Dienstag , 22. September 2020
Gamerin Chenelle hat ihren Twitch-Stream unter anderem wegen sexistischer Kommentare beendet. Quelle: picture alliance / Flashpic

Sexismus in der Gamingszene: “Ich musste weinen, weil ich mich so geschämt habe”

Chenelle ist seit mehr als zehn Jahren leidenschaftliche Gamerin und bewegt sich in ihrer Freizeit durch die Welten von “World of Warcraft” oder “Call of Duty”. Doch ihren Twitch-Stream hat sie unter anderem wegen diskriminierender Kommentare aufgeben. Im Interview mit dem RND spricht sie über ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Szene.

Rund die Hälfte der Gaming-Community ist weiblich. Doch noch immer hat die Szene ein Problem mit Sexismus, vor allem Gamerinnen erfahren diskriminierende Äußerungen aufgrund ihres Geschlechts. Besonders auf Livestream-Plattformen wie dem Marktführer Twitch wird das Problem deutlich. Hier treffen sich Gamingfans, um anderen Nutzern per Videoübertragung beim Spielen zuzuschauen. Die Twitch-Streamer verwenden dabei meist Mikrofon und Kamera, um ihre Züge zu moderieren und in Kontakt zu ihren Followern zu treten. Zuschauer können das Spielgeschehen unterdessen in den Kommentaren begleiten.

Doch sobald bei Streamerinnen die Webcam angeht, reduzieren sich diese Kommentare nicht selten auf das Aussehen. Viele Spielerinnen verbergen ihr Geschlecht daher hinter Synonymen, verzichten auf Video- und Audiochats. Die Gamerin Chenelle spricht im RND-Interview über ihre persönlichen Erfahrungen und warum sie Twitch den Rücken gekehrt hat. Ihren richtigen Namen möchte Chenelle nicht öffentlich nennen, Chenelle ist der Name, den sie unter anderem bei Twitch verwendete.

Was spielen Sie gern und was fasziniert Sie am Gaming?

Egoshooter und MMOs wie “World of Warcraft”, “Call of Duty: Warzone” und “Counter-Strike Global Offensive”. Eigentlich bin ich relativ breit aufgestellt. Was an Games das Schönste ist, ist, dass man sich von der Realität abkoppeln und sich in den Welten verlieren kann. Dass man sein kann, wer man sein möchte, und das ausleben kann, was man gern macht und tut. Es ist einfach schön zum Entspannen.

“Ich habe schon gemerkt, dass ich nicht aufgrund meiner Fähigkeiten geschaut wurde”

Sie waren früher auf Twitch aktiv, haben aber beschlossen nicht mehr zu streamen. Wie ist es dazu gekommen?

Das Streaming habe ich vor einem Jahr an den Nagel gehängt. Auf der einen Seite hat das private Gründe, denn Streaming ist echt einnehmend. Wenn man eine Community aufbauen möchte, dann muss man das sehr regelmäßig machen. Ich habe gerade meinen Master abgeschlossen, deswegen war das dann einfach nicht mehr machbar. Einerseits also die Zeitgründe, andererseits geht mit dem Streaming auch ein gewisser Druck einher – gerade als Frau. Es ist schon so, dass männliche und weibliche Streamer aus unterschiedlichen Gründen geschaut werden. Bei Frauen kann man einen sexistischen Hintergrund bemerken. Eine weibliche Streamerin wird entweder aufgrund ihrer Attraktivität geschaut oder aufgrund des Entertainments. Ganz selten aber tatsächlich wegen ihrer Fähigkeiten, da werden ganz klar Männer bevorzugt.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit Seximus im Stream?

Ich habe schon gemerkt, dass ich nicht aufgrund meiner Fähigkeiten geschaut wurde. Dabei unterscheide ich mich nicht großartig von meinen männlichen Freunden, ich war sogar oft besser in vielen meiner Spiele oder mindestens genauso gut. Aber das wurde einem immer abgesprochen, und ich habe schnell gemerkt, dass ich aus anderen Gründen geschaut wurde, was prinzipiell nicht schlimm ist. Aber man muss sich dann darauf einstellen, dass man oft getrollt wird, gerade auf Twitch. Dass Leute einfach so in den Stream reinplatzen und unangenehme Fragen oder Kommentare ablassen. Das trifft man bei Twitch an, aber auch in-game, wenn man sich als Frau zu erkennen gibt.

