Samstag , 8. August 2020
Die Corona-Warn-App auf einem Handy. Quelle: imago images/Michael Weber

30 Tage Corona-Warn-App: Eine Zwischenbilanz

Nur einen Monat nach ihrem Start wurde die Corona-Warn-App der Bundesregierung schon fast 16 Millionen Mal heruntergeladen. Die App wird viel gelobt. Vieles an ihr überzeugt – es gibt aber auch noch Schwachstellen.

Berlin. Vor genau einem Monat stand die Corona-Warn-App der Bundesregierung erstmals zum Herunterladen bereit. Inzwischen zählt das Robert-Koch-Institut fast 16 Millionen Downloads des Programms, das im Ernstfall der Unterbrechung von Infektionsketten dienen soll.

Die hohe Akzeptanz der App hierzulande lässt Regierungen anderer Staaten neugierig nach Deutschland blicken. Das wiederum freut die Bundesregierung. Die Corona-Warn-App hat inzwischen den Status eines nationalen Prestigeobjekts.

Zu Recht?

Eine Bilanz nach gut vier Wochen zeigt, dass die App noch immer einige Mängel aufweist. Der Digitalpolitiker Manuel Höferlin (FDP) sieht daher keinen Grund zum Zurücklehnen: “Die Bundesregierung soll schleunigst aus dem Modus der Selbstzufriedenheit herauskommen und Schwachstellen beseitigen”, sagt Höferlin.

Eine Übersicht über die wichtigsten Schwachstellen der App:

Problem: Das Handy muss recht neu sein

Die Corona-Warn-App kann auf Apple-Geräten nur bei Vorhandensein des Betriebssystems iOS 13.5 installiert werden. Dieses aber ist auf älteren iPhones der Generationen 5, 5s oder 6 nicht verfügbar. Doch noch immer nutzen viele Menschen diese älteren Smartphones, weil deren Technik im Alltag ausreicht.

Ebenso sind auch bei Android nicht alle Smartphones kompatibel für die App. Sie benötigen mindestens Android 6, außerdem müssen die Google Play Services laufen. Die Anforderungen an neue Technik schließen ausgerechnet viele jener Menschen aus, die zur Corona-Risikogruppe zählen: ältere Bürgerinnen und Bürger, die über kein nagelneues Gerät verfügen.

Problem: Fehlermeldungen

Seit dem Start der App klagen Nutzer über falsche Anzeigen oder Fehlermeldungen. Ein weit verbreiteter Fehler ist etwa die Zählfunktion. Mancher Nutzer bekam etwa angezeigt, dass die Risikoermittlung “15 von 14″ Tage aktiv sei. Die Kontaktermittlung sei dennoch weiterhin voll funktionstüchtig, heißt es vonseiten der Entwickler. Ein Update der App soll das Problem beheben.

Ein weiteres Softwareproblem ist bei Apple-Nutzern die Meldung “Region möglicherweise nicht unterstützt”. Kontaktmeldungen würden “von ‘Corona-Warn’ in dieser Region möglicherweise nicht unterstützt”, heißt es in der Fehlermeldung.

Probleme mit der Funktionalität drohen dabei nicht, betonen die Entwickler. Nutzer können die Meldung einfach mit “OK” wegdrücken. Das Problem “Risikoermittlung nicht möglich: Ihre Risikoermittlung konnte seit mehr als 24 Stunden nicht mehr aktualisiert werden” kann der Nutzer selbst beheben, indem er oder sie die Einstellungen des Smartphones so anpasst, dass die Hintergrundaktualisierung per WLAN und mobiler Daten für die App zugelassen ist.

Problem: Mindestalter

Im App-Store ist ein Download erst ab 17 Jahren möglich. Ein Großteil der Schüler und Jugendlichen hat damit rein rechtlich keinen Zugang zur App. “Dadurch wird quasi die ganze junge Generation ausgeschlossen, und das wäre mit Blick auf die Normalisierung des Schulbetriebs geradezu fahrlässig”, kritisiert der FDP-Politiker Höferlin. Er gebe keinen vernünftigen Grund dafür, die Corona-Warn-App erst ab 17 Jahren freizugeben – während das Mindestalter für die Registrierung bei Instagram bei 13 Jahren liegt.

