Dienstag , 29. September 2020
Das erste “kompakte” Gerät zur Echtzeitkodierung eines Stereosignals: Die mp3-Forscher vom Fraunhofer-Institut in Erlangen 1987 mit (v. l.)Harald Popp, Stefan Krägeloh, Harmut Schott, Berhard Grill, Heinz Gerhäuser, Ernst Eberlein, Karlheinz Brandenburg und Thomas Sporer. Quelle: Fraunhofer mp3

Musik liegt in der Luft: Wie acht deutsche Ingenieure vor 25 Jahren mit der mp3 Geschichte schrieben

Vor 25 Jahren schlug die Geburtsstunde eines Dateiformats, das Geschichte schrieb: Die mp3 hat das Musikhören revolutioniert. Sie ist eine Erfindung des Fraunhofer-Instituts in Erlangen. Was die Tüftler auszeichnete: Hartnäckigkeit, Wissen, Widerstandskraft gegen die Mächte des Marktes und eine Vision.

Die Popmusik hat viele historische Momente erlebt – von Jimi Hendrix’ brennender Gitarre 1967 beim Festival von Monterey bis zum Auftritt von Queen bei “Live Aid” 1986 im Wembley-Stadion. Ihre wahre technische Befreiung aber ist das Werk einer Handvoll deutscher Wissenschaftler in weißen Kitteln beim Fraunhofer-Institut in Erlangen: Am 14. Juli 1995, vor 25 Jahren also, erhielt das Format für digitale Musik, das die Ingenieure entwickelt hatten, jenen Namen, der in der ganzen Welt berühmt werden würde: mp3. Es war die neue Dateiendung für das Kompressionsverfahren, das bis dahin die technische Bezeichnung “ISO Standard IS 11172-3 MPEG Audio Layer 3” getragen hatte.

Karlheinz Brandenburg gilt als Vater der mp3, war aber nicht allein verantwortlich. Der Forscher hatte Elektrotechnik und Mathematik studiert und promovierte 1989 zum Thema Musikkodierung an der Universität Erlangen-Nürnberg. Titel seiner Dissertation: “Ein Beitrag zu den Verfahren und der Qualitätsbeurteilung für hochwertige Musikcodierung” Danach forschte er unter anderem an den berühmten Bell Laboratories von AT&T in den USA.

“Die mp3 ist das Format, das überall spielt”

“Die mp3 war an bestimmten Stellen ein politischer Kompromiss, und das hat man auch in der Tonqualität gelegentlich gemerkt”, sagt Miterfinder Karlheinz Brandenburg im RND-Gespräch. “Man kann das an bestimmten Musikstücken demonstrieren, wenn sie kodiert und dekodiert werden und man das Gehör ein bisschen trainiert hat.” Die mp3 sei “nicht perfekt”. Aber: “Sie ist halt das Format, das überall spielt. Das ist ihr großer Vorteil. Die enorme Verbreitung.”

Seinem Team gelang es in jahrelanger Tüftelei, Audiodateien nach den Prinzipien der Psychoakustik so zu komprimieren, dass die digitale Musik im Vergleich zum CD-Original nur noch ein Zwölftel des Speicherplatzes einnahm, ohne dass der Klang für das menschliche Ohr hörbar schlechter wurde – auch wenn sich audiophile Hörer über die Frage nach dem Substanzverlust im Vergleich zu Vinyl oder CD die Köpfe heißreden können. Der ursprüngliche Plan von Brandenburgs Doktorvater Dieter Seitzer war schon 1977, Musik über die ISDN-Telefonleitung zu übertragen. Die nächste Anwendungsidee war dann das digitale Radio – bis Brandenburg aufging: Die mp3 ist genau das, wonach das junge Internet auf dem Weg zum Massenphänomen verlangt. “Wir waren nicht die Einzigen, die daran gearbeitet haben”, sagt Brandenburg. “Wir haben diese Erkenntnisse nur schneller zu konkreten Ergebnissen geführt und besser optimiert.”

“Die Musikindustrie verhielt sich wie Nero im brennenden Rom”

Die mp3 befreite die Musik vom Trägermedium – und war die perfekte Technik zur Musikverbreitung in der Zeit des populär werdenden Internets. Plötzlich war es möglich, nicht mehr nur Singles und ganze Alben zu kaufen, sondern einzelne Songs. 1999 ging die Musiktauschbörse Napster online. Schon 2001 wurden dort Monat für Monat rund zwei Milliarden Songs getauscht – ein illegaler globaler Massenmarkt.