“Die Wortwahl ist extrem”

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Es gibt mehrere Stufen. Entweder wollen die Trolle mit einem flirten und denken, sie könnten mit Kommentaren bei einem landen. Das sind zum Beispiel Komplimente, die manchmal drüber hinausschießen. Die zweite Stufe sind dann unangenehme Kommentare, so was wie “Weiß dein Vater eigentlich, dass du dich im Internet prostituierst?” – so was hört man relativ häufig. Und das Dritte ist dann, dass man heftig beleidigt und sogar bedroht wird. So was wie “Ich hau dir auf die Fresse, du Nutte”, die Wortwahl ist dann schon extrem.

Herrscht beim Gaming generell ein rauer Umgangston?

Es gibt generell, je nach Spiel, einen rauen Ton, sei es jetzt “Overwatch”, “Counter-Strike” oder auch “World of Warcraft”. Natürlich muss man bedenken, dass bei Games auch immer viele Emotionen im Spiel sind. Jeder würde gern gewinnen, und manchmal kann Gaming recht frustrierend sein. Schlimm wird es, wenn man das auf einzelne Personen oder auf das Geschlecht bezieht. Wenn man zum Beispiel sagt “Wir haben verloren, weil wir eine Frau im Team haben” oder das noch mit Beleidigungen ausschmückt. Ich habe schon gemerkt, wenn man sich als Frau zu erkennen gibt, dass dann auch diese Art von Beleidigungen fallen.

“Ich habe keine Angst, mein Geschlecht preiszugeben”

Tatsächlich berichten Spielerinnen, dass sie keinen Voice-Chat mehr benutzen und auch ihr Geschlecht hinter einem Synonym verbergen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich würde nie so weit gehen. Wenn ich das Gefühl habe, ich will einen Voice-Chat, dann mache ich das auch. Ich habe keine Angst, mein Geschlecht preiszugeben, ich habe auch nie meinen Tag (Anm. der Red.: Spielernamen) geändert. Aber ich kann nachempfinden, dass es auf jeden Fall anstrengender ist. Was ich wirklich nachvollziehen kann, ist, wenn man als Frau seine Webcam nicht mehr anmacht. Da kenne ich auch einige Streamerinnen, die sich eine Community aufgebaut haben und ihre Webcam nicht mehr anmachen, weil man dann einfach mit weniger Hate umgehen muss.

Kennen Sie andere Streamerinnen, die ähnliche Erfahrungen gesammelt haben?

Ich würde behaupten, dass jede Streamerin damit schon mal zu tun gehabt hat. Egal, in welchen Chats ich jemals drin war, ich hab immer irgendwelche Kommentare gesehen, die gelöscht werden mussten. Ich glaube, das ist aufgrund der Anonymität gar nicht vermeidbar, weil sich immer irgendwelche Leute, sei es wegen der eigenen Frustration oder um irgendwelche eigenen Fehler zu überdecken, genötigt fühlen, dumme Kommentare abzulassen. Davor ist niemand gefeit, aber auch Männer nicht. Bei Männern sind es aber keine sexistischen Kommentare, sondern andere Formen von Hate.

Umgang mit sexistischen Kommentaren

Haben Sie beleidigende oder sexistische Kommentare auch offiziell an Twitch gemeldet?

Ja, das habe ich oft gemacht. Tatsächlich ist es aber so, dass die Person das nicht tangiert, weil man unabhängig von der eigenen IP-Adresse unendlich viele Fake-Accounts anlegen kann. Man kann die Personen verbannen, aber es passiert ganz oft, dass die sich zehn Fake-Accounts machen und trotzdem wieder bei dir reinkommen und weitertrollen. Deswegen bringt es gar nichts, das an Twitch heranzutragen. Sie haben durch die Bestimmungen und Regularien zwar versucht, es einzudämmen, aber all das hilft eigentlich nicht wirklich.

