Dienstag , 29. September 2020
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“Sportschau”-Moderatorin Okka Gundel: So hat mir der Corona-Lockdown beim Brustkrebs geholfen

Normalerweise moderiert sie die „Sportschau“, im „ARD-Morgenmagazin“ und den Sport in den „Tagesthemen“. Doch im Moment ist Okka Gundel nicht im TV zu sehen. Sie ist an Brustkrebs erkrankt. Im Interview erzählt sie, wie schwer es ihr fiel, ihre Eltern zu informieren, was ihr am meisten fehlt – und warum die Corona-Krise für sie eine große Hilfe war.

Frau Gundel, die Fußball-Bundesliga ist gerade zu Ende gegangen. Haben Sie die Spiele verfolgt?

Ja, einige Spiele habe ich mir im Fernsehen angeschaut. Diese Geisterspiele sind schon etwas Besonderes, da kommt an Stimmung ja nichts rüber. Das ist weniger emotional, als meinem Sohn beim Spielen an der Playstation zuzusehen.

War es in Ihren Augen eine richtige Entscheidung, die Saison wieder aufzunehmen?

Ich fand es zunächst nicht gut, weil ich mich gefragt habe: Warum muss der Bundesliga-Fußball eine Extrawurst bekommen? Ich fand die Entscheidung auch in dem Zusammenhang schwierig, dass meine Kinder nicht in die Schule gehen durften und ihnen keinerlei Freizeitaktivitäten erlaubt waren. Wie kann man das rechtfertigen? Aber im Nachhinein sage ich: Jeder muss seine Haut retten. Die Deutsche Fußball-Liga hat offenbar ein gutes Konzept vorgelegt.

Normalerweise sehen wir Sie in der “Sportschau” und in den “Tagesthemen”, wo Sie die Bundesliga-Berichterstattung moderieren. Seit Längerem aber müssen die Fernsehzuschauer auf Sie verzichten, weil bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert wurde. Wie ist Ihre Situation im Moment?

Ich befinde mich seit Monaten in Therapie, aber ein Ende ist in Sicht. Ich bin grundsätzlich optimistisch, habe das alles bisher auch ganz gut verkraftet. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich fühle mich nicht so elend, wie man vielleicht erst einmal denken mag, wenn man durch so eine Chemotherapie durchmuss. Es ist nicht mehr Land unter, sondern Land in Sicht.

Ärztin war distanziert und wenig mitfühlend

Wie haben Sie vom Krebs erfahren?

Ich habe den Knoten in der Brust zunächst einmal selbst ertastet und bin zu meiner Frauenärztin gegangen. Die endgültige Untersuchung, die Biopsie, war dann in einem schönen modernen Strahleninstitut, alles sehr anonym und sehr unpersönlich. Dort habe ich dann einige Tage später auch das Ergebnis bekommen. Es zeichnete sich zwar schon ab, dass es keine gute Diagnose sein wird, aber natürlich habe ich bis zum Schluss gehofft. Als die Krankheit dann bestätigt wurde, war es ein großer Schock, in einem solchen Moment bricht schon einiges zusammen. Erst recht, wenn das eine vollkommen fremde Person ist, die einem die Ergebnisse übermittelt. Und dann noch wie bei mir auf eine so distanzierte und sehr wenig mitfühlende Art.

Würden Sie nach dieser Erfahrung sagen, Ärzte müssen besser ausgebildet werden, was die Übermittlung von Krankheiten angeht?

Ja, ich finde schon. Ich habe jetzt zweimal Situationen mit Ärzten erlebt, nach denen ich sage: Ob ein Arzt oder eine Ärztin gut ist oder nicht, entscheidet sich in Krisensituationen, also wenn es schlecht läuft. Natürlich können Mediziner nicht mit jedem Patienten mitleiden, dann gehen sie emotional kaputt und können ihren Job nicht mehr erledigen. Aber ein gewisses Maß an Menschlichkeit und Mitgefühl sollte schon möglich sein. Und das war da bei mir nicht so.

