Samstag , 19. September 2020
Staatsgründung der USA als Hip-Hop-Musical: Lin-Manuel Miranda mit Tänzern der Broadwayshow “Hamilton”. Ab heute ist eine gefilmte Version des Singspiels beim Streamingdienst Disney+ abrufbar. Quelle: AP

Endlich da! Heute startet das Supermusical “Hamilton” bei Disney+

Seit fünf Jahren ist das Hip-Hop-Musical “Hamilton” die Showsensation am Broadway, wann es in Deutschland aufgeführt wird steht – wegen Corona – noch in den Sternen. Ab heute (3. Juli) aber können Showfans eine gefilmte Version der New Yorker Inszenierung beim Streamingdienst Disney+ sehen. Nie war die Geschichte der Gründung der USA mitreißender.

An Musicals scheiden sich die Geister. Zu dick aufgetragen sind vielen die gesungenen Gefühle, zu opulent die Kostüme, zu überwältigend Sound und Gesang, zu befremdend der Moment, wenn gerade noch im Dialog befindliche Figuren einander plötzlich leidenschaftlich ansingen. Für Fans des gesungenen Worts dagegen sind Bombast und Gesang das Ding überhaupt. Wer Musicals mag, wird sich mit jemandem, der sie hasst, also kaum für ein Kännchen Kaffee in den Kellerclub setzen. Es sei denn, das Musical ist gar kein Musical, sondern “Hamilton”.

So heißt ein furioses Singspiel, das seit fünf Jahren den Broadway begeistert und ab heute beim Überwältigungssender Disney+ läuft. Also auch in Deutschland, wo es 2021 die hiesige Musicalhauptstadt Hamburg beehren soll. (Aber wer bitte sehr weiß schon, was Sars-CoV-2 bis dahin an Megaevents vor Publikum zulässt?) Wer hätte je geahnt, dass so ein Werk konsenstauglich sein könnte? Schließlich ist “Hamilton” nicht nur ein simples Musical. “Hamilton” ist ein Hip-Hop-Musical. Es vereint also die klassische Oper mit der profanen Operette. Und dann geht es in dieser neuen Form von Sprechgesangstheater auch noch um Geschichte.

Titelfigur ist der erste Finanzminister der USA

Die Titelfigur ist ja kein Geringerer als Alexander Hamilton, Ende des 18. Jahrhunderts vom karibischen Waisenkind zum ersten Finanzminister der USA aufgestiegen und gleichsam Vorkämpfer für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die er im vorrevolutionären Frankreich lieben und im postrevolutionären Amerika anzuwenden lernt.

Zu Beginn des ersten Aktes allerdings trifft der philanthropische Politiker zunächst mal auf den späteren Vizepräsidenten Aaron Burr, der wie so viele Figuren von George Washington über King George III. bis James Madison historisch verbürgt ist, aber eine Besonderheit aufweist, die an den Musikstil des Welterfolgs andockt: Anders als das Original gehört sein Darsteller Leslie Odom junior zu den People of Colour, ist also farbig.

Das erfolgreichste Musical seit “Cats” fuhr alle Preise ein

Die zweite Hauptfigur derart geschichtsvergessen zu besetzen mag ein wenig willkürlich wirken, hat aber natürlich mit dem musikalisch beherrschenden “CNN der Schwarzen” zu tun, wie der der Hip-Hop in seiner Frühphase gern bezeichnet wurde – lange also, bevor denkbar war, damit das traditionell weiße Musicalmetier zu beschallen. Mit diesem Dreh jedenfalls hat Showrunner Lin-Manuel Miranda, der nicht nur für Buch, Musik und Texte verantwortlich war, sondern auch noch die Titelfigur spricht, singt und rappt, sein Werk zum erfolgreichsten seit Andrew Lloyd Webbers “Cats” gemacht.

Für die zweieinhalbstündige Reise vom New York am Vorabend der Staatsgründung bis zum Sieg Thomas Jeffersons im Jahr 1800 hagelte es neben Preisen von Pulitzer bis Grammy stolze elf Tony Awards – mehr als für jedes Musical davor. Völlig zu Recht – schafft es der Hip-Hop doch perfekt, die problematische Grenze zwischen Dialog und Gesang aufzulösen. Und das in einer Kulisse, deren Kargheit angenehm mit dem puritanischen Rokoko der Kostüme korrespondiert.

Der “Rolling Stone” schwärmt von der Show

Akustisch verrührt “Hamilton” den tonangebenden Sprechgesang zwar immer wieder mal mit überfrachtetem R ’n’ B zum genretypischen Popbombast. Weil darin bei allem Ernst stets Selbstironie mitschwingt, dazu eher pointierte als theatralische Gesangskünste kommen, wird es sogar verzeihlich, dass Frauen nur Nebenrollen innehaben.

Kein Wunder, dass der “Rolling Stone” schwärmt, “Hamilton” sei wahrscheinlich “das erste popkulturelle Werk, das gleichermaßen von Barack Obama, Dick Cheney, Lena Dunham, Joss Whedon und Steven Van Zandt gelobt” werde. Ob hierzulande nun Cem Özdemir, Alexander Gauland, Margarete Stokowski, Ralf Husmann und Peter Maffay Disney+ einschalten und dort zu “Hamilton”-Fans werden, darf zwar bezweifelt werden. Nie zuvor allerdings hat ein Musical die Geschmacksgrenzen so virtuos durchlöchert wie dieses.