Dienstag , 20. Oktober 2020
Bewegungen wie Black Lives Matter können dazu dienen, sich mit Rassismus gesamtgesellschaftlich auseinanderzusetzen, findet Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt. Quelle: Marius Becker/dpa

Kulturwissenschaftlerin: “Wir werden nicht sprachlos, nur weil wir rassistische Begriffe aufgeben”

Nach dem Tod des Schwarzen US-Amerikaners George Floyd ist in Deutschland eine Diskussion über Rassismus entbrannt. Susan Arndt sieht darin eine Chance, sich mit rassistischen Ausdrücken des deutschen Wortschatzes auseinanderzusetzen. Im RND-Interview spricht die Kulturwissenschaftlerin der Universität Bayreuth darüber, welche Macht die Sprache in der Debatte hat.

Bayreuth. Frau Arndt, inwiefern ist die deutsche Sprache von Rassismus geprägt?

Die deutsche Sprache ist sehr rassistisch geprägt. Grund dafür ist die Erfindung von “Rassen”, an der auch deutsche Theoretiker, Theologen und Philosophen aktiv mitgewirkt haben. Zurückzuführen ist diese “Rassentheorie” auf den deutschen Kolonialismus, der mindestens von 1884 bis 1919 andauerte. Schon zuvor haben deutsche Kräfte bei der Versklavung von Afrikanern mitgewirkt. Inmitten der imperialen Phase beging Deutschland dann einen Genozid an den Herero und Nama.

In dieser Zeit wurde aus der deutschen Sprache und Gesellschaft heraus darüber gesprochen. Sowohl über die Versklavung als auch darüber, warum es rechtens sei, so mit den Kolonien und kolonialisierten Menschen umzugehen. Das heißt, dass genau diese Sicht auf die kolonialisierten Räume auch die deutsche Sprache geprägt hat – und die damals verwendeten Begriffe haben wir noch heute.

Warum?

Ich denke, diese Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus schläft in Deutschland noch extrem. 1945 wurde sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt, wobei auch viele Debatten geführt wurden, was Sprache anrichten kann. Aber diese Diskussion über den Nationalsozialismus und die Sprache wird nie auf den Kolonialismus und Rassismus ausgeweitet. Selbst 1968 haben sich die Westdeutschen nur mit dem Nationalsozialismus beziehungsweise dem Kommunismus auseinandergesetzt. 1989 kam dann die Aufarbeitung der DDR-Geschichte hinzu, aber der Blick auf die Jahre vor 1933 fehlte weiterhin.

Das heißt, eine Ursache dafür, warum Rassismus unsere Sprache prägt, ist die fehlende Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit.

Genau. Weil das fehlte, gibt es nach wie vor ein Selbstverständnis davon, dass Begriffe wie das N-Wort ganz normal seien. Aber tatsächlich sind diese Begriffe nie aufgebrochen worden. Und wenn die Geschichte nicht aufgearbeitet wird, grassiert sie weiter – vor allem in der Sprache.

Welche Ausdrücke aus dem deutschen Sprachgebrauch sind denn rassistisch?

Es gibt sehr, sehr viele rassistische Wörter. Die Grenzen sind da fließend, sodass sich das auch nicht immer trennen lässt. Ich glaube, es gab 2012 schon einmal eine hitzige Diskussion vor allem um das N-Wort, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass die Debatte mehrheitlich um das M-Wort geführt wird. Ich erkenne da eine Veränderung in der Diskussion.

Viele wundern sich, dass die Ermordung von George Floyd so etwas ausgelöst hat. Das ist ja leider kein Einzelfall, aber es geschah in Zeiten von Covid-19. Ich glaube, dass die Corona-Krise wie ein Brennglas darauf aufmerksam gemacht hat, dass Rassismus immer noch wirkmächtig ist. Dabei ist die Sprache ein ganz charakteristischer Schauplatz dafür, über Rassismus zu debattieren. Manche sagen: Wenn sich die Sprache ändert, ändert sich nicht der Rassismus. Das stimmt schon, aber umgekehrt ist die Sprache ein wichtiger Schauplatz des Widerstandes gegen Rassismus.

