Mittwoch , 28. Oktober 2020
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts stellen nun ein neues Ergebnis vor: Ein von Neandertalern vererbter Erbgutabschnitt könnte das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf von COVID-19 erhöhen. Quelle: Oliver Berg/dpa

Ist ein uraltes Neandertaler-Gen für den Corona-Verlauf mitverantwortlich?

Die Frage, welche Faktoren den Covid-19-Verlauf beeinflussen, beschäftigt nach wie vor die Wissenschaft. Eine neue Studie zeigt, dass ein uraltes Neandertaler-Gen, das noch einige Menschen in sich tragen, möglicherweise für schwere Verläufe verantwortlich ist. Wissenschaftler warnen aber vor zu viel Euphorie – denn ein entscheidender Schritt fehlt der Studie noch.

Hannover. Wieso leiden einige Menschen unter einem besonders schweren Covid-19-Verlauf während andere kaum Symptome aufweisen? Seit dem Corona-Ausbruch versuchen Forscher herauszufinden, welche Faktoren bei Patienten über einen schweren oder leichten Krankheitsverlauf entscheiden. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig stellen nun ein neues Ergebnis vor: Ein von Neandertalern vererbter Erbgutabschnitt könnte das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf von COVID-19 erhöhen.

Einige Bevölkerungsgruppen trügen einen hohen Anteil dieses sogenannten Haplotyps und sind damit unter Umständen besonders gefährdet, schwer am Coronavirus zu erkranken.

Wie das Science Media Center (SMC) berichtet, wurde das Ergebnis in einer Vorab-Publikation auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht – damit hat die Publikation noch keine wissenschaftliche Begutachtung durch Fachkollegen (Peer Review) durchlaufen.

Chromosom Nummer 3 wird mit Risiko verbunden

Bei einem Haplotyp handle es sich um einen Abschnitt auf dem Chromosom Nummer 3 des menschlichen Genoms, welcher sechs Gene kodiert und immer als gesamter Abschnitt vererbt wird, erklärt das Science Media Center (SMC).

Bereits Anfang Juni hätten europäische Wissenschaftler berichtet, dass zwei Genabschnitte mit einem schweren Verlauf von COVID-19 assoziiert seien: der Genabschnitt auf Chromosom 3 und ein Abschnitt, der für die Ausbildung der Blutgruppe verantwortlich ist. Die umfangreiche Auswertung stammt von Patientendaten aus Italien und Spanien. Dieses Ergebnis wurde nun für den Abschnitt auf Chromosom 3 von den Max-Planck-Forschern bestätigt, der Zusammenhang zur Erbgutstelle für die Blutgruppe allerdings nicht, so SCM.

Jeanette Erdmann, Direktorin des Instituts für Kardiogenetik, verweist auf zwei weitere Studien: “Eine kürzlich durchgeführte genetische Assoziationsstudie identifizierte einen Gencluster auf Chromosom 3 als einen Risikolocus (Erbgutabschnitt auf Chromosom 3) für Atemwegsversagen bei SARS-CoV-2. Jüngste Daten der ‘COVID-19 Host Genetics Initiative 2020′ reproduzieren diese Assoziation und zeigen, dass dies der wichtigste genetische Risikofaktor für schwere SARS-CoV-2-Infektionen ist.”

“Studienlage viel zu dünn”

Doch welche Gene dieses Erbgutabschnittes dafür verantwortlich sind, dass die Krankheit sich besser manifestieren kann, stellt die Wissenschaft weiter vor ein Rätsel. Außerdem ist unklar, weshalb dieser Haplotyp in einigen Bevölkerungsgruppen weiter vererbt wird und welcher evolutionäre Vorteil sich dahinter verbirgt. Laut den Autoren tragen in Europa acht Prozent der Menschen diesen Erbgutabschnitt in sich, während er in Afrika gar nicht vertreten sei. Am weitesten verbreitet sei der Haplotyp in Südasien. 30 Prozent der Bevölkerung sollen den Erbgutabschnitt in sich tragen. In Bangladesch sei er mit einer Verbreitung von 63 Prozent am häufigsten zu finden.

Erdmann merkt allerdings an, das es noch kein Peer-Review-Verfahren für die Studie gab – und der Hype um die Ergebnisse dementsprechend zu groß sei. Zudem sind ihr die Ergebnisse nicht aussagekräftig genug: “Die Arbeit ist meines Erachtens viel zu dünn für eine Publikation. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Arbeit in dem vorliegenden Umfang in einem Fachjournal publiziert wird.”

Auch Mitautor Svante Pääbo Direktor des Max-Planck-Instituts hätte zur Bedeutung des Haplotyps gesagt: “Man sollte betonen, dass dies zu diesem Zeitpunkt reine Spekulation ist.”

Spielt der Haplotyp auch eine positive Rolle?

Für Andre Franke, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) in Kiel, habe die Studie keine direkten klinischen Auswirkungen. Ein anderes Gedankenspiel sei für ihn weitaus interessanter: “Warum ist dieser Risikohaplotyp (Erbgutabschnitt auf Chromosom 3) in unserer modernen Bevölkerung erhalten geblieben? Der größte Teil des Neandertaler-Genoms, etwa 95 Prozent in unseren Genomen, wurde negativ selektiert. Wenn nun der Haupt-Risikohaplotyp für COVID-19 bleibt, muss er auch eine positive Rolle spielen.”

Für Franke könnte eine positive Seite ein “sehr aktives Immunsystem” sein. Allerdings nur, wenn man keine anderen Risikofaktoren, wie Herzprobleme oder hohes Alter hat, denn: “Neanderthaler starben jung.” Auch wenn im Falle eines schweren Covid-19-Verlaufs der Haplotyp Probleme verursacht, müsse der schützende Charakter, der durchaus vorhanden sei, untersucht werden.

RND/Alice Mecke

Von Alice Mecke/RND