Dienstag , 22. September 2020
Der “Tatort” wird jeden Sonntag von mehreren Millionen Menschen gesehen. Zurzeit ist die Krimireihe in der Sommerpause. Quelle: ARD Das Erste/ARD/SF DRS/ORF/obs

Entstehung von “Tatort”-Drehbüchern: Die Köpfe hinter dem Krimistoff

Der “Tatort” wird jeden Sonntag von mehreren Millionen Menschen im Fernsehen gesehen. Doch wie entstehen die Ideen und Drehbücher für die beliebteste Krimireihe der Deutschen? Ein Drehbuchautor, ein Redakteur und ein Programmbereichsleiter sprechen über die Produktion.

Der “Tatort” ist Deutschlands beliebteste Krimiserie: Mehrere Millionen Menschen sitzen sonntags vor dem Fernseher, um Maria Furtwängler, Thiel und Boerne, Borowski und Co. bei den Ermittlungen in komplizierten Mordfällen zuzusehen. Doch wie entstehen eigentlich die Stoffe der geschätzten TV-Reihe? Und wer entscheidet, ob es im aktuellen Fall um Kindesmissbrauch, künstliche Intelligenz oder doch um einen sozialen Brennpunkt geht?

Die Landesrundfunkanstalten haben eigene Teams von Redakteuren und Redakteurinnen, die sich mit den “Tatort”-Stoffen und der Umsetzung beschäftigen. Sie arbeiten mit Produktionsfirmen zusammen, die wiederum im Austausch mit Drehbuchautoren und -autorinnen sind und dann den zuständigen Redakteuren Drehbücher vorschlagen.

WDR-Redakteur Tönsmann ruft 2012 Dortmunder “Tatort” mit ins Leben

Einer derjenigen, die dann mitentscheiden, welche Stoffe genommen werden, ist Frank Tönsmann. Der WDR-Redakteur war von 2009 bis 2012 für den Kölner “Tatort” mit Ballauf und Schenk (Klaus Behrendt und Dietmar Bär) zuständig. 2012 hat er dann den Dortmunder “Tatort”, in dem seitdem unter anderem Faber und Bönisch (Jörg Hartmann und Anna Schudt) ermitteln, mit ins Leben gerufen und ist dafür aktuell zuständig.

“Der klassische Weg ist, dass uns die Produktionsfirma einen Stoff vorschlägt”, erzählt Tönsmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über die ersten Schritte zum “Tatort”-Drehbuch. Die Produktionsfirmen arbeiteten dabei oft mit schon renommierteren Drehbuchautoren und -autorinnen zusammen, entdeckten aber auch immer mal wieder neue. Er bekomme dann eine Präsentation mit Ideen von Produzent und Drehbuchautor, berichtet der Redakteur. Wenn mehrere Ideen vorliegen, werde entschieden, ob sie mit einer davon in die Entwicklung gehen – die finale Entscheidung liege dann beim Programmbereichsleiter. Was dann trotzdem noch nicht bedeutet, dass der Stoff am Ende tatsächlich im Fernsehen zu sehen sein wird. Auch während der Entwicklung kann ein Stoff noch abgestoßen werden, wenn sich das Drehbuch nicht so entwickelt wie erhofft.

Es komme aber auch hin und wieder vor, dass er mit einer Themenidee auf eine Produktionsfirma zugehe, erzählt Tönsmann. “Damit bin ich aber vorsichtig. Thematische Vorgaben führen oft nicht zu den besten Drehbüchern”, sagt der WDR-Redakteur. Meist sei es besser, wenn die Grundidee tatsächlich vom Drehbuchautor stamme. Üblicher sei es aber, dass auf einen schon vorhandenen Aspekt einer Drehbuchidee ein größerer Fokus gelegt werde als vielleicht anfänglich vom Autor gedacht. Beispiel: “Im nächsten Dortmunder ‘Tatort’ geht es um den Umgang neuer Medien mit Nachrichten und um Fake News. Das Thema war im ersten Pitch nur am Rande drin, wir fanden das aber so spannend, dass der Autor es weiter ausgearbeitet hat”, so Tönsmann.

NDR-Fernsehfilmchef Granderath entscheidet, welches Drehbuch genommen wird

Dass es verschiedene Vorgehensweisen gibt – also dass Autoren von der Redaktion explizit für ein “Tatort”-Drehbuch angefragt werden oder aber, dass sich die Redaktion mit einer Idee an eine Produktionsfirma wendet –, kann NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath bestätigen. Beim NDR ist er derjenige, der entscheidet, ob ein “Tatort”-Drehbuch schlussendlich genommen wird oder nicht, “natürlich im Dialog mit den Redakteuren und Redakteurinnen”, sagt er dem RND.

Auf der anderen Seite stehen die Drehbuchautoren. Einer davon ist der Berliner Wolfgang Stauch. Schon etwa zehn seiner “Tatort”-Drehbücher wurden verfilmt, außerdem auch Drehbücher für den “Polizeiruf 110”. Zuletzt lief unter anderem der SWR-“Tatort: Du allein” aus Stuttgart von ihm im TV – und spielte eine Erfolgsquote ein. Mehr als zehn Millionen Menschen sahen den Krimi. “Je etablierter man als Drehbuchautor ist, desto eher kommen die Leute natürlich auf einen zu”, erzählt Stauch dem RND. Komplette Newcomer hätten kaum eine Chance. “Man muss sich hocharbeiten”, so seine Einschätzung.