Wie gehen Sie persönlich mit sexistischen Kommentaren um?

Es tangiert einen schon. Man lernt aber, besser damit umzugehen und sich vielleicht auch nicht alles direkt zu Herzen nehmen. Meine Mods (Anm. der Red.: Moderatoren) und ich haben geguckt, dass die Leute dann gleich gelöscht werden. Ich habe versucht, nicht immer darauf einzugehen, weil es den Trollen dann natürlich auch eine Bühne gibt. Je nachdem, wie heftig das Gesagte ausgefallen ist, habe ich dann aber auch mal reagiert und denjenigen darauf hingewiesen, dass man zunächst mal an sich selbst arbeiten sollte. Entweder muss man sich darüber lustig machen, es ignorieren oder gekonnt darauf hinweisen, dass das so nicht in Ordnung ist.

“Ein Game lebt davon, dass Männer und Frauen teilnehmen”

Sie haben sich getraut, auf einem Blog darüber öffentlich zu berichten. Was hat Sie dazu bewogen? Wie waren die Reaktionen?

Das ist im Rahmen eines Uniprojektes entstanden. Der ausschlaggebende Punkt war, dass ich einmal einen Stream ausmachen musste und geweint habe, weil ich mich so dafür geschämt habe, was ein Nutzer alles gesagt hat. Ich hatte aber nicht die Macht, ihm entgegenzutreten, weil es mich so erschüttert hat, was er alles gesagt hat. Darüber zu sprechen hat mir gutgetan. Ich habe das dann im Rahmen des Projektes gemacht und gemerkt, dass das Thema immer größer wird und auch Anklang findet. Allerdings nicht immer positiv. Ich habe häufig etwas dazu auf Facebook gepostet, das wurde dann auch in Twitch-Gruppen repostet. Da habe ich richtig viel Hate für meinen Blog bekommen. Der Gegenwind kam tatsächlich meistens von Frauen, was mich extrem erschüttert hat. Auch bei Twitch habe ich meinen Blog verlinkt und in meinen Streams darüber gesprochen. Dort ist es hingegen ziemlich gut angekommen. Der Grund für den Schritt war persönliche Weiterentwicklung. Nachdem ich meinen Stream wegen sexistischer Kommentare beendet habe, war das für mich ein persönliches Projekt einer Aufarbeitung.

Was könnten Plattformen wie Twitch gegen Sexismus tun?

Wenn viele Nutzer eine Person blockieren oder auch bannen, sollte es sofort einen Perma-Bann geben, und zwar auch einen IP-Perma-Bann. Das ist zwar relativ aufwendig für Twitch, Youtube und Co., technisch aber möglich. Das wäre das Einzige, was wirklich hilft, wenn man ihnen gar nicht mehr den Zugang gibt und sie nicht mehr die Möglichkeit haben, Kommentare zu schreiben. Dass es einen IP-Bann gibt, wäre für mich die einzige gangbare Lösung.

Seit einiger Zeit werden auch geschützte Räume für Gamerinnen diskutiert, wie das Girl Gamer E-Sports Festival. Was halten Sie davon?

Das ist, glaube ich, nicht der richtige Weg. Wenn man einen Part von einer Community so krass exkludiert, wird noch mehr Hate geschaffen. Das ist ja nicht das, was man eigentlich will. Man möchte ja eigentlich, dass nicht mehr unterschieden wird zwischen Mann und Frau. Ich glaube, das ist ein tiefer greifendes Problem, und das wird nicht aufgelöst, wenn Frauen unter sich spielen dürfen. Ein Game lebt auch davon, dass Männer und Frauen teilnehmen. Es spielen ja auch genauso viele Frauen wie Männer. Ich würde auch als Frau da nicht mitspielen wollen, weil ich eben keine Sonderrolle bekommen möchte.

Von Mila Krull/RND