Karin Oehl schaut in ihrem Keller nach einem verletzten Igel. Mit Knopfaugen und Stacheln sind die possierlichen Tiere jetzt auch in Gärten unterwegs. Doch viele Igel überleben den Sommer nicht. Immer mehr von ihnen geraten unter messerscharfe Schneidetechnik. Quelle: Marius Becker/dpa

Igel in Gefahr: Mähroboter werden zur tödlichen Falle

In geschützten Gärten fühlt sich der Igel besonders wohl. Doch immer häufiger lauert dort eine neue Gefahr: Naturschützern zufolge geraten Igel zunehmend unter Mähroboter. Die Folgen können für das Stacheltier und andere kleine Gartenbewohner tödlich sein.

Berlin/Hamburg. Schnauze wegrasiert, Schädeldecke zertrümmert, Beine abgehauen. Immer wieder geraten Igel in deutschen Gärten unter Mähroboter. Für den Menschen bequem, kann die moderne Technik für die Stacheltiere zur Todesfalle werden. “Uns erreichen immer mehr solcher Meldungen”, sagt Moritz Franz-Gerstein von der Deutschen Wildtier Stiftung in Hamburg. Er geht von Hunderten verletzten und getöteten Igeln im Sommer aus, Tendenz zunehmend. Eine genaue Statistik gebe es aber nicht. Auch Schlangen, Kröten und Molche werden der Stiftung zufolge von den Geräten zerfetzt.

Schätzungen gehen von etwa 20 Millionen Privatgärten deutschlandweit aus. Igel sind nachtaktiv, erst in den Abendstunden tippeln sie los und suchen nach Insekten oder Würmern. Bei Gefahr rollen sie sich zu einer Kugel zusammen und bewegen sich nicht mehr. “Das wird ihnen zum Verhängnis. Besonders Dämmerungs- und Nachtstunden sind gefährlich für die Igel”, sagt Franz-Gerstein. In dieser Zeit sollten die Roboter darum möglichst nicht durch den Garten fahren.

Testläufe mit Igel-Dummys

Offenbar erfassten die Sensoren der Geräte tierische Hindernisse nicht immer und stoppten daher nicht. “Die Stellschraube ist die Sensorik”, meint Franz-Gerstein. “Die Geräte müssen besser werden.” Er kenne eine Hersteller-Firma, die bereits mit Igel-Dummys ein Halte-Szenario teste. Ohnehin aber seien vom Roboter millimeterkurz gemähte Rasenmonokulturen und kahle Steinlandschaften schlecht für die Artenvielfalt.

Auch die Jägerstiftung Natur+Mensch weist auf Gefahren hin. Die Roboter sollten nur tagsüber unter Aufsicht auf den Rasen, heißt es auf ihrer Website. Wer die Geräte ständig laufen lasse, vernichte auch Insekten, Kleinsäuger und Schnecken, die für das Ökosystem wichtig seien. Häufiges Mähen verhindere zudem, dass sich Nektarquellen für Insekten wie etwa Klee-Blüten bilden.

Gerade erst hat die Heinz Sielmann Stiftung den heimischen Igel zum Gartentier 2020 gekürt. Er setzte sich bei einer Online-Abstimmung vor der Gehörnten Mauerbiene und dem Gartenrotschwanz durch. Der Igel werde immer rarer. “Heimlich, still und leise ist das Stacheltier europaweit in Bedrängnis geraten”, heißt es bei der Stiftung. Auch hier gibt es einen Ratschlag: “Wenn Igelmütter mit ihren Jungtieren tagsüber im Garten unterwegs sind, sollte der Roboter gänzlich in Urlaub geschickt werden.”

Mähroboter auch für Kleinkinder gefährlich

Die Stiftung Warentest hat in ihrer Zeitschrift “test” (April 2020) kein günstiges Urteil in Mährobotern abgegeben: Von elf getesteten Modellen konnte demnach keines die Sicherheit von kleinen Kindern gewährleisten. Zwei Geräte schnitten demnach den Nachbau eines krabbelnden Kinderfußes an, fast alle zerkratzten einen liegenden Kinderarm aus Holz, manche zerteilten ihn gar.

Fast noch gefährlicher als Mähroboter findet Igelfreundin Karin Oehl aus Pulheim in Nordrhein-Westfalen Rasentrimmer mit ihren rotierenden Drähten. Grünflächenämter etwa setzten sie unter Hecken und Büschen ein. “Und die Igel schreien nicht”, sagt die 76-Jährige. “Kleine Igel werden regelrecht zerschnitten.” Seit April seien ihr schon Dutzende verletzte Stacheltiere gebracht worden. Oehls Forderung: Den tiergefährlichen Geräten sollte beim Kauf ein Warnhinweis beigelegt werden.

dpa/RND