Montag , 28. September 2020
Bettina Weiss hat die Geschäftsführung bei SWO Werkzeug und Formenbau von ihrer Mutter übernommen. Quelle: Martin Kießling/ZDF/dpa

“37 Grad”: Reportage über Generationenwechsel in Familienbetrieben

Fast eine Dokusoap: In “37 Grad” wird äußerst unterhaltsam erzählt, wie Eltern die Leitung von Familienunternehmen ihren Kindern anvertrauen. Dabei stehen unter anderen zwei Frauen im Fokus, die in einer Männerdomäne das Sagen haben.

Der Titel ist etwas irreführend, denn er klingt nach Konflikt. Tatsächlich ist die Reportage “Jetzt bestimme ich!” dem Ausrufezeichen zum Trotz von Harmonie geprägt. Nick Golüke stellt in seinem “37 Grad”-Film drei Familienbetriebe vor, in denen Eltern die Leitung ihren Kindern anvertraut haben. Der Übergang ist zwar nicht in allen Fällen freiwillig, aber doch offenbar reibungslos erfolgt. Zwei der Firmen werden zudem von Frauen geleitet. Gerade bei handwerklich ausgerichteten Betrieben ist das immer noch die Ausnahme: Nur jedes sechste mittelständische Unternehmen hat eine Chefin.

Stilistisch orientiert sich Golüke inklusive des unvermeidlichen Interviews während einer Autofahrt an den üblichen Rahmenbedingungen der Reihe; der Versuch, durch den Kommentar eine gewisse Form von Dramaturgie herzustellen, lässt die Reportagen oft eher wie eine Dokusoap wirken. Sehenswert ist der Film daher vor allem wegen der drei sehr gut ausgewählten Protagonisten. Alle sind sympathisch und bodenständig: Bettina aus Oberbayern ist Mitte dreißig und leitet ein Unternehmen für Werkzeugbau, Manuela aus Niederbayern ist zehn Jahre älter und Gas- und Wasserinstallateurin. Sie sprechen sehr offen darüber, wie sie in ihre Aufgaben hineingewachsen sind und was es heißt, als Frau in einer Männerdomäne das Sagen zu haben. Beide sind zudem nach familiären Schicksalsschlägen ins kalte Wasser geworfen worden.

Staffelübergabe wie aus dem Lehrbuch

Wie aus dem Lehrbuch wirkt dagegen die Staffelübergabe bei einer Schreinerei im Spessart. Anderswo leiden Angehörige der jüngeren Generation darunter, dass die ältere nicht loslassen kann und sich ständig einmischt, aber Vater und Sohn arbeiten als Team auf Augenhöhe zusammen. Bettina wird zwar auch von ihrer Mutter unterstützt, doch die beiden Schreiner ergänzen einander offenbar perfekt. Ihre Herzlichkeit wirkte anscheinend ansteckend. Beim Gespräch ist zwischendurch auch einmal der Autor zu hören; der leutselige Tonfall, mit dem er seine Fragen stellt, spricht sehr dafür, dass er einen guten Draht zu den beiden Männern gefunden hat. Eher überflüssig ist dagegen Golükes Versuch, künstliche Spannung zu erzeugen: Die Schreinerei baut die komplette Holzausstattung eines Hotels und ist ein bisschen im Verzug, aber von der “Hektik”, die der Kommentar suggerieren will (“Es könnte knapp werden”), ist in den Bildern nichts zu sehen.

Bettinas Mutter wünscht sich “einen richtigen Meister” als Schwiegersohn, doch die Tochter erhebt Einspruch: “Man braucht keinen Mann als Meister.” Trotzdem wirkt es zunächst, als tappe auch der Autor in die Rollenfalle, selbst wenn es eingangs im Kommentar heißt, gerade das Handwerk sei von traditionellen Rollenbildern geprägt. Manuelas Sohn macht ein Praktikum im mütterlichen Betrieb und kann sich vorstellen, das Unternehmen eines Tages zu übernehmen. Für die Tochter hat der Film dagegen typische Klischeebilder: Golüke zeigt sie, wie sie sich gemeinsam mit einer Freundin zurechtmacht. Zum Glück kriegen beide, die Tochter und die Reportage, noch die Kurve: Später besucht das Filmteam das Mädchen in der Realschulklasse, als sie im BWL-Unterricht eine Rentabilitätsrechnung für die mütterliche Firma aufmacht; jetzt sieht auch sie dort ihre Zukunft.

Filmische Idylle wird beeinträchtigt

Damit ein bisschen Stimmung aufkommt, hat Golüke noch ein paar Aufnahmen von Bettinas halsbrecherischer Bergabfahrt auf dem Mountainbike eingefügt; das hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, sieht aber spektakulär aus.

Gegen Ende wird die filmische Idylle dann allerdings doch noch erheblich beeinträchtigt. Golüke hat die drei Betriebe ein Jahr lang mehrfach besucht. Die letzte Stippvisite bei Bettina erfolgte erst vor wenigen Wochen: Das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass die Werkshalle verwaist ist. Aber Not macht erfinderisch, und so kann der Film selbst in Zeiten der Krise halbwegs versöhnlich enden.

“37 Grad” läuft am Dienstag, 23. Juli, um 22.15 Uhr im ZDF.

RND