Eine ohne Furcht und Tadel: Katherine Langford spielt die Hauptrolle in der Artus-Serie “Cursed”. Quelle: picture alliance / Everett Colle

Die mit dem Schwert tanzt – Katherine Langford in der Fantasyserie “Cursed”

In der Netflix-Serie “Cursed” schwingt ein Mädchen das mythische Schwert von König Arthur. “Batman”-Neuerfinder Frank Miller stellt die englische Sagenwelt auf den Kopf. Und Katherine Langfords Figur der Nimue erinnert an Katniss, die Heldin aus den “Panem”-Filmen.

Nimue ist in der Sage von Artus, dem “once and future king” Britanniens, die “Herrin vom See”. In den zahllosen Ausprägungen der Geschichte erscheint sie meist als feenartiges Wesen, ein Geist des Wassers, undurchschaubar und wundersam. Chrétien de Troyes hat sie in seiner Erzählung “Le Chevalier de la charrette” als Erzieherin des Ritters aller Ritter, Lancelot du Lac, ausgewiesen, dessen Liebschaft mit Königin Guinevere in einer der populärsten Varianten der Geschichte zum Untergang des Königreichs Camelots führte.

Nun werden wir neuerlich in die spätantike, verwunschene, historisch unbelegte Welt geführt, aus der wohlklingende Worte wie “Avalon”, “Tafelrunde”, “Excalibur” bis heute in unsere Zeit herüberwehen und unsere Fantasie befeuern. Von Geoffrey of Monmouth und Hartmann von Aue reichen die Fabulierer der tragisch-schönen Geschichte, von Mark Twain über John Steinbeck bis T. H. White. Marion Zimmer Bradley erzählte in dem dickleibigen Roman “Die Nebel von Avalon” eine feministische Variante, die in den Achtzigerjahren zum Bestseller wurde.

Der Roman erschien Ende Mai, die Serie zieht flott hinterher

Am 27. Mai ist im Fischer-Verlag die deutsche Version des Romans “Cursed” erschienen, mit dem Drehbuchautor Tom Wheeler und “Batman”-Neuerfinder und Comic-Legende Frank Miller den Fokus der Sage verrücken. Nimue ist beider Heldin, Artus – oder in diesem Falle Arthur – muss ihr den Vortritt lassen. Nimue ist eine Fey, gehört zu einem friedlichen Bauernvolk, das heidnischen Naturgöttern anhängt und in seiner Existenz durch die Paladine bedroht wird, einen kriegerischen Mönchsorden, der es in spätantiken Zeiten auf die Auslöschung alles Nichtchristlichen und Überweltlichen abgesehen hat.

Nimue ist die Tochter einer der Ältesten ihres Fey-Dorfes, seit ihrer Begegnung mit einem dämonischen Bären, die sie als kleines Mädchen überlebt hat, verfügt sie über besondere Kräfte, die sie auch unter den eigenen Leuten als Hexe in Verruf brachten. Als ihr Dorf von den Paladinen niedergebrannt wird, überantwortet ihr ihre Mutter das Schwert Excalibur, das sie einem gewissenMerlin bringen soll. Noch so ein klangvoller Name, der Menschen seit Hunderten von Jahren wie Zauber an die Erzählungen um König Artus zieht.

Die Welt Nimues ist märchenhaft und düster zugleich

Und der sie ab heute auch an eine Serie binden will. Der Streamingdienst Netflix hat “Cursed” verfilmt - mit Wheeler und Miller als Showrunnern. In den ersten Bildern sinkt darin eine junge Frau, von Pfeilen durchbohrt, in einem Blutnebel auf den Grund eines Sees. “Womit beginnen wir – mit Feuer oder Wasser?”, raunt eine Stimme vieldeutig aus dem Off, und sobald wir der zukünftigen Herrin des Sees auf ihrem Schimmel ansichtig werden, sind wir auch schon im Bann dieser Welt, so wie wir vor fast 20 Jahren bei Ansicht des muckeligen Auenlandes in Peter Jacksons “Herr der Ringe”-Filmen im Bann von J. R. R. Tolkiens Mittelerde waren.

Alles leuchtet hier, Blüten fliegen wie Schmetterlinge, das Moos ist grüner als irgendwo sonst und Steinmonumente, die an Stonehenge erinnern, ragen erhaben aus der bunten Pracht. Im Sonnendunst des Waldes schweben Pflanzensamen und alles scheint fruchtbar, gut, traut, heimelig. Es verwundert kaum, dass Nimue in diesem märchenhaft-fruchtbaren Aufbrausen der Natur auch noch von einem Rehkitz angesprochen wird. “Der Tod ist nicht das Ende”, äußert das Tierchen geheimnisvoll, bevor es – vom Pfeil eines herzlosen Menschenjungen getroffen – stirbt. Die heile Welt hat also ihre Risse.