Sie sind in Ihrer Jugend auf Tennisplätzen groß geworden, haben immer viel Sport getrieben. Hilft Ihnen das in Ihrer jetzigen Situation?

Ich versuche, Sport zu treiben, wenn es geht. Das heißt bei mir momentan in erster Linie: Ich gehe joggen. Auch wenn ich mit meinen Kräften jetzt am Ende der Chemotherapie langsam ans Limit komme. Wenn ich aufwache, fühle ich mich sowieso schon immer, als sei ich bereits einen Marathon gelaufen. Aber ich bin mir sicher, dass meine sportliche Sozialisation und mein Ehrgeiz mir helfen, mich morgens trotzdem hochzukämpfen und gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Dann stehe ich halt doch auf und gehe zumindest spazieren oder vielleicht doch sogar joggen. Ich laufe dann zwar langsam, aber ich bin immer noch schneller als die Spaziergänger und die Walker, das ist mir schon wichtig. (lacht)

“Ich saß lange vor dem Telefon und konnte meine Eltern nicht anrufen”

Wobei unterstützt Sie der Sport genau?

Es tut gut, sich selbst herauszufordern. Damit verschaffe ich mir wieder Selbstvertrauen in meinen Körper, der durch die ganze Chemie hart arbeiten muss. Wenn ich mich zum Sport aufraffe, geht es mir hinterher immer besser. Ich merke: Ich kann noch was, und das tut gut.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, mit Ihren Eltern über Ihre Erkrankung zu sprechen?

Sehr schwer, denn ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich saß lange vor dem Telefon und konnte sie nicht anrufen, weil ich wusste, was es in ihnen auslöst. Zum einen, weil meine Mutter vor drei Jahren eine ähnliche Diagnose bekommen hat. Das heißt, wir alle in der Familie hatten eine genaue Vorstellung davon, welcher Weg vor mir liegt. Und ich wusste, dass diese Diagnose für meine Eltern sehr schlimm sein wird, weil ich natürlich immer noch ihr Kind bin. Egal wie alt man ist, gegenüber seinen Eltern bleibt man das Kind. Ich habe oft zu meinem Mann gesagt: So schlimm ich es finde, dass ich diese Krankheit habe, bin ich froh, dass es keines unserer Kinder erwischt hat. Als Mutter ahne ich, wie schlimm es ist, wenn die Kinder schwer erkranken. Und deshalb weiß ich auch, wie schwer es für meine Eltern ist, dass es eines ihrer Kinder getroffen hat.

Ihre Erkrankung ist zeitlich mit der Corona-Krise zusammengefallen. Wie hat sich das Virus auf Ihre Krankheit ausgewirkt?

Erst einmal hat Corona mir wahnsinnige Angst bereitet, weil ich als Krebspatientin zur Risikogruppe gehöre. Corona war ja anfangs ein großes Schreckgespenst, keiner wusste, was das Virus anrichten kann – vor allem bei denjenigen, die kein intaktes Immunsystem haben. Das war das eine Problem. Und es hat unseren Alltag hier zu Hause noch zusätzlich torpediert – ich krank zu Hause, drei Kinder, die nicht zur Schule können und wenig Lust auf Homeschooling hatten, und mein Mann, der im Homeoffice war. Es war vollkommen absurd, dass wir uns alle zu Hause wiedergefunden haben. Zwischendurch war es der absolute Overkill.

Das können sicherlich viele nachvollziehen.

Irgendwann habe ich dann aber begonnen, der Pandemie auch etwas Gutes abzugewinnen.

Oh, wie das?

Durch Corona stand plötzlich die ganze Welt still. Nicht nur mein Leben und meine Berufswelt, sondern die ganze Welt! Viele Sendungen und Veranstaltungen, die ich moderiert hätte, sind einfach ausgefallen. Ich konnte dadurch sozusagen unauffällig vom Bildschirm verschwinden. Das hat mich ein wenig getröstet. Das mag zynisch klingen, denn ich weiß natürlich, dass Corona viele Menschen hart getroffen hat – ob gesundheitlich oder wirtschaftlich –, dennoch war ich so manches Mal froh, dass überall Stillstand herrscht und nicht nur bei mir.