Drehbuchautor bekommt auch mal Genrevorgaben

Teilweise werde ihm freie Hand bei Thema und Genreeinschlag gelassen, teilweise bekomme er aber auch Vorgaben, erzählt Stauch. “Beim letzten Stuttgart-‘Tatort’ habe ich das Briefing bekommen, dass ich einen Thriller versuchen soll. Jetzt für den nächsten Stuttgart-Fall ist dann eher der Wunsch nach etwas Komödiantischem da.” Er habe aber bei einem Bodensee-“Tatort” auch mal den Hinweis bekommen, dass es um Obdachlose gehen solle. Die Redakteure beeinflussen das Drehbuch auch mit.

So sagt auch WDR-Redakteur Tönsmann über seinen Job: “Ich bin vom Grundsatz her auch Dramaturg.” In Zwischenbesprechungen werde die Entwicklung des Drehbuchs thematisiert, und die Redakteure behielten auch im Blick, ob in bestimmten Städten bestimmte Themen besonders präsent sind und mal in einem “Tatort” aufgenommen werden sollten. Als Beispiel nennt er Probleme in Dortmund mit Neonazis und Rechten, daraus entstand später der Krimi “Hydra”. “Aber der ‘Tatort’ wird bundesweit gesehen, wir versuchen das also trotz regionaler Prägung universell zu erzählen”, erläutert Tönsmann das Vorgehen. Bedeutet: Auch Zuschauer, die beispielsweise nicht aus Dortmund kommen und nichts von der Szene dort wissen, müssen die inhaltlichen Zusammenhänge ohne Mühe verstehen können.

Ist eine Idee dann vielversprechend, geht sie in die Entwicklung. “Vom Pitch bis zum fertigen Drehbuch dauert es meist ein bis zwei Jahre”, erzählt Tönsmann. Dazwischen liegen etliche Drehbuchbesprechungen. Erst dann werde die Produktionsentscheidung getroffen. “Nicht alles wird am Ende auch gedreht”, so der Redakteur. Natürlich versuchten sie aber, dass die entwickelten Stoffe auch ins Fernsehen kommen. Drehbuchautor Stauch erzählt, dass ein Stoff fast bis zum Ende der Entwicklung nicht sicher ist: “Das kann an jeder Stelle scheitern”, sagt er.

Dopplungsgefahr wegen der vielen “Tatort”-Folgen

“Vor dem ersten Pitch gibt es meist schon eine kurze mündliche Besprechung”, erzählt Stauch zum Vorgehen auf dem Weg zum fertigen Drehbuch. Danach reiche er die etwa drei bis zehn Seiten Pitch ein. “Gerade bei ‘Tatorten’, die es schon lange gibt wie Köln oder Ludwigshafen, besteht sonst die Gefahr von Dopplung.” Schließlich gibt es aus den Städten teilweise schon mehr als 70 Folgen, die die Drehbuchautoren nicht alle gesehen haben können. Auch zwischen den Städten kommt es immer wieder zu unvermeidbaren Themendopplungen. Wenn es dann an das richtige Drehbuch geht, gibt es fast immer mehrere Fassungen. “Dass die erste Drehbuchfassung so gedreht wird, passiert eigentlich nie”, erzählt der Autor. Es gebe fast immer mindestens drei Fassungen, etwa fünf seien der Normalfall. “Mein Rekord liegt bei neun”, scherzt Stauch.

Weil die Entwicklung eben ein bis zwei Jahre dauert, müssen die Stoffe auch zeitunabhängig funktionieren – auch wenn natürlich immer wieder aktuelle Tendenzen aufgenommen werden. “Ich war bisher zum Glück noch nicht in der Situation, dass etwas komplett inaktuell geworden ist”, erzählt Redakteur Tönsmann. Allerdings sei ein “Tatort” plötzlich mal aktueller geworden als gewollt: “Der Dortmunder ‘Tatort: Sturm’ wurde durch den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 auf einmal so aktuell, dass wir ihn verschieben mussten, weil das sonst pietätlos gewesen wäre.” Der Krimi wurde dann statt an Neujahr 2017 im April des Jahres erstmals ausgestrahlt.

Veränderungen am Drehbuch durch Orte und Schauspieler

Auch durch Drehorte und Schauspieler könne es noch mal Veränderungen am Drehbuch geben. “Wenn es solche Drehorte wie im Buch beschrieben nicht gibt, kann es sein, dass man noch mal etwas ändern muss – oder wenn ein gecasteter Schauspieler doch etwas anders ist als beschrieben”, erzählt Autor Stauch. Er lässt sich nicht durch tatsächlich existierende Orte inspirieren, das kommt alles aus seiner Fantasie. “Ich schreibe allein zu Hause oder im Büro. Die Ideen kommen mir oft beim Rauchen.” Auch Zeitungsartikel könnten ihn manchmal inspirieren.

Der Regisseur, der teilweise erst später einsteige und nicht schon am Anfang der Entwicklung, habe oft auch noch mal Änderungswünsche, so Stauch. Dasselbe gelte für die Schauspieler, mit denen es meist noch eine Leseprobe gebe und die auch manchmal Änderungen wollten – “nicht immer zum Guten des Buchs”, meint Stauch. Mit dem Dreh selbst hat er dann nichts mehr zu tun, sodass auch der Drehbuchautor vom Endprodukt, das der Zuschauer im TV sieht, überrascht wird. “Manchmal wird man positiv überrascht, manchmal negativ. Letzteres passiert nicht ganz selten”, so sein Fazit.

Von Hannah Scheiwe/RND