Freitag , 18. September 2020
Wenn es um das Thema Migration geht, wird nicht mit Betroffenen gesprochen, sondern über sie, hat eine Studie ergeben. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa

Zuwanderungsdebatte: Migranten kommen nicht zu Wort

Die Berichterstattung über Zuwanderung ist laut einer Untersuchung geprägt von deutschen Ängsten. So kommen nur in seltenen Fällen Betroffene selbst zu Wort, meist wird über und nicht mit Migranten diskutiert. Zudem kommt die Studie zum Schluss, dass erfolgreiche Geschichten nicht zu Ende erzählt werden.

Berlin. In der Berichterstattung über Migration und Flüchtlinge lassen deutsche Leitmedien laut einer Untersuchung nur selten Migranten und Geflüchtete selbst zu Wort kommen. In gerade einmal 12,3 Prozent der Berichte zum Thema fänden die Gruppen Gehör, zitierte Journalistik-Professor Thomas Hestermann von der Hamburger Hochschule Macromedia am Mittwoch aus der Studie „Die Unsichtbaren“.

Wenn Menschen nichtdeutscher Herkunft in der Debatte vorkämen, seien sie meist Randfiguren, berichtete der Forscher. „Wenn es um Eingewanderte und Flüchtlinge geht, haben sie in der Regel kein Gesicht.“ Erfolgsgeschichten bildeten die Ausnahme. Die Hochschule hatte fünf auflagenstarke Zeitungen sowie Hauptnachrichten und Boulevardmagazine der acht reichweitenstärksten Sender zwischen Januar und April 2019 vier Mal jeweils eine Woche lang ausgewertet.

Medien-Professor: Geschichten von Migration werden nicht zu Ende erzählt

Die Erfahrung zeige zwar, dass die Geschichte von Integration oft mit Rückschlägen beginne, sagte Hestermann. „Sie endet aber häufig erfolgreich.“ Es gebe viele Zuwanderer, die am Ende erfolgreich im Beruf seien. „Diese Geschichte wird oft nicht zu Ende erzählt.“ Er wünsche sich mehr Umgang „auf Augenhöhe“. Es sei etwa auffällig, dass Migranten in den Berichten oft nur mit ihrem Vornamen genannt seien.

Nach den Erkenntnissen der Studie spielen in den untersuchten Medien Einwanderer und Flüchtlinge besonders oft (25,2 Prozent) eine Rolle, wenn ihnen eine Gewalttat vorgeworfen wird. Die übrige Berichterstattung stelle sehr oft Risiken in den Mittelpunkt (36,4 Prozent), vor allem Gesetzesverstöße, Kosten und Ängste vor „Überfremdung“, heißt es in der Studie. Seltener gehe es um Chancen der Zuwanderung (15,1 Prozent), wie Hestermann zu den Studienergebnissen sagte.

Berichterstattung geprägt von Ängsten

„Die Berichterstattung ist geprägt von deutschen Ängsten vor einem Scheitern der Integration“, fasste der Forscher zusammen. Der Wissenschaftler mahnte: „Ich glaube, dass wir in dieser Debatte nicht nur über jene Einwanderer reden sollten, die Probleme machen oder Probleme haben, sondern auch über solche, die Probleme lösen.“

RND/dpa