Mittwoch , 23. September 2020
Wenn der Handel mit den Tieren nicht verboten oder eingeschränkt werde, verliere man in den nächsten Jahren zahlreiche Schildkrötenarten unwiederbringlich, warnen Experten. Quelle: Firdia Lisnawati/AP/dpa

Mehr als die Hälfte aller Schildkrötenarten bedroht – Experten fordern Handelsverbot

Von 360 Schildkrötenarten weltweit weiß man, doch ob es diese noch lange geben wird, ist unklar. Laut Experten ist mehr als die Hälfte der Arten vom Aussterben bedroht, da der Wildhandel mit den Tieren zunimmt. Eine Studie machte 16 „Schildkröten-Hotspots“ weltweit aus, die dringend geschützt werden müssen.

Dresden. Mehr als die Hälfte der 360 Schildkrötenarten ist vom Aussterben bedroht. Das liege vor allem am weltweiten Handel mit Schildkröten. Ein Handelsverbot für Wildfänge könnte zum Schutz der Tiere beitragen, berichten 51 Experten aus aller Welt in einer am Dienstag im Fachjournal “Current Biology” veröffentlichten Studie.

“Jedes Jahr werden weltweit Hunderttausende von Schildkröten für den Wildtierhandel gesammelt, vor allem um sie als Heimtiere zu halten oder – insbesondere in Ostasien – zu essen”, teilte die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung mit. Im Mai hätten beispielsweise mexikanische Behörden 15.000 Schildkröten beschlagnahmt, die nach China geschmuggelt werden sollten. In Madagaskar seien 2018 binnen weniger Monate etwa 18.000 Tiere konfisziert worden.

Schildkröten sind am stärksten bedrohte Tiergruppe

“Viele Schildkrötenarten leben sehr lange und legen nur wenige Eier. Das bedeutet, dass gerade solche Arten durch das Abfangen von geschlechtsreifen Weibchen in kürzester Zeit ausgerottet werden können”, erklärte der Dresdner Senckenberg-Forscher Uwe Fritz. Wenn der Handel nicht verboten oder eingeschränkt werde, verliere man in den nächsten Jahren zahlreiche Schildkrötenarten unwiederbringlich.

Fritz hat gemeinsam mit 50 internationalen Schildkröten-Fachleuten die globale Überblicksstudie zum Gefährdungsstatus aller Schildkrötenarten verfasst. Demnach sind sie weltweit eine der am stärksten bedrohten Tiergruppen überhaupt. Nach Meinung der Wissenschaftler könnten bei bestimmten Arten Zuchtprogramme mit anschließender Auswilderung helfen.

Besonders “Schildkröten-Hotspots” müssen geschützt werden

Die Studie machte zudem weltweit 16 “Schildkröten-Hotspots” aus, an denen besonders viele Schildkrötenarten leben. Der gezielte Schutz dieser Hotspots wäre besonders effektiv, um viele Arten gleichzeitig zu schützen. “In diesen Gebieten könnten Beobachtungsstationen für Schildkröten aufgebaut werden, die für den Ökotourismus genutzt werden und so der lokalen Bevölkerung eine Einnahmequelle bieten”, ergänzt Koautor Russ Mittermeier von der Naturschutzorganisation “Global Wildlife Conservation”.

Helfen könnten auch bestimmte Schildkrötenarten Zuchtprogramme. Solange ein natürlicher, intakter Lebensraum vorhanden ist, könnten die Tiere nach der erfolgreichen Vermehrung wieder in die Freiheit entlassen werden – in eine geschützte Freiheit. ”Die Española-Riesenschildkröte von Galapagos und die australische Falsche Spitzkopfschildkröte konnten so in ‚letzter Minute’ vor dem Aussterben gerettet werden – wir müssen auf jeden Fall schnell handeln, bevor es zu spät ist”, warnt Fritz.

RND/dpa