praxis kaum zu spüren. An populären Apps funktionieren SkyGo und die Corona-App des Bundes noch nicht, manchmal tauchen gelöschte Mails wieder auf, sofern man sie ungelesen weggeschmissen hat; doch insgesamt läuft das System erstaunlich stabil und ist schon gänzlich alltagstauglich.

Alles ganz vertraut

Auf den ersten Blick sieht alles wie gehabt aus. Was als Innovations-Makel kritisiert werden könnte, sorgt andererseits aber für den typischen Wiedererkennungseffekt, den jede Apple-Software mit sich bringt. Der Home-Bildschirm zeigt also zunächst sein gewohntes Gesicht.

Neues Infocenter

Das ändert sich bereits, wenn man von links nach rechts wischt. Dann erscheint das neue Infocenter. Erstmals gibt es auf dem iPhone Widgets auf dem Home-Bildschirm zu sehen. Bisher war das in der Apple-Welt dem iPad-OS vorbehalten. Android-Usern sind die Widgets auf dem Startbildschirm schon länger vertraut. Besonders praktisch: der “Smart-Stapel”, der unter anderem auch das Wetter enthält. Durch leichtes Wischen kann man sich durch den Stapel scrollen. Größe und Anordnung der Widgets sind frei wählbar. Die Siri-Funktion ist durch einmaliges Herunterwischen aktivierbar. Neu ist auch das einheitliche “Suchen”-Feld, dass nun alle Suchvorgänge, auf dem Gerät wie auch im Netz, auf ein Suchfenster reduziert hat – eine wirklich praktische Neuerung. Alle Widgets können übrigens auf den Home-Bildschirm verschoben werden – unabhängig von ihrer Größe. Und die Wetter-App soll nun übrigens auch Unwetterwarnungen und Regenmengen anzeigen – so schlimm ist der Sommer aber selbst in Norddeutschland nicht, als dass diese Funktion schon einmal aufgetaucht wäre.

App-Mediathek sorgt für Ordnung

Je leistungsstärker die iPhones, desto mehr Apps versammeln sich auf dem Gerät. Wer seine Anwendungen nicht sortiert, kommt schnell auf etliche Schirme, auf denen Apps rumliegen. Das Chaos hat jetzt aber auch für eher faule Datensammler ein Ende. Mit einem Wisch nach rechts nach dem letzten App-Fenster taucht jetzt ein neuer Bildschirm auf: die App-Mediathek. Hier sind alle Apps feinsäuberlich nach Kategorien sortiert. Umbenennen lassen sich die zwar (noch) nicht wie etwa selbst angelegte App-Ordner, aber mit einem Tap auf die Suchfunktion werden alle Programme alphabetisch dargestellt.

Aufräumen heißt die Devise

Neu ist auch die Option, einzelne Seiten zu bearbeiten. Sie lassen sich mit einem längeren Druck auf die entsprechende App-Seite und anschließendem Tap auf das Seitenführungs-Menü (die Pünktchen unten auf der Seite) auswählen und nach Bedarf deaktivieren.

So erscheint das iPhone plötzlich total aufgeräumt – und die ausgeblendeten Apps liegen alphabetisch sortiert in der App-Mediathek bereit.

Ganz neu: Übersetzen

Eine wirklich praktische Neuerung ist die Übersetzen-App, die ab iOS 14 Bestandteil der Systemsoftware ist. Die intuitiv zu bedienende Sprachhilfe funktioniert sowohl mit geschriebenem wie auch mit gesprochenem Text – bei den Tests funktionierte sie einwandfrei. Zum Start des neuen Betriebssystems stehen insgesamt elf Sprachen zur Verfügung, darunter Arabisch, Chinesisch, Koreanisch und Japanisch … Einfach Sprachpaar und Übersetzungsrichtung aussuchen, Text eingeben – fertig.

Die Texterfassung per Mikrofon funktioniert beinahe synchron zum gesprochenen Text. Zudem kann man sich fertig übersetzte Texte auch noch einmal vorlesen lassen.

Ein Klick auf das Mikrophon-Symbol startet die Textaufnahme. Erstaunlich dabei ist, dass auch nicht ganz salonfähige Begriffe in Kombination mit etwa Abkürzungen idiomatisch korrekt übersetzt werden. Bei der Spracherkennung hat Apple einen weiteren Schritt nach vorn gemacht – das gilt übrigens auch für Siri, die die Übersetzungen vorliest. Wählt man, wie im Beispielsfall, amerikanisches Englisch als Zielsprache aus, so wird die Übersetzung auch in amerikanischer Diktion vorgelesen. Das klingt mittlerweile wirklich normal, nicht mehr nach Roboter. Einen Klick entfernt ist die virtuelle britische Siri-Schwester. Auch sie liest makellos und realistisch in britischer Hochsprache. So lässt sich in Echtzeit zwischen den Sprachen wechseln – und die elf Vorleser machen ihren Job wirklich gut. Übrigens auch offline, denn jedes Sprach-Paket kann heruntergeladen werden. Diese App könnte perspektivisch zur Schnittstelle künftiger iOS-Systeme werden, etwa in Kombination mit Karten oder Online-Shopping.