Auch weil es so viele gab, die gleichzeitig Angst vor einer Krankheit hatten? Die Welt als große Leidensgemeinschaft?

Nein, das nicht. Es ging mehr um das alltägliche Leben. Nach einer Krebsdiagnose schaut man mehr auf die anderen und denkt sich: Wie ungerecht, die dürfen alle mit ihrem normalen Leben weitermachen. Man selbst steht vor einem Stoppschild, aber alle anderen können weiterlaufen. Man schaut neidisch auf jeden, der weiter zur Arbeit oder einkaufen gehen kann. Unseren Urlaub mussten wir wegen meiner Erkrankung natürlich auch absagen. Und da war es ehrlich gesagt für mich ein bisschen tröstlich zu sehen, dass alle anderen auch zu Hause bleiben mussten.

Seitdem der Lockdown gelockert wird, hadert Okka Gundel wieder mehr

Dann war das Ende des Lockdowns für Sie gar nicht eine so gute Nachricht?

Jetzt, wo es für die anderen wieder nach und nach losgeht, merke ich schon, dass ich wieder mehr hadere. Mit dem Ende der Therapie in Sicht beruhige ich mich aber, dass ich bald auch wieder etwas Schönes unternehmen kann.

Die Historikerin Bettina Hitzer beschreibt in ihrem Buch “Krebs fühlen”, wie sich Emotionen im Zusammenhang mit dem Krebs geändert haben. Neben Angst, Trauer, Wut, Scham und Hoffnung geht es auch um Schuld. Menschen fühlen sich schuldig, dass sie an Krebs erkrankt sind, oder ihnen werden Schuldgefühle eingeredet. Kennen Sie das, haben Sie Schuldgefühle?

Nein, Schuld empfinde ich nicht, und um Schuld geht es für mich auch gar nicht. Aber klar habe ich auch mal gedacht: Warum hat es mich getroffen? Eine Antwort darauf wird es nicht geben. Ich habe mein Leben gelebt und gefeiert – sicher auch mal ausschweifend. So wie ich es für richtig gehalten habe, und ich bin überzeugt, dass es mir gutgetan hat. Eines hat mich in diesem Zusammenhang allerdings doch etwas geärgert.

Was denn?

Ich habe meine drei Kinder jeweils ein halbes Jahr gestillt. Das heißt, ich habe eineinhalb Jahre meines Lebens ausschließlich gestillt. Die Ärzte haben immer gesagt: Das ist für Sie auch ein toller Schutz gegen Brustkrebs. Trotzdem bin ich erkrankt. Auch so ist das Leben. Aber noch einmal zurück zur Frage nach dem Warum. Ich würde sie beantworten mit: Schicksal. Oder ganz einfach Pech.

Man bekommt sein altes Leben nicht wieder

Hoffen Sie auf eine Rückkehr in Ihr altes Leben? Oder wird es ein neues?

Ich habe nach der Diagnose lange gehadert und gedacht: Ich hatte so ein schönes Leben, ich will mein altes Leben zurück. Meine Psychoonkologin, die mich seit Beginn der Diagnose begleitet, hat nach vielen Wochen gesagt: “Sie müssen jetzt mal akzeptieren, dass Sie sehr krank sind und dass Sie Ihr altes Leben nicht wiederbekommen werden. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Es gibt ein Leben vor der Diagnose und ein Leben danach.”

Das neue Leben muss ja nicht schlechter werden.

Genau. Vielleicht wird es ja sogar ein besseres!? Auch wenn es nicht das alte werden kann, kann es ja trotzdem ein gutes Leben werden. Aber wie genau es werden wird? Ich denke zwar manchmal darüber nach, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Man lebt während einer Krebsbehandlung sehr im Jetzt, und die Zukunft reicht zumeist nicht weiter als bis zum nächsten Chemotherapietermin.

