Dienstag , 29. September 2020
1999, Berlin: Unter dem Motto “Music is the key” tanzen Menschen in Berlin-Tiergarten auf der Loveparade. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Friede, Freude, Todesfalle: Zwei Dokus über die Loveparade

ARD und Arte zeigen zeitgleich Dokumentarfilme über die Loveparade: “Als die Liebe tanzen lernte” und “Die Verhandlung”. Während die Tragödie von 2010 in ersterem nur eine Fußnote ist, behandelt zweiterer den Prozess gegen den Veranstalter und die Stadt Duisburg.

Wenn eine langjährige Beziehung tragisch endet, verblassen die guten Zeiten fast zwangsläufig hinter dem bitteren Schluss. Ähnlich verhält es sich mit der Loveparade: Die meisten Menschen dürften mit dem Begriff in erster Linie die Duisburger Katastrophe im Juli 2010 assoziieren. In Peter Scholls Dokumentarfilm “Als die Liebe tanzen lernte” ist die Tragödie jedoch nur eine Fußnote. Er konzentriert sich auf die Neunzigerjahre, als der Umzug nach einem sehr überschaubaren Auftakt zu einem gigantischen Spektakel wurde, das im Sommer 1999 unglaubliche 1,5 Millionen Menschen anlockte.

Warum das Ereignis eine derartige Eigendynamik entwickelt hat, kann auch Scholl nicht wirklich beantworten. Sogar Menschen, die mit den stampfenden Technorhythmen nicht viel anfangen konnten, fanden das friedliche Treiben offenbar sympathisch. Matthias Roeingh (alias Dr. Motte) und Danielle de Picciotto sind heute noch erstaunt, welche Dimensionen die einst von ihnen initiierte Veranstaltung schließlich erreichte.

Erinnerungen von Organisatoren und Teilnehmern

Einer der Zeitzeugen sagt: Als sich die Teilnehmer Anfang Juli 1989 zur Mittagszeit am Vorplatz vom Bahnhof Zoo einfanden, hätte man sie auch für eine Gruppe halten können, die auf den Bus wartet. Und wer weiß, was daraus geworden wäre, wenn sich nicht drei Monate später Historisches ereignet hätte: die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Es sind vor allem die Erinnerungen von Organisatoren und Teilnehmern, die den von Benno Fürmann markant und prägnant kommentierten Film sehenswert machen. Allzu beiläufig kommt allerdings die Kritik an der Kommerzialisierung der Veranstaltung zur Sprache. Der Loveparade ging es nicht anders als anderen Bewegungen, die im Untergrund beginnen und Mainstream werden: Irgendwann muss das Wachstum fremdfinanziert werden, was regelmäßig gleichbedeutend mit dem Verlust der Unschuld ist.

Unscharfe Aufnahmen aus den Neunzigern

Ein Streitgespräch zwischen den Repräsentanten der unterschiedlichen Positionen wäre spannend gewesen. Die unscharfen Aufnahmen aus den Neunzigern stehen zudem in merkwürdigem Kontrast zu den aktuellen Bildern – als wäre die Loveparade ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten, was im Grunde ja auch stimmt.

Das zeigt sich nicht nur im Epilog, sondern ebenso in einer von Arte fast zeitgleich ausgestrahlten Sendung. Mit ihrem Film “Loveparade – Die Verhandlung” dokumentieren Antje Boehmert (Buch und Produktion) und Dominik Wessely (Regie) den Prozess gegen den Veranstalter und die Stadt Duisburg. Bei der Tragödie starben wegen eines Engpasses, der sich als Todesfalle entpuppte, 21 Teilnehmer. Die Zahl der Verletzten lag bei mehr als 650 Menschen. Die gleichfalls 90 Minuten lange Doku ist das denkbar größte Kontrastprogramm zu Scholls Gute-Laune-Hommage: hier “Friede, Freude, Eierkuchen” (wie das Motto der ersten Loveparade lautete), dort das Grauen. Zwischendurch zeigt Wessely eine Szene aus einem Smartphone-Video kurz vor der Katastrophe. Die Partystimmung kippt, der Bildschirm wird schwarz, aber der Ton läuft – die Schreie gehen durch Mark und Bein.

Filmisch ist die Chronik ein trockener Stoff

Filmisch ist die Chronik ein trockener Stoff. Wichtige Prozessmomente rekonstruieren Boehmert und Wessely, indem sie Sprecher die Dialoge nacherzählen lassen. Zu sehen ist ein leerer Saal – das Landgericht Duisburg hatte die Hauptverhandlung dieses größten Strafverfahrens der deutschen Nachkriegsgeschichte ins Düsseldorfer Kongresszentrum verlegt. Ansonsten besteht der Film aus Aussagen der Prozessbeteiligten (Oberstaatsanwalt, Vorsitzender Richter, Gutachter, Vertreter der Nebenkläger). Das klingt wenig spektakulär. Immerhin sorgen die Angehörigen dafür, dass es nicht allein um technische und juristische Details geht. Das ganze Bild der Loveparade ergibt sich erst durch beide Filme.

“Loveparade – Als die Liebe tanzen lernte” läuft am Mittwoch, 15. Juni, in der ARD ab 22.45 Uhr.

“Loveparade – Die Verhandlung” läuft am selben Tag ab 22 Uhr auf Arte.

Von Tilmann P. Gangloff/RND