Donnerstag , 22. Oktober 2020
Yvonne Strahovski als Sofie Werner in “Stateless”. Quelle: BEN KING/NETFLIX

Miniserie “Stateless” auf Netflix: Wahnsinn einer entmenschlichten Flüchtlingspolitik

Cate Blanchetts Seriensensation “Stateless” schafft es ab diesem Mittwoch (8. Juli) auf Netflix, das Elend globaler Flüchtlingsströme spürbar zu machen. Die Miniserie seziert die inneren und äußeren Konflikte vermeintlich zivilisierter Gesellschaften mit einer fast schon dokumentarischen Schärfe.

Wenn eine blonde, blauäugige, ziemlich hellhäutige Flugbegleiterin deutschen Ursprungs im Wüstensand ihrer australischen Heimat erwacht, umgeben von Immigranten aus Nationen wie Afghanistan und Sri Lanka, die hier auf politisches Asyl warten, “bis Fröschen Haare wachsen”, wie eine ziemlich dunkelhäutige Insassin auf Arabisch sagt, wenn dieser Wohlstandsfleck im Flüchtlingselend also sichtbar fehl am Platze durchs infernalische Auffanglager irrt – was nur, fragt ein Aufseher sichtlich verwirrt, habe sie darin bloß verloren. Die Antwort seines Kollegen? Russischer Drogenkurier!

So einfach ist die Welt globaler Fluchtbewegungen für jene, in deren Heimat sie kaum je beginnen, aber meist enden. Und so kompliziert. Denn Sofie, so heißt die Frau am falschen Ort, ist weder Russin noch Kurier, sondern durchaus ein Flüchtling – nur eben anderer Art als Amir, Cam und Clare, die wichtigsten drei Protagonisten der neuen Serie “Stateless”. Wem genau das ungleiche Quartett zu entfliehen versucht, das erzählt uns Netflix ab heute in einer Unterhaltsamkeit, die schweigen macht und staunen, die fesselnd ist wie ein Thriller und dabei zutiefst ergreifend, die alles vereint, was gestreamte Fiktion zu leisten vermag, und die der Realität doch näher kommt als manche ARD-Reportage.

Zustände im Flüchtlingscamp erinnern mehr an ein Internierungslager

Bevor sie im Flüchtlingscamp landet, dessen Zustände mehr an Internierungslager erinnern, führt die polyglotte Stewardess Sofie (Yvonne Strahovski spielt den Part sensationell) ein materiell sorgloses Leben. Bis sie in die Fänge einer bizarren Sekte gerät und von dort aus zügig in die Psychiatrie. Wie genau sie danach zur Asylunterkunft gelangen konnte, gibt das grandiose Drehbuch zwar nur scheibchenweise preis. Auf dem Weg dorthin jedoch kreuzen sich ihre Wege nach und nach mit denen der drei anderen Hauptfiguren.

Amir zum Beispiel ist den Taliban in Masar-i-Scharif nur um Haaresbreite entwischt, wird bei der Abreise aus Pakistan aber von Frau und Töchtern getrennt, weshalb er allein in Woomera landet, wie das Flüchtlingslager heißt. Ein Drecksloch, in dem der prekäre Gelegenheitsarbeiter Cam Abstand zum lauten Alltag als Familienvater sucht. Doch statt Ruhe und Wohlstand findet er dort die Hölle auf Erden vor, in der desillusionierte Insassen gegen sadistische Wärter rebellieren, bevor die resolute Clare aus der nationalen Einwanderungsbehörde berufen wird, um Ärger, vor allem aber die Presse fernzuhalten.

Quartett steht für den Wahnsinn einer entmenschlichten Flüchtlingspolitik

Das Quartett steht für den Wahnsinn einer entmenschlichten Flüchtlingspolitik. Eine Intensität wird spürbar, die es unmöglich macht, vorm Ablauf der letzten von sechs Folgen abzuschalten. Produziert von der Co-Autorin Cate Blanchett, die auch als verbissen fröhliche Frau des Sektenführers brilliert, seziert “Stateless” die inneren und äußeren Konflikte vermeintlich zivilisierter Gesellschaften schließlich mit einer fast schon dokumentarischen Schärfe.

Wenn etwa der gutmütige Cam (Jai Courtney) den jahrelang weggesperrten Asylhäftlingen erst die Kinderspielzeuge repariert, dann aber nur zusieht, wenn seine Mitarbeiter Gefangene brutal misshandeln, wird deutlich, wie das entmenschlichte Abschiebesystem selbst die Wohlgesinnten frisst. Wenn die Einwanderungsmanagerin Clare (Asher Keddie) in High Heels das Wüstenregiment übernimmt, wird sie dabei rasch zwischen Pflichtgefühl und Skrupeln zerrieben. Und wenn der selbstlose Amir (Fayssal Bazzi) mit jedem sinnlos verplemperten Tag länger im Nirgendwo erkennt, wie aussichtslos sein Ringen um Vereinigung mit den Liebsten ist, beginnt es selbst in ihm gefährlich zu brodeln.

Wer ist Opfer, wer Täter?

Wer hier Opfer ist und wer Täter, wird demnach mit jeder einzelnen der lückenlos sehenswerten 300 Minuten Frontalentertainment diffuser. Auch deshalb sollte “Stateless” künftig Pflichtprogramm für alle Apologeten von Abschottung, Ankerzentren und Asylmissbrauchspolemik sein.

Von Jan Freitag/RND