“Als die Profite dank illegaler Tauschbörsen zu schmelzen begannen, verhielt sich die Musikindustrie wie Nero im brennenden Rom: Sie holte die alte Leier heraus und tat so, als sei nichts passiert”, sagt der Musikexperte Gareth Murphy. Erst Apple-Chef Steve Jobs gelang es, die Musikindustrie angesichts dieser Bedrohung zu disziplinieren und eine Plattform zu popularisieren, auf der einzelne digitale Songs für 99 Cent gekauft werden konnten: iTunes fütterte Millionen iPods mit digitalen Musikdateien. “Sie haben doch ihren Kopf im Arsch”, schrie er eine Warner-Delegation an.

Brandenburg war immer strenger Verfechter des Urheberrechts, geht aber mit dem damaligen Verhalten der Musikindustrie auch streng ins Gericht: “Die Industrie hat immer darauf geachtet, dass Download auf keinen Fall günstiger sein darf, als wenn man in den Laden geht und eine CD kauft. Ein großer Fehler.”

Die Erfindung aus Erlangen hat auch massive kulturelle Folgen. 130 Jahre lang war Musik dabei auf Trägermedien gespeichert. Sie gehörte den Hörern, die sie gekauft hatten. Auf Schellackplatten, Magnetbändern, Vinylscheiben, auf liebevoll zusammengestellten Mixkassetten, auf CDs. Musik war wertvoller Besitz, die persönliche Sammlung ein intimer Ausweis von Stil, Geschmack und Geisteshaltung. “In den Rillen der Platten entdeckte ich eine neue Welt”, schrieb John Hammond, Entdecker und Förderer von Count Basie, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Leonard Cohen, Aretha Franklin. Joachim Ringelnatz hat die Schallplatte das “Karussell der geistigen Welt” genannt. Heute liegt Musik quasi einfach in der Luft, wie Sauerstoff. Musik ist entgegenständlicht, ein amorpher Datensatz aus Nullen und Einsen.

Die (Musik-)Welt ist schon lange keine Schreibe mehr

Die (Musik-)Welt ist schon lange keine Scheibe mehr. Und der Musikkonsument wird bei den Streaminganbietern zum Mieter seines eigenen Glückes. Aber es ist paradox: Nie wurde so viel Musik gehört wie heute – trotzdem kann kaum ein Künstler davon leben. Spotify zahlt pro abgerufenem Song zwischen 0,006 und 0,0084 Dollar. Ein globales Hitalbum kommt auf etwa 425.000 Dollar Umsatz pro Monat – Brosamen für die Plattenfirmen im Vergleich zu früheren CD-Umsätzen. Nur 5 bis 8 Prozent landen beim Künstler. Der britische Musiker Geoff Barrow hat eine bedrückende Rechnung aufgemacht: Für 34 Millionen Streams seiner Songs bekomme er 1900 Euro netto – von Spotify, Apple Music und Youtube zusammen.

Für die Erfindung des mp3-Formats wurden Brandenburg und sein Team mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 2004 leitete er das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT. In diesem Frühjahr ging er 66-jährig in den Ruhestand.

Bis zu 100 Millionen Euro Lizenzgebühren pro Jahr

Hartnäckig hält sich die Legende, die deutschen Forscher hätten an ihrer Erfindung kaum Geld verdient. Tatsächlich sind Millionen geflossen. Für mp3-Lizenzen kassierte das Fraunhofer-Institut über viele Jahre zwischen 50 und 100 Millionen Euro pro Jahr. 2017 sind die meisten mp3-Patente ausgelaufen. Zum Milliardär gemacht hat Brandenburg die Erfindung nicht. “Man soll das ja in Deutschland nicht sagen, aber wenn Sie von der Milliarde ein paar Nullen wegnehmen, dann stimmt die Rechnung”, sagte er dem RND. “Ich konnte ohne Kredit ein Traumhaus bauen und meine eigene kleine Venture-Capital-Firma gründen.”

Musik zum Besitzen ist heute ein Nischengeschäft – etwa als Kinder-CDs oder auf duftenden 180-Gramm-Vinylschallplatten, gehütet von einer loyalen, solventen und gegen den Lockruf der Moderne unempfindlichen Kundschaft, die sich am warmen, runden Klang und der unvergleichlich seelenvollen Grauzone zwischen Nullen und Einsen erfreut. Auch wenn Brandenburg davon überzeugt bleibt, dass die Qualität der mp3 über jeden Zweifel erhaben ist. “Die Befreiung der Musik ist eine Nebenwirkung der Technologie, aber es ist eine Nebenwirkung, auf die wir sehr stolz sind.”

 

Von Imre Grimm/RND

Das erste “kompakte” Gerät zur Echtzeitkodierung eines Stereosignals: Die mp3-Forscher vom Fraunhofer-Institut in Erlangen 1987 mit (v. l.)Harald Popp, Stefan Krägeloh, Harmut Schott, Berhard Grill, Heinz Gerhäuser, Ernst Eberlein, Karlheinz Brandenburg und Thomas Sporer.