Problem: Nationale Grenzen

Das Corona-Virus kennt bekanntlich keine Grenzen – die Corona-Warn-App aber schon. Es fehlt an einer grenzübergreifenden Lösung – was jetzt, zur Reisezeit im Sommer, ein Problem ist. “Es muss jetzt endlich auch die lange angekündigte Kompatibilität mit anderen europäischen Tracing-Apps hergestellt werden”, fordert der Liberale Höferlin. Das Konzept der Interoperabilität würde es möglich machen, dass Nutzer der deutschen Corona-Warn-App im Urlaub auch verschlüsselte Signale an Nutzer einer ausländischen App schicken könnten.

So könnte man noch Tage nach dem Sommerurlaub am Mittelmeer darüber informiert werden, dass sich der Strandnachbar infiziert hat – so er dies an seine App weitermeldet.

Einige Staaten haben gar keine App entwickelt. Andere, wie etwa Frankreich, legten Varianten vor, die gefloppt sind. Ein Problem bei der Zusammenarbeit: Nicht alle Länder setzen bei ihrem Modell auf die in Deutschland praktizierte dezentrale Speicherung der Nutzerdaten.

Bereits im Juni mahnte die Europäische Kommission eine europäische Lösung an – diese könnte nun in Sicht sein. Die Kommission arbeitet derzeit mit einigen EU-Mitgliedsstaaten, die eine dezentrale Speicherung der Nutzerdaten praktizieren, an einem Pilotprojekt. Eine Gruppe, die den Austausch zwischen den nationalen Warn-Apps forciert, besteht dem Vernehmen nach aus Deutschland, Irland, Polen und den Niederlanden.

Problem: Sprachbarrieren

Die Corona-Warn-App ist in Deutsch und Englisch gestartet. Ein Problem für Menschen, die sich in Deutschland aufhalten, aber diese Sprachen nicht beherrschen. Die Bundesregierung und die Programmierer arbeiten dran: Die App soll ab Freitag auch auf Türkisch bereitstehen. Im August soll Arabisch dazukommen, geplant sind auch Versionen in Bulgarisch, Rumänisch, Polnisch und Russisch.

Der Macken zum Trotz: Hört man sich bei Gesundheits- und Digitalpolitikern um, fällt das Echo nach einem Monat überwiegend positiv aus. Der Liberale Höferlin ist trotz Kritik im Großen und Ganzen zufrieden. Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz sieht in der App “die aktuell einzig effektive digitale Lösung im Umgang mit der Pandemie”.

Er mahnt allerdings, die Freiwilligkeit der Nutzung beizubehalten: “Die App darf keinesfalls zu einer Eintrittskarte oder einer Art Immunitätsausweis werden.” In Sachen Datenschutz hegt er keine Bedenken: Die Persönlichkeitsrechte würden ausreichend geschützt, sagt der Innen- und Digitalexperte.

Zufriedenheit überwiegt

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach spricht sogar von einer “Erfolgsgeschichte”: “Aus meiner Sicht ist die App fantastisch angelaufen. Es gibt, außer einigen Kinderkrankheiten, keine größeren Fehler, die ihre Funktionalität bisher eingeschränkt haben”, sagt er.

Wichtig sei nun, noch mehr Menschen dazu zu bewegen, sich die App herunterzuladen. “Vor allem mit Blick auf den Herbst ist das ein wichtiges Anliegen. Denn wenn es kälter wird und die Menschen wieder näher zusammenrücken, werden auch die Infektionszahlen steigen”, warnt Lauterbach.

Jetzt, da die Infektionszahlen in Deutschland noch vergleichsweise niedrig sind, lässt sich noch kein abschließendes Fazit zu ihrem Nutzen ziehen. Steigen die Zahlen, nimmt auch die Bedeutung der App zu. Ihre Bewährungsprobe steht der Corona-Warn-App wohl erst noch bevor.

 

Von Max Hempel/RND