Dienstag , 20. Oktober 2020
Verhaltensexperimente wiesen bei Ratten nicht nur den Zuschauereffekt nach, sondern auch eine Empathie mit Artgenossen. Quelle: David Christopher, University of

Studie zeigt: Zuschauereffekt gibt es auch bei Ratten

Menschen helfen anderen in Not seltener, wenn sie von weiteren Menschen umgeben sind, die ebenfalls nicht helfen. Das besagt der sogenannte Zuschauereffekt. Eine Studie findet das Phänomen nun auch bei Ratten.

Chicago. Immer wieder gibt es Berichte von Zeugen, die ein Verbrechen oder einen Unfall beobachten und nicht eingreifen, wenn andere Menschen anwesend sind. Dieses als Zuschauereffekt bekannte Phänomen scheint keine rein menschliche Eigenschaft zu sein, sondern auch bei Ratten aufzutreten, wie Wissenschaftler der Universität Chicago im Fachblatt “Science Advances” berichten.

In ihren Versuchen halfen die Nager einem eingesperrten Artgenossen seltener, wenn andere Ratten dabei waren, die auch nichts unternahmen.

Orientierung am Verhalten anderer als mögliche Ursache

Sozialpsychologen untersuchen den Zuschauereffekt seit einem Aufsehen erregenden Mord 1964 in New York. Damals berichteten Medien, dass Dutzende Menschen das Verbrechen beobachteten, aber nichts unternahmen.

Auch wenn die Darstellung so nicht stimmte, führte der Vorfall dazu, dass Forscher das Nichteingreifen von Zeugen wissenschaftlich beleuchteten. Experimente ergaben, dass Testpersonen einem Menschen in Not wesentlich seltener halfen, wenn sie von anderen umgeben waren, die ebenfalls nicht eingriffen.

Für das Phänomen kursieren verschiedene Erklärungen – etwa die Orientierung am Verhalten anderer, die Angst, falsch zu reagieren oder das Gefühl, es gebe ja genug andere Menschen, die helfen könnten.

Ratten sind empathisch

Ob auch Ratten über derart komplexe Gedankengänge verfügen, scheint fraglich. Allerdings zeigte schon 2011 eine Studie der Neurobiologin Peggy Mason von der Universität Chicago, dass die Tiere die Fähigkeit zur Empathie mit dem Menschen teilen.

So befreiten die Nager in Versuchen regelmäßig Artgenossen aus einem Käfig, ohne selbst davon zu profitieren – für die Forscher ein Beleg für prosoziales Verhalten. In einer Folgestudie zeigten die Tiere diese Empathie nicht, wenn sie ein Beruhigungsmittel bekommen hatten: Dann konnten sie, so die Folgerung der Wissenschaftler, die Not des gefangenen Artgenossen nicht nachempfinden.

Vergleichsgruppe wird Beruhigungsmittel verabreicht

Mason und ihr Team nutzten nun einen ähnlichen Versuchsaufbau, um herauszufinden, ob der Zuschauereffekt auch bei Ratten auftritt. Dafür sperrten sie eine Ratte in eine Plastikröhre, aus der sie von anderen Ratten befreit werden konnte. Diese befanden sich dabei in unterschiedlich großen Gruppen, wobei einige der zusätzlich anwesenden Tiere ein Beruhigungsmittel bekamen, um sicherzustellen, dass sie nicht eingreifen würden. In dem Experiment ging es also um die nicht sedierten Nager.

Tatsächlich minderte die Anwesenheit passiver Ratten die Hilfsbereitschaft ihrer Artgenossen. “Es ist schlimmer, ein nicht reagierendes Publikum zu haben, als allein zu sein”, folgert Mason in einer Mitteilung ihrer Universität.

Zuschauereffekt ist komplexer als gedacht

Die Forscher prüften auch, was passierte, wenn keines der Tiere sediert war. Im Gegensatz zum Zuschauereffekt im ersten Experiment war es dann sogar wahrscheinlicher, dass Ratten in Gruppen von zwei oder drei Tieren halfen, als wenn sie allein waren – als ob sich die Nager gegenseitig motivieren würden.

Auch dieses Verhalten hat eine Parallele beim Menschen: Im vergangenen Jahr hatte die Auswertung von mehr als 200 Überwachungsvideos aus Lancaster, Amsterdam und Kapstadt ergeben, dass Menschen in gut 90 Prozent der Fälle doch eingreifen, wenn andere in Not sind – und zwar umso eher, je mehr Menschen die entsprechende Situation beobachteten.

Offenbar ist der Zuschauereffekt doch deutlich komplexer als anfangs gedacht. Vermutlich beeinflussen verschiedene Faktoren, ob Menschen – und Ratten – in sozialen Situationen helfen oder nicht.

RND/dpa