Welche Macht hat Sprache dann in der Rassismus-Debatte?

Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer hat mal gesagt: “Worte können sein wie winzige Arsendosen. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.” Also ich glaube, in Sprache steckt immer Macht. Zum einen die Macht, Menschen zu verletzen und zu beleidigen. Das muss noch nicht einmal beabsichtigt sein. Das M- und das N-Wort schaffen es ganz allein, weil sie die ganze Gewalt der Vergangenheit widerspiegeln. Wenn diese Wörter heute verwendet werden, dann wird damit letztlich eine sehr klare, unkritische Positionierung gegenüber der Geschichte des Rassismus ausgedrückt.

Genauso steckt aber auch Macht darin, rassistische Wörter nicht zu gebrauchen und Begriffe wie Schwarze oder People of Color zu verwenden. Wenn ich M- oder N-Wort sage, steckt gleichzeitig der Wunsch darin, den Rassismus zu benennen und aufzubrechen. Ich irritiere damit ganz bewusst, weil ich die Menschen dazu bringen will, sich zu fragen, was dahintersteckt. Dann können wir gesamtgesellschaftlich damit anfangen, über Rassismus zu sprechen. Deshalb finde ich die Debatten sehr wichtig. Und ich glaube nicht, dass wir sprachlos werden, nur weil wir ein paar rassistische Begriffe aufgeben. Im Gegenteil: Es wird ein viel inklusiveres Sprechen.

Wo begegnen wir rassistischen Begriffen am häufigsten?

Bis vor Kurzem stand das N-Wort noch in Schulbüchern, und das M-Wort ziert im Prinzip jede Stadt: Straßennamen, Apothekennamen, Wappen. Auch sehr viele Menschen nutzen diese Begriffe heutzutage noch. Immer mehr würden diese Wörter vielleicht in der Öffentlichkeit nicht mehr benutzen, aber in familiären Kontexten, wo Diskussionen über Rassismus womöglich auch gar nicht geführt werden, sind solche Begriffe durchaus noch alltäglich.

Warum fällt es Weißen oftmals schwer, diese Ausdrücke aus ihrem Vokabular zu verbannen?

Viele Weiße haben das Privileg, Rassismus zu ignorieren. Wer Rassismus verleugnet, erkennt den Verzicht auf rassistische Wörter nicht als legitimen Widerstand an, sondern als Eingriff in die Persönlichkeitssphäre. Hinzu kommt, dass viele sich davor scheuen, sich einzugestehen, dass sie jahrzehntelang ein rassistisches Wort benutzt haben. Das wirft Scham auf, die oft in Wut übersetzt wird. Um das zu vermeiden, versuchen viele, im Jetzt Argumente dafür zu finden, warum das Wort nicht rassistisch sein kann. Zum Beispiel, weil es schon immer so gesagt wurde und nie rassistisch gemeint war. Wenn wir aber begreifen, dass es sich bei Rassismus nicht um individuelle Absichtserklärungen, sondern eine wirkmächtige Diskriminierungsstruktur handelt, in die alle hineinsozialisiert werden, kann bei Weißen der Mut reifen, sich dem eigenen Rassismus zu stellen. Ich finde, das schulden Weiße allen People of Color, und es kann jedem gesellschaftlichen Klima nur guttun, mit einer Vergangenheit zu brechen, die gewaltvoll ist.

Was macht die Verwendung von rassistischen Wörtern mit einer Gesellschaft?

Wenn ich als weiße Person gesagt bekomme, dass Schwarze unterlegen sind, dann verinnerliche ich das so stark, dass ich auch das Gefühl habe, das ist richtig. Daran ist nicht nur die Unterlegenheit geknüpft, sondern auch zum Beispiel die Erzählung, dass der schwarze Mann eine Bedrohung sei. An einem rassistischen Begriff kleben also auch viele assoziative Gedankenfetzen, die in Momenten wie der Ermordung von George Floyd auch wirkmächtig handeln. In diesen Wörtern steckt schließlich nicht nur ein kurzer Moment des Aussprechens, sondern auch eine lange Wissensgeschichte, die mit beiden Beinen in rassistischen Vorstellungen steht.

