Dienstag , 20. Oktober 2020
TikTok gerät international in den Fokus von Regierungen, die ein Verbot der chinesischen App erwägen. Quelle: imago images/ZUMA Press

Länderweite Verbote? TikTok droht das Huawei-Schicksal

Die chinesische App TikTok ist bei Jugendlichen der Renner – gerät aber zunehmend in den Fokus von westlichen Regierungen. In den USA, Australien und Großbritannien werden Rufe nach einem Verbot der Plattform laut. TikTok versucht sich unterdessen von seinen chinesischen Wurzeln zu lösen.

Es ist ein bunter Schauplatz, der weltweit mehrere Hundert Millionen aktive Nutzer versammelt. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist die Plattform TikTok beliebt. Sie erstellen, liken und kommentieren hier 15-sekündige Videos, deren Bandbreite alles einschließt: von tanzenden Busfahrern über Geschwister, die einander Streiche spielen, bis hin zu Lehrern, die optische Täuschungen erklären. Am häufigsten finden sich im News Feed die beliebten „Lip-Sync-Videos”, für die die Plattform berühmt ist. Darin singen die jungen Nutzer zu einprägsamen Musikschnipseln in Endlosschleife Karaoke.

Doch über der schrillen Videoschleuder ziehen dunkle Wolken auf. Innerhalb der vergangenen Wochen ist um die chinesische App eine internationale Debatte entbrannt. In einem Interview mit „Fox News” Anfang des Monats hatte US-Außenminister Mike Pompeo bestätigt, man berate über ein mögliches Verbot der App. Nutzer sollten TikTok nicht herunterladen, wenn sie „ihre privaten Informationen nicht in die Hände der Kommunistischen Partei Chinas sehen wollen”. TikTok hat den Bedenken mehrmals ausdrücklich widersprochen. Man habe keine Benutzerdaten an die chinesische Regierung weitergegeben.

Zensurvorwürfe und fragwürdige Moderationspraktiken

Um das zu überprüfen, hat die US-Regierung Ende 2019 eine Sicherheitsprüfung der App eingeleitet, nachdem der Kongress Bedenken geäußert hatte. Das „Committee on Foreign Investment in the United States“ (CFIUS), das ausländische Investitionen untersucht, überprüft seither die Übernahme von Musica.ly durch Bytedance (der Firma hinter TikTok) und mögliche Datenabflüsse nach China. Ein abschließendes Ergebnis der Untersuchung steht noch aus. Auch mit dem Vorwurf der Zensur sieht sich TikTok regelmäßig konfrontiert. „Apps in chinesischem Besitz werden zunehmend verwendet, um Inhalte zu zensieren und offene Diskussionen zu Themen, die von der chinesischen Regierung und der Community Party als sensibel eingestuft werden, zu unterbinden”, schrieb der republikanische Senator Marco Rubio dazu in einem Brief an die US-Regierung.

Tatsächlich hatte eine Recherche von „Netzpolitik.org” fragwürdige Moderationspraktiken bei TikTok offengelegt. Darin hieß es unter anderem, dass die Plattform Beiträge von queeren Nutzern oder Menschen mit Behinderungen verstecken würde. Der „Guardian” hatte darüber berichtet, wie TikTok politische Aussagen etwa über die Unabhängigkeit Tibets unterdrücke. Eine Unternehmenssprecherin von TikTok sagt dazu: “Wir moderieren keine Inhalte aufgrund ihrer politischen Ausrichtung. Unsere Moderationsentscheidungen werden nicht von der chinesischen Regierung beeinflusst.” Die Reichweite von Nutzern mit Behinderungen oder LGBTQ*-Inhalte würden nicht eingeschränkt. Die Daten der Nutzer würden in den USA und in Singapur gespeichert.

Auch in anderen Ländern halten sich Diskussionen um ein Verbot der App. So wurden in Australien und Großbritannien Rufe nach einem Bann der Videoplattform laut. Ein Schritt, den Indien bereits gegangen ist: Hier ließ die Regierung TikTok sowie 58 weitere chinesische Apps landesweit sperren. Als Grund nannte das indische Ministerium für Informationstechnologie Sicherheitsbedenken. Man habe mehrere Berichte erhalten, wonach Nutzerdaten von einigen der Apps missbraucht und auf Server außerhalb des Landes übertragen würden, hieß es. Die Anwendungen sind in den Play und App Stores seither nicht mehr zu finden. Die Maßnahme erfolgte nachdem sich die politische Spannung zwischen China und Indien im Juni verschärft hatte.

TikTok bemüht sich um Internationalität

Jüngst geriet TikTok in die Kritik, weil durch eine Datenschutzfunktion im neuen iOS 14 bekannt wurde, dass die App Daten aus der Zwischenablage seiner Nutzer ausliest. Dies gilt auch für zahlreiche andere Anwendungen, darunter Google News und LinkedIn. Der Aufschrei blieb hier allerdings aus. Laut TikTok handelte es sich dabei um eine Funktion, die Spam-Verhalten identifizieren soll. “Wir haben bereits eine aktualisierte Version der App im App Store eingereicht, in der die Anti-Spam-Funktion entfernt wurde, um mögliche Verwirrung zu beseitigen”, sagte eine Unternehmenssprecherin.

Zuletzt hatte Amazon seine Mitarbeiter in einer internen Mail dazu aufgerufen, die Plattform wegen „Sicherheitsrisiken” zu deinstallieren. Wie der Onlinehändler zu einem späteren Zeitpunkt mitteilte, handelte es sich dabei jedoch um ein Versehen. Soldaten der US-Armee und des australischen Militärs wurde die Nutzung hingegen untersagt.

Die zunehmenden Sicherheitsbedenken im Hinblick auf die App lassen sich an keinem bestimmten Ereignis festmachen. Konkrete Belege dafür, dass TikTok Nutzerdaten an die Regierung in Peking abführt, gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich um eine grundlegende Skepsis gegenüber dem chinesischen Mutterkonzern Bytedance. Mit einer ähnlichen Problematik sieht sich der chinesische Telekommunikationsausrüster Huawei konfrontiert. US-Außenminister Pompeo bezeichnete den Konzern als „trojanisches Pferd”, Vorwürfe der Spionage wurden laut. 2019 verhängte Präsident Trump ein Dekret, das Geschäfte mit den chinesischen Netzwerkausrüstern Huawei und ZTE untersagt. Daraufhin beendete Google die Zusammenarbeit mit Huawei, entsprechende Smartphone sind seither nur noch ohne die Google-Dienste verfügbar.

In China ansässige Unternehmen sind häufig eng mit dem Staat verbunden. Ähnlich wie Huawei unternimmt TikTok bereits seit längerem Bemühungen, sich von diesem Image loszusagen. Dazu hat Bytedance unter anderem eine Außenstelle in Kalifornien gegründet, die Server stehen in Singapur und den USA. Zudem gibt es Überlegungen über die Gründung eines internationalen Hauptfirmensitzes und eines unabhängigen Vorstands. Auch die Entscheidung für den US-Amerikaner Kevin Mayer als Geschäftsführer an der Spitze von TikTok soll die Internationalisierung des Unternehmens weiter vorantreiben.

Wir haben diesen Artikel mit Stellungnahmen des Unternehmens ergänzt.

Von Mila Krull/RND