Siri und eingehende Anrufe – jetzt ganz dezent

Eine weitere Neuerung betrifft Siri und Telefonanrufe. War es bisher so, dass eine Anfrage bei der virtuellen Apple-Assistentin oder ein eingehender Anruf den gesamten entsperrten Bildschirm blockierten, genügt jetzt ein kleines Dialogfenster. Man kann also via Multitasking sein iPhone weiter bedienen, wenn man denn der Meinung ist, das sei nicht unhöflich. Und Siri (meine spricht Englisch) schickt auf die Frage, wie spät es denn gerade in Deutschland sei, sowohl eine Zeitangabe wie auch einen Antworttext, ohne den gesamten Screen zu absorbieren. Stattdessen ist sie während der aktiven Anfrage nur noch als Minisymbol unten in der Mitte wahrzunehmen.

Apropos Siri: Sie ist jetzt auch in der Lage Audiobotschaften zu verschicken und, sofern man unterwegs ist, die ungefähre Ankunftszeit mit einem Kontakt zu teilen. Zudem kann sie (bisher noch nicht in Deutschland) auch Routen in der neuen Fahrrad-Funktion der Karten-App vorgeben. Wie bereits erwähnt, klingt sie jetzt viel natürlicher. Und was das Verständnis anbelangt: Die Apple-Assistentin bringt es mittlerweile auf 65 Sprachen. Weitere neue Funktionen in Karten: Ladestationen für E-Autos sind jetzt in der Routenplanung enthalten und die App enthält eine Fülle von Reisetipps.

Weitere Highlights

Wer die Funktion Anmelden mit Apple und ApplePay nutzt, also seine Apple-Login-Daten dazu verwendet, sich bei Drittanbietern zu identifizieren und mit dem iPhone auch bezahlt, kann jetzt auf sogenannte App Clips zurückgreifen. Das sind Programmfragmente, etwa zum Entsperren von Elektro-Scootern oder zum Bestellen von Lebensmitteln. Das funktioniert über Scannen von QR-Codes oder NFC-Tags.

Der Browser Safari macht einen jetzt automatisch darauf aufmerksam, falls ein eingegebenes Passwort nicht sicher erscheint. Wer aber als Browser einen anderen Favoriten hat (Firefox oder Chrome), kann den jetzt auch als Haupt-Browser einrichten – unabhängig davon, ob die Software von Apple stammt oder nicht. Ein Highlight ist sicherlich die Funktion CarKey, die das iPhone künftig zum virtuellen Autoschlüssel macht – inklusive der Speicherung individueller Einstellungen. Sie können künftig über Nachrichten geteilt werden und funktionieren mit NFC – schon in diesem Jahr bei ausgewählten Fahrzeugen von BMW. Für das kommende Jahr sollen die Schlüssel mit der neuen Ultra-Breitband-Raumerkennung ausgestattet sein, so dass man das iPhone noch nicht einmal mehr aus der Tasche zu nehmen braucht, um ein Fahrzeug zu öffnen. Die Technologie soll einheitlich für alle Marken sein. Schon jetzt beteiligen sich am CarConnectivityConsortium die wichtigsten Automarken und Zulieferunternehmen.

Die AirPods Pro, Apples HiFi-Winzlinge, werden durch iOS14 ebenfalls deutlich aufgewertet. Sie enthalten jetzt unter anderem ein Raumklangfunktion, die im Testbetrieb allerdings noch etwas wacklig ist. Manchmal klingt es noch so wie früher, wenn bei der Stereoanlage ein Lautsprecherkabel locker saß. Wenn die Surroundfunktion allerdings funktioniert, ist sie sowohl zum Schauen von Dolby-Filmen als auch zum reinen Musikgenuss recht beeindruckend. Ein weiteres Firmware-Update (aktuell ist es die 2D27) sollte da bald Abhilfe schaffen. Praktisch ist, dass die Kopfhörer jetzt auch von Gerät zu Gerät “mitwandern”. Wer etwa nach einem Telefonat mit dem iPhone einen Film auf dem iPad anschauen will, kann das tun, ohne irgend etwas einstellen zu müssen – und die Kopfhörer wechseln automatisch das Gerät.

Die Health-App mit all ihren Neuerungen funktioniert ausschließlich mit der AppleWatch. Sie wird deshalb Bestandteil des watchOS 7-Testberichts sein.

Fazit

iOS 14 ist eine wirklich neue Systemsoftware, prall gefüllt mit einer Vielzahl an Neuerungen, die zunächst im gewohnten Design gar nicht so sehr auffallen. Vieles ist also durch Optimierung der Software-Architektur erfolgt, was sich in Sachen Performance positiv bemerkbar macht. iOS 14 ist ein Muss für jeden iPhone-User. Und es ist wirklich sehr weit abwärtskompatibel. Selbst, wer noch ein iPhone 6S aus dem Jahre 2015 hat, kann iOS 14 nutzen. Wer sich nicht bis zum Launch im Herbst gedulden mag, kann gratis an Apples Public-Beta-Programm teilnehmen. Aber Vorsicht: Eine Haftung für Datenverluste etc. gibt es bei Beta-Programmen nicht. Man handelt also auf eigenes Risiko.

Von Daniel Killy/RND