Es heißt immer: “Man weiß gar nicht mehr, was man noch sagen darf.” Was entgegnen Sie solchen Aussagen?

Das ist so eine komische passive Aggressivität. Es geht nicht darum, dass etwas nicht mehr sagbar wäre, sondern darum, dass jeder sich informieren kann. Das ist mit wenigen Klicks getan. Dann erscheinen Webseiten, die rassistische Wörter und auch Alternativen listen. Niemand wird sprachlos durch die Änderung des Vokabulars. Es ist nur ein kurzer Aufwand, aber wir lernen ständig neue Wörter. Wie schnell es Wörter wie Social Distancing in den deutschen Sprachgebrauch geschafft haben, zeigt, dass es eigentlich kein Problem sein dürfte, statt dem M- oder des N-Worts einfach zum Beispiel schwarze Personen, People of Color oder Afrodeutsche zu sagen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie anfangs als Weiße recht unreflektiert mit Sprache umgegangen seien. Was meinten Sie damit?

Ich bin in der DDR sozialisiert, und da waren Begriffe wie das N- oder das M-Wort omnipräsent – auch in der täglichen Sprache. Als ich dann angefangen habe, Afrikanistik zu lehren, waren viele Studierende in meinen Seminaren, die aus ihren Schulbüchern noch diese Ausdrücke kannten. Diese haben sie auch in den Seminarraum getragen und ich habe einfach nicht interveniert, weil ich dachte: Sie wissen es nicht besser.

Daraufhin haben afrodeutsche Studierende gefordert, dass diese Wörter nicht mehr benutzt werden. Als dann eine weiße Studentin angefangen hat zu weinen, habe ich sie getröstet, weil sie mir in diesem Moment verletzlich schien – habe aber die Verletzlichkeit der schwarzen Personen nicht bemerkt. Dafür schäme ich mich bis heute.

Ich dachte anschließend auch: Ach, ich kann nichts mehr sagen. Ich habe das also alles selbst durch. Aber mir gingen schnell die Argumente aus, warum ich nicht auf diese rassistischen Wörter verzichten sollte. Gleich im Anschluss an das Seminar habe ich dann mit den Studierenden einen Leitfaden erarbeitet, welche Ausdrücke rassistisch sind. Da habe ich begriffen, dass eine Argumentation entwickelt werden muss, damit es nicht nach Sprachpolizei klingt, sondern auch nach etwas, was die Leute verstehen und nachvollziehen können – und deshalb nicht mehr sagen.

Wie können wir überhaupt rassismuskritischer werden mit unserer Sprache?

Indem wir uns als Erstes eingestehen, dass wir rassistische Begriffe nutzen. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Rassismus. Also was verstehe ich darunter? Erst wenn das geschafft ist, kann diese Definition eigenständig immer wieder auf neue Wörter und Kontexte übertragen werden.

Sie sind Mutter von vier Kindern. Wie haben Sie Ihren Kindern das Thema Rassismus nähergebracht?

Auf jeden Fall altersgerecht. Ich habe immer wieder Momente genutzt, in denen wir zum Beispiel etwas im Fernsehen gesehen haben, um darüber zu sprechen, was rassistisch ist. Mein einer Sohn hatte beispielsweise ein Manga, das total rassistisch war. Dann hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder, ich verbiete es, oder ich schaue es mir mit ihm zusammen an und erkläre, was ich daran nicht mag. Ich habe mich schließlich für den zweiten Weg entschieden. Das habe ich relativ konsequent gemacht, Rassismus auch zu benennen, wenn ich im Fernsehen oder irgendwo anders darauf gestoßen bin.

Was glauben Sie: Wie lange werden wir noch mit Rassismus in unserer Sprache zu kämpfen haben?

Noch lange, denke ich. Das kann sich nur über Generationen und Erziehung verbessern, sodass es irgendwann ein Selbstverständnis gibt. So, wie es die Digital Natives gibt, werden wir hoffentlich irgendwann eine Generation haben, die gleich in eine Sensibilisierung für Diskriminierung hineinerzogen wird.

Von Laura Beigel/RND