Katherine Langford – die mit dem Schwert tanzt

Die Australierin Katherine Langford, mit ihrer Rolle der Hannah in “Tote Mädchen lügen nicht” für den Golden Globe nominiert, überzeugt auch hier: lange Haare, rote Lippen, rosiger Teint, Augen, in deren Blau Unschuld, Aufsässigkeit und Witz zugleich blitzen, aus denen aber auch schon die kommende Größe strahlt. Ihre magischen Kräfte, stärker als die aller Fey, hat sie zunächst weder unter Kontrolle noch empfindet sie sie als gute Gabe. Ihre große Aufgabe mit dem großen Schwert hat sie sich nicht gewünscht, und so stolpert sie in eine rohe, maskuline Welt hinein, in der junge Frauen gemeinhin die Beute schmutziger Männer werden.

Sie begegnet in den ersten drei (zur Sichtung überlassenen) Folgen Arthur (Devon Terrell), der ein unsteter Söldner ist und seine Ritterlichkeit beileibe noch nicht voll entwickelt hat, und Pater Carden (Peter Mullan), dem von Mordlust beseelten Anführer der Paladine. Als sie in einem Wald von Wölfen verfolgt wird, springt Excalibur praktisch in ihre Hand und vollführt mit ihr einen Angriffstanz, der keinen anderen Schluss zulässt, als dass hier zwei einander gefunden haben, die zusammengehören. Eine Rittersfrau wie Brienne von Tarth aus “Game of Thrones” gibt hier ihr Debüt – wer braucht da noch die Ritter der Tafelrunde oder Merlins Hokuspokus?

Gustaf Skarsgard variiert seine Rolle des durchgeknallten Wikingers Floki

Mit Letzterem variiert Gustaf Skarsgard seine berühmte Rolle als durchgeknallter Schiffsbauer Floki in “Vikings”. Der stets betrunkene Ex-Magier Merlin steht in den Diensten des Königs Uther Pendragon (in dieser Version der Sage nicht Arthurs Vater). Er habe noch seinen Grips und Charme, behauptet der Zampano, der den im Reich sehnlichst erwarteten Regen herbeizaubern soll, darob allerdings naturwissenschaftlichen Experimenten frönt. Der König ist pragmatisch: Wer funktioniert, wird gefördert, Religion ist ihm untertan, nicht er ihr. Doch in den Turmgemächern sitzt wie eine Spinne seine halb verrückte Mutter, die bereit ist, den Siegeszug des Christentums zu unterstützen.

Genug Personal für ein mehrstaffeliges Abenteuer. Diese Coming-of-Age-Geschichte sowohl einer jungen mystischen Maid als auch der neuen, erbarmungslosen Zeit der Anhänger des Kreuzes mag die Hardcore-Artusianer die Nase rümpfen lassen, die Freunde guter Fantasy dagegen dürften erfreut sein wie zuletzt über “Carnival Row” und “His Dark Materials”. Zwar wird hier nicht die Komplexität von HBOs “Game of Thrones” erreicht, aber “Cursed” ist schon verflucht mitreißend.

Die Nimue-Story hat durchaus Zeitbezug

Unsere Zeit spiegelt sich durchaus in dieser Coming-of-Age- und Coming-of-powers-Fantasy. Neue Kräfte legen hier gnadenlos ihren Wertekanon auf ältere Völker, ihr (vorwiegend religiös begründeter) Rassismus mündet in Nimues Heimat in Bildersturz und Genozid. Die kriegerischen Ränke lenken dabei ab von einer sich verändernden Welt, in der sich auch das Klima zu wandeln scheint. In diesen Krisenzeiten, in denen Flüchtlinge gemeinhin – Ausnahmen bestätigen die Regel – nicht mit christlicher Nächstenliebe rechnen dürfen, fällt eine Frau aus der ihr zugewiesenen Rolle, folgt ihrem Willen und beweist sich überlegen auf männlichem Terrain. Nimue steht damit in einer Reihe mit Dolores aus der “Westworld”-Serie und Katniss aus den “Tribute von Panem”-Filmen.

Der Arthur an Nimues Seite schließlich ist ein Schwarzer – und warum auch nicht, Fantasy muss sich schließlich nicht an historische Fakten binden. All die Gegenwartsbezüge werden indes eher unmerklich eingewoben, Winke mit dem Zaunpfahl vermieden. Denn “Cursed”, diese reichlich durchgeschüttelte Artus-Sage, will schon zuallererst Unterhaltung sein. Schnitte etwa werden oft durch Comiczeichnungen Frank Millers ersetzt.

Unterhaltung steht an erster Stelle

Man soll über die großartigen Bilder, die (relativ) ansehnlichen CGI-Effekte und das coole Setdesign staunen. Etwa über die Heimstatt von Uther Pendragon, eine zerzauste Burg, mordgrau und windschief, die aussieht, als würde sie nur noch von einer Handvoll guter Wünsche zusammengehalten werden. Und man soll auch mal lachen dürfen, das hier soll kein Weltenepos werden wie “GoT”. Gefragt, ob es ihm gut gehe, lügt der reichlich derangierte Merlin: “Alles prima. Tipptopp.” Das wäre keinem Nedd Stark und keinem Jaime Lennister, noch nicht einmal dem flapsigen Rosenritter Ser Loras Tyrell je über die Lippen gekommen.

“Cursed”, 10 Episoden bei Netflix, streambar ab 17. Juli, von Frank Miller, Tom Wheeler, mit Katherine Langford, Gustaf Skarsgard, Peter Mullan

 

Von Matthias Halbig/RND