Einmal träumen, bitte: Der französische Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gehört zu den Höhepunkten des "Summer of Dreams" beim Sender Arte.

Eine kleine Traumfabrik: Sender Arte startet “Summer of Dreams”

Von der Kino-„Amelie“ über einen Simon-&-Garfunkel-Abend bis zur Stephen-King-Doku: Arte fasst so einiges unter seine Themensaison „Summer of Dreams“. Die Fernsehwochen im Zeichen der Träume starten am 10. Juli und enden am 23. August.

Arte launcht wieder einen seiner “Summer of Pipapo”. Man nimmt sich einen Begriff und packt alles rein, was sich irgendwie unter diesen summieren lässt. 2020 gibt es den Arte-”Summer of Dreams” – man greift zu den Träumen, weil der Corona-Summer nicht allzu viel Spielraum zu Traumurlaubsverwirklichung lässt. Die “Träume” sind dabei ja Quintessenz des Fernsehens an sich. Wie sein großer Bruder Kino ist Fernsehen eine Traumfabrik, seinem Wesen nach völlig unwirklich. Ein Zeitgenosse der Bismarck-Ära würde schon einen Nachrichtensprecher in seinem Wohnzimmer für einen – vermutlich bösen – Traum halten. Nach einer Folge “Raumschiff Enterprise” würde er schreiend an den Vorhängen hochklettern.

Immer freitags und sonntags werden (Traum-)Welten gezeigt

“Phantasie ist nicht Ausflucht”, sagte der rumänischstämmige Dramatiger Eugène Ionesco einmal. “Denn sich etwas vorstellen, heißt eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.” Immer freitags und sonntags werden auf dem deutsch-französischen Kultursender Arte vom 10. Juli bis zum 23. August nun also (Traum-)Welten erschaffen, reproduziert, durchleuchtet. Zu sehen sind Filme, Dokus, Porträts, Konzertmitschnitte zum Thema “Traum”. Konzerte? Wie passt ein Budapester Auftritt der Rockband Queen zum Sujet der unbewussten Schlafgestaltung respektive der Vorstellung von etwas Kommendem. Nun vielleicht, weil Rockmusikern seit den Sechzigerjahren notorisch der Traum von einer besseren Welt unterstellt wurde.

In der Auftaktdoku “Pop Utopia” von Hannes Rossacher und Karsten Grawert geht es am 10. Juli um 21.45 Uhr in zwei Teilen – “Der Traum von Gerechtigkeit” und “Die Flucht in den Traum” – um große Menschheitsträume wie um das Ende von Rassismus und Sexismus, um sexuelle Befreiung und Gleichheit von Frau und Mann. “Du magst sagen ich sei ein Träumer / aber ich bin nicht der Einzige”, singt danach gleich John Lennon, der Beatle für alle Idealisten, in der Doku “Imagine” aus dem Jahr 1972 – ein TV-Debüt.

Am 7. August wird schließlich der Traum von der mobilen Freiheit in der Doku “Autos im Sozialismus” untersucht. Wobei es sich bei den Ostkarossen bekanntermaßen eher selten um Traumautos handelte. Dazu hätte man sich doch besser den amerikanischen Straßenkreuzern der Vierziger- und Fünfzigerjahre verschrieben.

Auch die Kinosektion des Arte-Traumsommers ist bunt

Auch die Kinosektion des Traumsommers ist ein weit gefasstes Sammelsurium. Mit der “unendlichen Geschichte” (1984), Wolfgang Petersens Märchen vom Kampf gegen das Ende der Vorstellungskraft, geht es los. Meryl Streep träumt in “Jenseits von Afrika” (1985), Karen Blixens Liebestraum von einer Farm und Johnny Depp und Kate Winslet begeben sich in “Wenn Träume fliegen lernen” (2004) auf die Spuren des träumerischen “Peter Pan”-Vaters J. M. Barrie.

Wer den Film noch nicht auf DVD hat, ja wer ihn vielleicht noch nicht kennt, sollte sich in “Die fabelhafte Welt der Amélie” (2001) begeben, in Jean-Pierre Jeunets Traum von einer Frau, die nicht irdischen Ursprungs zu sein scheint, so sehr ist sie darauf versessen, zu lieben, zu helfen, Harmonie herzustellen. Vanessa Paradis sollte die Rolle spielen, für Emily Watson wurde sie geschrieben, aber kaum eine andere ist vorstellbar als die sanftäugige Audrey Tautou. Nach dem Film klauten Fans die Stühle aus dem Café Des Deux Moulins am Montmartre und sie stahlen auch den nach den Dreharbeiten dem Café vermachten Gartenzwerg von Amélies Vater - so sehr wünschten sie sich, Teil dieses Traums zu sein.

Traum- und Albtraummeister: Walt Disney und Stephen King

Dass in der dokumentarischen Sektion des Sommers Fantasy (2. August) und Science-Fiction (9. August) gereicht werden macht Sinn. Dass mit der Doku “Walt Disney – Der Zauberer” (12. Juli) ein weltanschaulich nicht unumstrittener Meister der Leinwandträume gewürdigt wird, der Mann, der Maus, Ente, Hund und Katz in Trickfilmen wie Menschen agieren und sprechen ließ, passt ebenso wie mit Stephen King den “Meister der Albträume” (19. 7.) zu ehren, einen um Zwischenwelten Wissenden, der die Nächte unserer nüchternen Gegenwart glaubwürdig mit Vampiren, Ghoulen und Gespenstern bevölkerte.

Auch “Luzia” (26. 7.), die Mexiko-Show des traumverliebten Cirque du Soleil, macht hier Sinn. Und die strippenden Herren Chippendales (26. Juli), liebes Arte? Na, die haben doch Traumkörper, ganz klar.

Traumpop von Pink Floyd bis Coldplay

Pop gibt es im “Summer of Dreams”-Rahmen von Pink Floyd und Kate Bush (beide immer wieder lyrisch und musikalisch die Grenzen zum Traumhaften überschreitend), Coldplay (fantasievolle Bühnenshows) und der Britboygroup Take That (für einige Jahre ein feuchter Teenietraum). Als “Traumwandler des Pop” (24. Juli) firmieren Simon & Garfunkel. Auf diese Doku folgt noch ihr “Concert in Central Park”: Songs wie “The Boxer”, “Sounds of Silence” oder “Bridge over Troubled Water” kommen einem unwirklich vor: So gute Popmusik wurde einst geschrieben – wahrhaftig ein Traum.

Was bei Arte auf die Sommer von “Peace” (2017) “Love” (2018), “Freedom” (2019) und “Dreams” (2020) folgen wird? Vielleicht einer der “Sehnsucht” oder der “Schönheit” oder der schnöden “Wirklichkeit”, die es laut Edgar Allan Poe, Vater der modernen Schauerliteratur, allerdings gar nicht gibt. “Alles was wir sehen oder zu sein scheinen”, wusste der in einem seiner berühmtesten Gedichte, “ist nur ein Traum innerhalb eines Traums”.

Von Matthias Halbig/RND