Samstag , 31. Oktober 2020
Und Action: Luca Marinelli (links), Matthias Schoenaerts und Charlize Theron sind quasi nicht totzukriegen. Die unsterblichen Kämpfer sollen entführte Schülerinnen aus den Händen islamistischer Terroristen befreien – für andere Einheiten wäre das ein Himmelfahrtskommando. Quelle: Aimee Spinks/Netflix/dpa

Netflix-Film “The Old Guard” mit unsterblicher Charlize Theron

Charlize Theron ist das Herz des Netflix-Films “The Old Guard” (Streamingstart am 10. Juli). Eine Gruppe unkaputtbarer Söldner kämpft in einer verdorbenen Welt (meist) für das Gute. Ein zweistündiges Action-Fantasy-Fest von Regisseurin Gina Prince-Bythewood, die bislang für gefühliges Kino bekannt war.

Die Helden dieses Films sind keine Vampire. Sie trinken kein Blut, fürchten sich auch nicht vor Kreuz, Knoblauch, Weihwasser oder Sonnenlicht. Sie werden von ihren Jägern nicht mit Pflöcken in Särgen gepfählt, ihre Gegenspieler bevorzugen ein deutlich gegenwärtigeres Waffenarsenal. Aber mit den Vampiren teilen diese “Wächter” die Gabe, prinzipiell ewig zu leben. Wenn ganze Magazine auf “The Old Guard” abgefeuert wurden und die feindlichen Schützentrupps gerade abziehen wollen, stehen die mit Kopf- und allerhand Organtreffern hingerafften “alten Wächter” wieder auf – für eine zweite Runde, die sie dann zu gewinnen pflegen.

Anders als die Kollegen aus Draculas Reihen stehen Andromache “Andy” von Skythien (Charlize Theron) und ihre Freunde Booker (Matthias Schoenaerts), Joe (Marwan Kenzari) und Nicky (Luca Marinelli) einander bei – keine einzelnen Raubwesen, sondern ein Team im Dienst für das Gute, die Gerechtigkeit, gegen Unterdrücker und Menschenschinder. Zuweilen retten sie auch die Vorfahren von Leuten, die Entscheidendes für die Menschheit leisten werden.

Theron ist wie immer toll im Actionfach

Nun gut, manchmal werden auch zwielichtige Jobs übernommen, schließlich braucht man Geld für die tägliche Munition. “Wir sind Soldaten, Kämpfer”, stellt sich Andy der Soldatin Nile Freeman (Kiki Layne) vor, der ersten neuen Wächterin seit Ewigkeiten. “Wir sind schwer umzubringen.” Und die Antwort auf die Frage nach der moralischen Position der Guards: “Das hängt vom Jahrhundert ab.”

Comicmann Greg Rucka hat seine Graphic Novel “The Old Guard” in ein Drehbuch verwandelt, Regisseurin Gina Prince-Bythewood daraus einen knapp zweistündigen Actiontanz gemacht. Der Film ist ein kinetisches Furiosum, in dessen Herz Charlize Theron wirbelt. Mit asymmetrischem Kurzhaarschnitt, Sonnenbrille und den locker im Gurt sitzenden Glocks ist die schöne Südafrikanerin ein weiteres Mal im Knallhartmodus.

“The Old Guard” setzt damit die Reihe von Therons eigenen “Die Hard”-Filmen fort. Wir mochten die Südafrikanerin in “Fast & Furious”, in “Atomic Blonde” und selbstverständlich in “Mad Max: Fury Road”, wo sie sogar einhändig gefährlicher war als die muskelbepackten, maskulinen Todesbringer der Postapokalypse. Dass Theron nicht nur den Mumm für physisches Extrembrimborium hat, sondern auch noch eine großartige Schauspielerin ist – siehe zuletzt das #MeToo-Drama “Bombshell” –, hilft.

“The Old Guard” ist näher an Batman als an Superman

Ihre “old Guard” vermag dabei gar nichts Besonderes außer im Handumdrehen aufzuerstehen und heile zu werden. Diese Wächter können weder fliegen noch “Flash”-schnell flitzen, sich weder unsichtbar machen noch in der Zeit umherspringen. Sie müssen Körper und Geist stets trainieren und sind damit näher an Batman als an Superman, was sie prinzipiell interessanter macht.

Die Handlung ist dabei schnell erzählt: Der allzu alerte Ex-CIA-Agent Copley (Chiwetel Ejiofor) vermittelt in Marokko einen Job. Die “Guard” soll 17 Kinder retten, die im Süden des Sudans entführt wurden. Während der Mission wird schmerzhaft klar, dass jemand von ihrem sorgfältig gehüteten Geheimnis weiß. Ein Pharmachef (Harry Melling war mal der Dudley Dursley der “Harry Potter”-Filme und ist hier keinen Deut sympathischer) steckt dahinter, der die “Guard” missbrauchen will, um Demenz und Tod zu besiegen. Und die neue Unsterbliche (Layne) muss mit dem Schock, ihren neuen Fähigkeiten und dem Team klarkommen. Dazu werden Themen angerissen wie das Trauma des Krieges und der Verlust der Familie.

An der Art, Emotionales zu akzentuieren, erkennt man Regisseurin Prince-Bythewood. Dass sie aus der romantischen Ecke von Filmen wie “Love & Basketball” kommt, ist auch daran zu sehen, wie sie in ihrer Quasi-Superheldenstory Selbstreflexion und Zuneigung akzentuiert. Es gibt eine tiefgehende homosexuelle Liebe in der Machospirale dieses Films. Und die Hardcore-Stehaufmännchen der “old Guard” werden altmodisch melancholisch, wenn sie auf ihre seltsame Existenz blicken.

Ein wenig mehr Humor hätte dem Film gutgetan

Was leider bei alldem zu kurz kommt, ist der Humor, der Unsterbliche auf die Schnelle besser beim Publikum verankert. Ist die Prämisse am Rand des Albernen, hilft allzeit und immer der Humor – das war jüngst erst im famosen “Dracula”-Dreiteiler der Sherlock-Macher Mark Gatiss und Steven Moffat zu erleben. Unsterblich und Spaß dabei? Nein, “The Old Guard” nimmt sich (ein wenig zu) ernst. Hier sprechen die Martial Arts – sowohl im projektilreichen Anfang als auch im wahrhaft beeindruckenden Finale.

“The Old Guard”, Netflix, von Gina Prince-Bythewood, mit Charlize Theron, Kiki Layne, Matthias Schoenaerts, 125 Minuten

Von Matthias Halbig/RND