Sonntag , 20. September 2020
Das aktuelle Sommerwetter löst bei vielen Zuhauseurlaubern Frust aus. Quelle: Foto: Johannes Plenio/Unsplash | Bearbeitung: RND

Erst Hitze, dann Regen: Ist der “Schaukelsommer” die neue Normalität?

Das aktuelle Sommerwetter lässt viele Menschen verzweifeln. Erst knackig heiß – dann vermiesen Regen und Wolken vor allem den (oftmals wegen Corona) Daheimgebliebenen den Urlaub. Doch Diplommeteorologe Andreas Friedrich gibt Entwarnung: Der diesjährige Sommer ist eine Rückkehr zur Normalität.

“Die nächsten Tage erwartet uns ein Sonne-Wolken-Mix”, solche Sätze bekommt man bei der Wettervorhersage ständig zu hören. Allerdings bekommt man den Eindruck, dass sich der Mix verstärkt. Erst schwitzt man bei über 30 Grad in der Hitze, dann kühlt sich die Temperatur von einem Tag auf den anderen schlagartig ab. Ist das noch normal?

“Auf jeden Fall”, sagt Diplommeteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Es handelt sich bei diesem Sommer um einen ganz typischen mitteleuropäischen Sommer. Was wir in den letzten beiden Jahren hatten, waren die großen Ausnahmen. Wir erleben jetzt eher das normale Sommerwetter”, so der Experte. Die letzten beiden Sommer waren von monatelanger Dürre und hohen Temperaturen geprägt. Am 25. Juli vergangenen Jahres wurde im niedersächsischen Lingen mit 42,6 Grad sogar ein neuer Hitzerekord in Deutschland aufgestellt.

Die Aussicht dürfte gerade aktuell in der Corona-Krise bei vielen Menschen nicht gerade Jubelstürme ausgelöst haben: Regen und Wolken anstatt Sonne satt. Insbesondere viele Zuhauseurlauber, die durch die Folgen der Corona-Krise ihre im Ausland geplanten Ferien nicht antreten können, hoffen auf dauerhaft schöne Sommertage. Zuletzt lagen die Temperaturen nachts sogar nahe an der Grenze zum einstelligen Bereich.

Verschiebung der Westwindzone sorgt für hohe Temperaturen

Doch wie kommt es zu diesem Wetterumschwung? “Die eigentliche Westwindzone war in den vergangenen Jahren nach Norden verschoben, daher hatten wir permanent Hochdruckgebiete in Deutschland. Diese Wetterlage hatte eine hohe Erhaltungsneigung, deshalb war es sehr trocken in den Sommern 2018 und 2019. Das hat sich in diesem Jahr von Anfang März bis weit in den April hinein ausgeweitet. Dazu hatten wir viel zu wenig Niederschlag”, erklärt der Experte. Dies habe sich nun aber “grundlegend geändert”. Durch die Stabilisierung der Westwindzone können wieder vermehrt Tiefdruckgebiete vom Atlantik über Mitteleuropa ziehen. “Nun haben wir die typische Wetterlage”, so Friedrich.

Sonne und Regen im regelmäßigen Wechsel – ein “Schaukelsommer”

Das aktuelle Wetter in der eigentlich wärmsten Zeit des Jahres bezeichnet der Fachmann als Schaukelsommer. “In einem Schaukelsommer wechseln sich sonnige Phasen mit Temperaturen bis über 30 Grad regelmäßig mit Tagen ab, an denen kälteres und unbeständigeres Wetter herrscht. Meistens werden die kalten Phasen durch Kaltwetterfronten, die vom Atlantik kommen, eingeleitet”, erklärt Friedrich.

Für die Natur sei dieses Wechselspiel zwischen warmen und kalten Phasen aber “ein Segen”. Auch die Gefahr von Waldbränden, die in den vergangenen zwei Jahren im Hochsommer vor allem in Ostdeutschland für große Schäden sorgten, geht somit zurück. Doch wie lange geht es mit dem Schaukelsommer noch weiter? “Langfristige Prognosen können wir nicht stellen. Doch zunächst scheint es so, als wenn das unbeständige Wetter erst mal bleibt.”

Genaue Vorhersagen? “Die Atmosphäre ist ein chaotisches System”

Es sei generell schwierig, verlässliche Vorhersagen für mehr als zehn Tage zu machen. “Die Atmosphäre ist einfach ein chaotisches System”, sagt Friedrich. Dennoch wird in sogenannten Jahreszeitentrends versucht, längere Phasen miteinander zu vergleichen. Dies geschieht anhand von Modellen, die auch die Einflüsse der Ozeane einbeziehen. “Das haben wir auch für den Sommer 2020 gemacht. Da kam heraus, dass der Sommer etwas wärmer ausfallen soll als in den vergangenen Jahren. Diese Prognose ist bisher ganz gut eingetroffen”, so der Fachmann.

Von Jan Jüttner/RND