Samstag , 24. Oktober 2020
Wie Ozzy Osbourne beim Eiskunstlauf: Lars Erickssong (Will Ferrell) und Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams) als isländisches Eurovisions-Duo Fire Saga. Quelle: Will Ferrell Netflix ESC

Willy hat euch lieb: US-Comedystar Will Ferrell feiert in einem neuen Netflix-Film den ESC

Eine Hommage an den Wahnsinn: US-Komiker Will Ferrell würdigt in einem Netflix-Film den Eurovision Song Contest – in der Rolle des isländischen Popträumers Lars Erickssong. “ESC – The Story of Fire Saga” ist eine Liebeserklärung an die Vielfalt und den Mut zum Anderssein.

Es kann böse in die Hose gehen, wenn Amerikaner Europäern ihre Kultur erklären. Das gilt erst recht, wenn es um Unerklärliches wie den Eurovision Song Contest (ESC) geht, bei dem sich quasi durchgehend die Frage stellt: Was zur Hölle machen die da? Der US-Komiker und Trashexperte Will Ferrell hat für Netflix einen Film über den ESC gemacht. Da war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Doch der Schmerzensmann der Comedy nähert sich dem multikulturellen Themenpark nicht mit Hohn, sondern mit Liebe. Auch wenn er im weißen Catsuit oder silberner Uniform zwischenzeitlich aussieht wie Ozzy Osbourne beim Eiskunstlauf.

Klamaukveteran Ferrell (”Die Eisprinzen”, “Old School”, “Austin Powers”) trifft auf den paneuropäischen Paradiesvogelpark – die Versuchung muss groß gewesen sein, dem Irrsinn noch einen draufzusetzen. Aber man kann schlecht ein Phänomen parodieren, das bereits wirkt wie die Parodie einer Parodie. Das ist das Donald-Trump-Paradoxon. Stattdessen erzählen Ferrell und Regisseur David Dobkin (”Die Hochzeits-Crasher”) eine klassische “Junge verfolgt seinen Traum”-Geschichte: Seit der isländische Fischerssohn Lars Erickssong (Ferrell) am 6. April 1974 vor dem Fernseher zu Abbas “Waterloo” tanzte, träumt er mit seiner herzensfrischen Duettpartnerin Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams) von der ESC-Teilnahme.

Glamour, Zwietracht, sinnlose Choreografien

Leider ist das Duo Fire Saga die Lachnummer der Nation, sabotiert von finsteren Mächten. Lars steht zudem unter der Knute seines kantigen Fischervaters (bärtig und bärbeißig: Alt-Bond Pierce Brosnan). Und die Konkurrenz schläft nicht – in Person von Demi Lovato als eiskalter Favoritin Katiana und Dan Stevens als passiv-aggressivem russischem Widersacher Alexander Lemtov. Doch dann wird aus Lars doch noch der Retter der Nation – dank eines Schusses nordischer Elfenmystik.

Glamour, Zwietracht, sinnlose Choreografien, quietschbunte Partys und eine ESC-würdige Föhnwellenpracht: “Eurovision Song Contest – The Story of Fire Saga” ist eine handwerklich saubere Hommage an den Wahnsinn und den Mut zum Anderssein. Es ist – wie der ESC selbst – ein greller Reigen von Klischees geworden, inklusive munterer Vorurteile über isländischen Inzest (”Seid ihr Bruder und Schwester?” – “Wahrscheinlich nicht …”).

Ferrell bedient sich auch gern bei Dschingis Khan (1979), Lordi (2006) und sämtlichen kalkuliert knallverliebten Paaren der ESC-Geschichte. Der Soundtrack ist voller überzuckerter Europop-Ohrwürmer (Rachel McAdams wird gesanglich von der schwedischen Sängerin Molly Sandén gedoubelt), die beim echten ESC allesamt Top-Ten-tauglich wären. Und auch das XXL-Hamsterrad der Ukrainerin Mariya Yaremchuk (“Tick Tock”, ESC 2014) spielt eine Sonderrolle.

Ein nettes Trickkleid von einem Film

Warum der ESC? Ferrell ist seit 1999 mit der schwedischen Schauspielerin Viveca Paulin verheiratet – Quell seiner persönlichen Liebe zum Song Contest. Bei den (echten) Song Contests 2018 in Lissabon und 2019 in Tel Aviv verschaffte sich der 52-jährige als Gasthörer einen Eindruck von der multilateralen Sause. Der Film entstand in Kooperation mit der Europäischen Rundfunkunion EBU. Der Hintergrund: Seit Jahren träumt die EBU von einer US-Variante des Wettbewerbs, die schon 2021 über die Bühne gehen könnte. Ferrells Film ist auch als flankierende PR-Maßnahme gedacht, um seine Heimat vom Spektakel zu überzeugen – auch wenn er die kulturelle Ignoranz seiner europaverliebten Landsleute darin heftig vergackeiert, wenn er ein tumbes amerikanisches Touristentrüppchen ordentlich zusammenscheißt (”Ist Eurovision wie ‚The Voice’?” – “Ach halt die Klappe…”).

“Beim ESC ist das Gewinnen nicht so wichtig wie das Erleben von Musik und Gemeinschaft”, sagt Ferrell selbst. “Ja, jemand wird gewinnen, aber für so viele Teilnehmer ist die gemeinsame kollektive Erfahrung alles. Das wollten wir feiern.”

Zwölf Songs entstanden für den Film, darunter der fiktive isländische Beitrag “Double Trouble”, für den der musikalische Direktor des Films mitverantwortlich war, Savan Kotecha, der schon für Ariana Grande (“God Is A Woman”), The Weeknd (“Can’t Feel My Face”), Usher (“DJ Got Us Fallin’ In Love”) und Demi Lovato (“Confident”) komponierte. “Die erste Regel für einen Musikfilm lautet: Die Musik muss großartig sein”, sagt Regisseur Dobkin. Dazu gehört auch das bizarre Werk “Volcano Man”, das Ferrell und McAdams in bizarren Kostümen im isländischen Felsgestein zelebrieren und dabei Walgesänge imitieren.

Das Drehbuch offenbart profundes ESC-Insiderwissen – dazu gehören die heimliche Angst der nationalen Delegationen vor einem Sieg und den damit verbundenen Kosten im Folgejahr. Und die Rolle des ESC-Dauerversagers spielt nicht Deutschland, sondern das zweite Sorgenkind England (”Sie ist ganz gut, aber sie kommt aus England. Alle hassen England”).

Ein Schuss mehr Anarchie hätte der Fire-Saga-Saga ganz gut getan. Zwischendurch wirkt das Ganze, als habe die EBU als eine Art musikalische Fifa noch eine Portion Pathos eingefordert (”Der ESC ist viel mehr als ein Wettbewerb!”). Aber die nordischen Götter meinten es gut mit Ferrells Euro-Vision. Sie ist kein Ersatz für den wegen der Corona-Krise abgesagten ESC 2020, aber ein nettes Trickkleid von einem Film. Ein stolzes Bataillon von ESC-Stars gibt sich in Cameo-Auftritten die Ehre. Die darf man jedoch nicht verraten, weil einem Netflix sonst Arme und Beine abhackt.

“Eurovision Song Contest – The Story of Fire Saga” , Spielfilm mit Will Ferrell, Rachel McAdams, Pierce Brosnan und Demi Lovato – bei Netflix abrufbar ab Freitag, 26. Juni ****

 

 

Von Imre Grimm/RND