Eine solche Krankheit bietet ja auch immer die Gelegenheit, sein bisheriges Leben Revue passieren zu lassen, sich zu freuen, was man Schönes erlebt hat, oder sich zu ärgern, was man verpasst oder ausgelassen hat. Geht Ihnen das ähnlich?

Ich habe in den vergangenen Monaten tatsächlich viel über mein Leben nachgedacht. Dazu hatte ich ja auch genug Zeit. Ich hatte bislang ein super Leben und habe alles gemacht, was ich machen wollte. Es gibt nichts, bei dem ich jetzt denke, das und das wolltest du doch unbedingt noch tun oder schon getan haben. Was ich möchte, ist, noch aufmerksamer die Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Die durchdigitalisierte Welt mit Smartphone, Social Media und Co. macht vieles diffus, und die Zerstreuung ist sehr groß. Davon möchte ich mich gern freier machen, mich weniger ablenken lassen und mich auf die Menschen und Dinge konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind.

Das ist sehr bescheiden. Gibt es nicht noch etwas?

Ich möchte mir gern bald die Bergamottenfelder in Kalabrien anschauen. Ansonsten freue ich mich darauf, mal wieder etwas richtig zu genießen. Im Moment erlebe ich alles mit Einschränkungen. Bei allen Unternehmungen steht immer die Frage im Raum: Wie geht es mir körperlich, wie mental? Alles ist latent anstrengend. Oder ein Essen genießen: Ich habe durch die Chemo wahlweise einen metallischen Geschmack oder gar keinen. Das ist zwar kein Drama, aber doch irgendwie schade.

Der Genuss fehlt …

Ja. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich wieder mit einem schönen Essen am Tisch sitze, das ich schmecke. Etwas mit Genuss zu essen und mit dem Wissen, es geht mir gut und es wird mir auch morgen und die nächsten Tage gut gehen, weil ich nicht demnächst wieder eine Infusion bekomme, die in meinem Körper alles durcheinanderwirbelt – darauf freue ich mich sehr.

Gibt es etwas, das Sie in Zukunft komplett anders machen wollen?

Nein. Ich freue mich ganz einfach auf Normalität. Auf meinen Job und andere alltägliche Dinge, die ich dann vielleicht noch mehr zu schätzen weiß. Ich will gar nicht groß etwas anders machen. Eher im Gegenteil: die guten Sachen aus meinem alten Leben ins neue mitnehmen und die schlechten einfach loslassen. Das wäre optimal.

Engagiert für die Alzheimerforschung

“Und damit zum Sport – und Okka Gundel”. Wenn Caren Miosga und Ingo Zamperoni am Wochenende in den “Tagesthemen” zum Sport überleiten, steht oft die gebürtige Ostfriesin Okka Gundel dort. Sie berichtet den Zuschauern, wie die Bundesliga gespielt hat, wie die deutschen Spieler in Wimbledon auftreten oder wie das Training zum Formel-1-Rennen in Spa ausgegangen ist. Normalerweise. Denn in den vergangenen Monaten ist es ruhig geworden um die 45-Jährige.

Das liegt weniger an all den ausgefallenen Sportereignissen als an einer schweren Krankheit. Vor Kurzem machte Okka Gundel in einem Beitrag in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” öffentlich, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Im Moment befindet sie sich in der Schlussphase ihrer Chemotherapie.

Okka Gundel lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Köln. Sie ist neben den “Tagesthemen” auch in der “Sportschau” und im “ARD-Morgenmagazin” zu sehen. Neben ihrem Beruf als Journalistin und TV-Moderatorin engagiert sie sich für die Alzheimerforschung. 2011 veröffentlichte sie anlässlich der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft das Buch “Elf Freundinnen müsst ihr sein”.

Von Kristian Teetz/RND