Sonntag , 25. Oktober 2020
Die andauernde Hitzewelle in Sibirien alarmiert Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Quelle: Ecmwf Copernicus Climate Change

Klimaforscher warnen: Folgen der Hitzewelle in Sibirien bekommt die ganze Welt zu spüren

In der russischen Stadt Werkojansk in Sibirien wurde ein neuer, regionaler Temperaturrekord gemessen: Das Thermometer stieg auf 38 Grad – und das beunruhigt die Klimaforscher.

Moskau. Die Arktis hat Fieber – und Wissenschaftler sind besorgt, was das für den Rest der Welt bedeutet. In der russischen Stadt Werkojansk in Sibirien wurden am Samstag 38 Grad Celsius gemessen, was eine Rekordtemperatur für die Region innerhalb des Nordpolarkreises wäre, wenn sich das bei Prüfungen bestätigt. Die Wetterorganisation der Vereinten Nationen versucht derzeit, die Messung zu verifizieren.

Sibirien weist extreme Temperaturschwankungen auf

“Die Arktis brennt, im übertragenen Sinn und buchstäblich”, meint zudem Klimawissenschaftler Jonathan Overpeck von der University of Michigan mit Blick auf anhaltende Waldbrände in dem Gebiet. “Sie erwärmt sich viel schneller als wir dachten, eine Reaktion auf die steigenden Werte von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre.” Das führe zu einer rapiden Schmelze und Bränden.

Sibirien weist eine extreme Temperaturspanne auf und hat damit einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde: Schwankungen von bis zu 106 Grad wurden gemessen, von Minus 68 Grad als Tiefpunkt bis zu jetzt 38 Grad.

Ungewöhnlich hohe Temperaturen in diesem Jahr

Insgesamt sind die Temperaturen in einem großen Teil der Region in diesem Jahr ungewöhnlich hoch: Im nördlich-mittleren Sibirien lagen sie von Januar bis Mai durchschnittlich acht Grad über dem sonst üblichen Mittelwert, wie die auf Klima-Datenanalyse spezialisierte US-Einrichtung Berkely Earth errechnet hat. “Das ist viel, viel wärmer als es jemals in dieser Zeitperiode in dieser Region vorgekommen ist”, sagt Mitarbeiter Zeke Hausfather.

Für Einwohner wie Wasilisa Iwanowa ist eine Hitzewelle nicht unbedingt eine schlechte Sache: Sie ist diese Woche jeden Tag mit ihrer Familie schwimmen gegangen und hat sich in die Sonne gelegt. “Wir verbringen ganze Tage am Ufer des Flusses Lena”, sagt Iwanowa, die im Dorf Schigansk lebt, etwa 430 Kilometer von dem Ort entfernt, wo die 38 Grad gemessen wurden. Aber bei Wissenschaftlern “sollten die Alarmglocken schrillen”, schrieb Overpeck in einer E-Mail.

Waldbrände schmelzen Permafrost

Russlands arktische Gebiete zählen global zu den sich am schnellsten erwärmenden Regionen. Die Temperaturen auf der Erde sind in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen, um 0,18 Grad pro Dekade. Aber in Russland sind es 0,47 Grad – und in der russischen Arktis 0,69 Grad, wie Andrej Kiseljow, Chefwissenschaftler am geophysischen Woeikow-Observatorium in Moskau, sagt. “In dieser Hinsicht liegen wir auf dem gesamten Planeten vorn.”

Folge der wachsenden Temperaturen sind langandauernde Waldbrände, die jedes Jahr ernster werden, und der Dauerfrostboden, auch Permafrost genannt, taut – ein großes Problem, auch weil auf dem Bodeneis Gebäude stehen und Rohrleitungen verlaufen.

Vier Millionen Hektar Wald fallen Bränden 2019 zum Opfer

Auf schmelzenden Dauerfrostboden wird zum Teil eine Ölkatastrophe im Mai nahe der arktischen Stadt Norilsk zurückgeführt: Ein Lagertank war plötzlich zusammengebrochen. 2011 stürzte ein Teil eines Wohngebäudes in Jakutsk zusammen, nachdem der Boden aufgetaut war und sich dann abgesenkt hatte.

Im August vergangenen Jahres brannten der Umweltorganisation Greenpeace zufolge vier Millionen Hektar an Waldgebieten in Sibirien ab. Und hat die alljährliche Feuersaison sonst stets im Juli begonnen, war es dieses Jahr viel früher, sagt Wladimir Tschuprow von Greenpeace Russland.

Permafrost-Schmelze setzt Methan frei

Andauernd warmes Wetter, besonders gekoppelt mit Waldbränden, beschleunigt das Tauen von Permafrost, was wiederum die Erderwärmung fördert: Denn der tauende Boden setzt große Mengen von Methan frei –ein Treibhausgas, das 28 Mal stärker ist als Kohlendioxid, wie Katey Walter Anthony von der University of Alaska in Fairbanks erläutert.

Dieses Methan trete in die Atmosphäre ein und zirkuliere rund um den Globus, so die Expertin. “Methan, das aus der Arktis stammt, bleibt nicht in der Arktis. Es hat globale Auswirkungen.”

Erwärmung schwächt Jetstream

Und was sich in Sibirien abspielt, kann das Wetter in Europa und in den USA beeinflussen. Im Sommer verringere die ungewöhnliche Erwärmung den Temperatur- und Druckunterschied zwischen der Arktis und niedrigeren Breitengraden, wo mehr Menschen lebten, sagt Judah Cohen, ein Winterwetter-Experte an der US-Einrichtung Atmospheric Environmental Research.

Das scheine den Jetstream – eine starke und schnelle Westwindströmung in großer Höhe – zu schwächen und manchmal sogar zum Stocken zu bringen, so Cohen. Folge sei, dass Wettersysteme wie jene, die extreme Hitze oder Regen brächten, Tage lang über Gebieten “geparkt” bleiben könnten.

Sibirische Erwärmung wirkt sich auf globales Klima aus

Meteorologen der russischen Wetterbehörde Roschydromet meinen, dass eine Kombination von Faktoren zum Rekordtemperaturanstieg in Sibirien beigetragen hat – so ein Hochdrucksystem mit einem klaren Himmel, ein hoher Sonnenstand, lange Stunden mit Tageslicht und kurze warme Nächte. “Die Bodenoberfläche erhitzt sich intensiv. Die Nächte sind sehr warm, die Luft hat keine Zeit zum Abkühlen und erhitzt sich mehrere Tage lang weiter”, sagt Roschydromets Chefmeteorologin Marina Makarowa.

Und die ganze Welt bekommt die Folgen zu spüren, wie auch Waleed Abdalati, ein früherer Topwissenschaftler der US-Weltraumbehörde Nasa, betont: „Es ist klar, dass die Erwärmung der Arktis die Erwärmung des gesamten Planeten zusätzlich vorantreibt.“

RND/AP