In lebensgefährlicher Mission: Staatsanwalt Saverio Barone (Francesco Montanari) in einer Szene der Serie “The Hunter“. Quelle: Cross Productions/Beta Film/dpa

Einer gegen die Mafia – Zweite Staffel der Serie “The Hunter” ist da

Ohne ästhetisches Blendwerk konzentriert sich die zweite Staffel der Mafiaserie „The Hunter“ bei Magenta TV ganz aufs Duell Gut gegen Böse. Der Mafiajäger Saverio Barone (Francesco Montanari) existiert jenseits des Bildschirms in Fleisch und Blut – wie auch sein Widersacher Leoluca Bagarella. Ein hochspannendes Mafiadrama – zeitgemäß und kein bisschen angestaubt.

Wenn jemand auch in deutscher Fernsehübersetzung als “Commissario” angesprochen Mordfälle löst, muss das kein aalglatter Fremdenverkehrskrimi sein. Der berühmteste Commissario am Bildschirm, seinerzeit ein riesiges Röhrengerät, hieß nämlich nicht Brunetti oder Laurenti, sondern Cattani (Michele Placido) und kämpfte in den Achtzigern mit Ecken und Kanten “Allein gegen die Mafia” – bis er Ende der vierten Staffel von 70 Kugeln der Cosa Nostra durchsiebt und von einer Staatsanwältin ersetzt wurde: Patricia Millardet als Silvia Conti.

“The Hunter” basiert auf einem Tatsachenroman

Bis zur allerletzten von insgesamt 48 Folgen in 17 Jahren setzte sie das aussichtslose Gefecht ihres früheren Liebhabers im Kampf gegen die Krake der organisierten Kriminalität fort und war damit ein Vorbild vieler Desperados, realer wie fiktionaler. Was im Fall von Saverio Barone ein und dasselbe ist.

“The Hunter”, wie Magenta TV (der Streamingservice der Telekom) den sizilianischen Staatsanwalt 2019 ein Jahr nach der Erstausstrahlung auf RAI 2 in deutscher Fassung nannte, basiert schließlich auf dessen viel diskutiertem Tatsachenroman “Cacciatore di Mafiosi”. Aber nicht nur der neueste einer Vielzahl Mafiajäger existiert jenseits des Bildschirms in Fleisch und Blut, auch sein Widersacher Leoluca Bagarella tut es.

Für Barone (Francesco Montanari) und seinen Partner Carlos Mazza (Francesco Foti), macht es die Sache in der neuen Staffel jedoch keineswegs leichter, dass sie “Don Luchino” im Finale der ersten dingfest gemacht haben; denn jetzt wird die Costa Nostra vom ungleich brutaleren Kronprinzen Giovanni Brusca (Edoardo Pesce) geführt. Und wenn der über Jahre hinweg den minderjährigen Mordzeugen Giuseppe in Ketten hält, wenn er eiskalt Konkurrenten abknallt und selbst den eigenen mafiamüden Bruder Enzo (Alessio Pratico) wie sein Eigentum behandelt, ist der Weg zum Psychopathen nicht weit.

Der Obermafioso versteckt sich vor Barones Zugriff

Wie die ähnlich authentische Mafiaserie “Gomorrha” nach den Recherchen des abgetauchten Investigativreporters Roberto Saviano sonnt sich “The Hunter” allerdings nur am Rande mal im Thrill des Bösen à la Tarantino. Schließlich sitzt er zu Beginn der Fortsetzung in einer Villa am Rande Palermos fest und versteckt sich wie ein gehetztes Tier vor Barones Zugriff. Das Verbrechen kann die Früchte des Zorns also kaum richtig genießen. Und genau hier liegt eine der Stärken von “The Hunter”: Einerseits befindet sich die organisierte Kriminalität frei von jedem Glamour auf der Flucht vorm Guten, das andererseits anders als im handelsüblichen Mobster-Movie nicht andauernd Gesetze übertreten muss, da der Zweck nun mal die Mittel heiligt.

Wenn Regisseur Davide Marengo seine zwei Hauptdarsteller nicht als ironisches Zitat, sondern zeitgeschichtliche Reminiszenz mit Schnauzern einbringt, bringt er die Normalität bürokratischer Alltagshelden ohne viel Aufhebens zum Ausdruck – ein Ausdruck, den Barones innere Monologe nochmals verstärken. “Ruhe, kühler Kopf, nicht in Panik geraten”, sagt er aus dem Off zu sich selbst, als ihm sein Zielobjekt gerade durch einen Tunnel unterm enttarnten Versteck entkommen ist, “nicht zulassen, dass Wahnsinn und Schmerz den Mann, den du aufgebaut hast, kaputt machen”.

Unterhaltsame Serie, überraschend zeitgemäß

Solche Sätze sind allerdings nicht nur vertonte Gedanken, sondern Proklamationen einer Gewissenhaftigkeit, die im Kampf gegen das Gewissenlose vonnöten ist. Weil sie der Regisseur mit einem Sounddesign unterlegt, das weitestgehend ohne die üblichen Superhits seiner popkulturellen Epoche auskommen darf, wird “The Hunter” damit fast körperlich spürbar. Weil die Metaebene korrupter Eliten zudem allenfalls eine Nebenrolle spielt, konzentriert sich alles aufs spannende Duell zweier Moralvorstellungen. Und weil sich dieses Mafia-Epos anders etwa als “The Sopranos” ein paar starke Frauen im bisweilen toxisch männlichen Cast gönnt, ist es trotz der angestaubten Ära zeitgemäß. Und unterhaltsam sowieso.

“The Hunter”, bei Magenta TV, mit Francesco Montanari, Francesco Foti, Edoardo Pesce, streambar ab heute.